Dialog

Voneinander lernen

Foto: Thinkstock

Am Sonntag wird 500 Jahre nach der Reformation Martin Luthers in der Frankfurter Paulskirche die »Woche der Brüderlichkeit« eröffnet. Am Tag darauf treffen sich Rabbiner der Orthodoxen und der Allgemeinen Rabbinerkonferenz mit Bischöfen der evangelischen und katholischen Kirche zum alljährlichen Gedankenaustausch. Man könnte meinen, so sollte es nicht nur sein, sondern so wäre es schon immer gewesen.

Aber nein! Vor 84 Jahren – 1933 – wurde anlässlich des 450. Geburtstags Martin Luthers am 10. November mit einer antisemitischen Großveranstaltung im Berliner Sportpalast gefeiert. Am 9. und 10. November 1938 gab es jenes »Feuerwerk« zum Geburtstag des Reformators, der in seiner Schrift Von den Juden und ihren Lügen das Niederbrennen von Synagogen angeregt hatte.

ns-terror Ausweislich der »Berichte aus dem Reich« des Sicherheitsdienstes der NSDAP haben nur wenige protestantische Pfarrer in ihren Predigten am darauffolgenden Sonntag kritisch dazu Stellung genommen, dass der NS-Terror auch vor Gotteshäusern nicht haltmachte. 1946 machte aber dann vor dem Internationalen Militärgerichtshof der dort angeklagte Herausgeber des NS-Hetzblattes »Der Stürmer«, Julius Streicher, mit dieser Schrift Luthers in der Hand geltend, was der Reformator geboten habe, könne doch kein Unrecht sein.

Im Gegensatz zu vielen anderen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen, die erst nach dem 30. Januar 1933 eintraten, wurde die moderne Form des Judenhasses schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts von keinem anderen als dem protestantischen Hofprediger Adolf Stoecker mit dem Slogan »Die Juden sind unser Unglück« salonfähig gemacht, wobei sich auch dies in eine am Ende zwei Jahrtausende währende, oft militante und todbringende Judenfeindschaft der Kirchen einfügt.

Jetzt könnte man einwenden: »Aber doch heute nicht mehr!« Kirchen und Synagogen stehen einträchtig beieinander, es gibt landauf, landab anlässlich von Gedenktagen gemeinsame Gebete oder auch christlich-jüdische Gemeinschaftsfeiern. Die EKD hat sich mit Synodalbeschlüssen 2015 zu »Martin Luther und die Juden – Notwendige Erinnerung zum Reformationsjubiläum« vom Judenhass des Reformators distanziert und sich 2016 – sich auf die »bleibende Erwählung Israels« berufend – von der Judenmission abgewandt.

buber-rosenzweig-medaille Die Konferenz Landeskirchlicher Arbeitskreise Christen und Juden erhält im Rahmen der Eröffnung der diesjährigen Woche der Brüderlichkeit die Buber-Rosenzweig-Medaille für ihre Verdienste im christlich-jüdischen Dialog. Was sich vor 70 Jahren keiner vorzustellen vermochte: Die EKD hat ein Bekenntnis zu »christlicher Mitverantwortung« am nationalsozialistischen Völkermord abgelegt, es gibt Arbeitshilfen für Gottesdienst, Gemeindearbeit und Konfirmandenunterricht im christlich-jüdischen Dialog. Im Umfeld christlich-jüdischer Gesellschaften pflegen Juden und Christen regen Austausch.

Und doch gibt es Sperrfeuer an der Berliner Theologischen Fakultät, die mal eben wieder einen deutschen Sonderweg gehen will, ähnlich wie die NS-Christen die Hebräische Bibel zur apokryphen Schrift herabstufen wollten. Auch jetzt gibt es an dieser Fakultät Lehrende, die massiv versucht haben, den Synodalbeschluss gegen die Judenmission abzuwenden, gibt es einen Berliner Pfarrer für »interreligiösen Dialog«, der sein Gehalt vom Evangelischen Missionswerk bezieht und das Leid der Palästinenser (Nakba) mit der Schoa gleichsetzt.

Und wenn man ostwärts in Europa geht, dann wird klar, dass nicht alle der vor einem halben Jahrhundert auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Juden betreffenden Beschlüsse an der Basis der katholischen Kirche angekommen sind. Und so manche orthodoxe Kirche vermag sich einen Dialog mit dem Judentum nicht vorzustellen, ja praktiziert gedankenlos einen traditionellen Antijudaismus, auch wenn es kaum oder keine Juden in ihrem jeweiligen Einzugsgebiet gibt.

motto Unsere Zeit ist zunehmend von einem militanten Egoismus und von einer rücksichtslosen Zerstörung der Schöpfung geprägt. Da kommt den zwei aus der gleichen Lehre entwickelten, aber jetzt doch sehr unterschiedlichen Glaubensweisen eine gemeinsame Verantwortung zu, die das Motto der diesjährigen Woche der Brüderlichkeit sehr gut zum Ausdruck bringt: »Nun gehe hin und lerne«.

Nach dem Kern der biblischen Religion wurde Rabbi Hillel einmal von einem Nichtjuden gefragt: »Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht! Das ist die ganze Lehre, und alles andere ist Erläuterung. Geh hin und lerne!« Es wäre wunderbar, wenn die Woche der Brüderlichkeit, als älteste Bürgerinitiative zur Verständigung in anfangs aussichtsloser Lage, nicht nur im Umgang zwischen Christen und Juden, zwischen Juden, Christen und Muslimen, sondern auch im Umgang von Staaten untereinander nachgeahmt würde und ein Vorbild bliebe.

Der Autor ist jüdischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Nahost

Wie der Konflikt im Libanon den US-Deal mit Iran gefährdet

Der Gesprächsbeginn zwischen Washington und Teheran in der Schweiz lässt auf sich warten. Derweil spitzt sich die Lage zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon zu. Es gibt Tote auf beiden Seiten

von Hans Dahne, Christoph Meyer, Mathis Richtmann  19.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

Berlin

Nouripour zu Iran-Rahmenabkommen: »Weg in Normalität für Regime«

Ist das Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran ein Weg in den Frieden? Bundestagsvizepräsident Nouripour bezweifelt das. Die Übereinkunft gebe dem Iran vielmehr »eine andere Legitimität«

 19.06.2026

Bayreuth

Bayreuther Gedenkveranstaltung mit Michel Friedman soll nun doch stattfinden

Eine Gedenkveranstaltung zum Bayreuther Festspieljubiläum wird geplant, dann abgesagt. Michel Friedman und Charlotte Knobloch zeigen sich entsetzt – jetzt rudert das weltbekannte Opernfestival zurück

 19.06.2026

Washington D.C.

Republikaner kritisieren Trumps Iran-Abkommen ungewöhnlich scharf

»Die Geschichte zeigt, dass es eine außergewöhnlich schlechte Idee ist, Milliarden Dollar an theokratische Verrückte zu geben, die uns ermorden wollen«, sagt Senator Ted Cruz

 19.06.2026

Wahlkampf in Israel

Trump signalisiert Unterstützung für Netanjahu

»Ich werde mir ansehen müssen, wer kandidiert, aber ich mag Bibi sehr«, sagt der amerikanische Präsident

 19.06.2026

Genf

Absage aus Bern: Heute keine USA-Iran-Gespräche

Abkommen unterzeichnet, Treffen abgesagt: Die geplante Gesprächsrunde in der Schweiz findet heute doch nicht statt

 19.06.2026

Bayreuth

Scharfe Kritik nach abgesagter Gedenkveranstaltung

Eine Gedenkveranstaltung zum Festspieljubiläum wird geplant, dann abgesagt. Charlotte Knobloch ist entsetzt über die Bayreuther Festspiele

 19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026