Pluralität

Vielfalt in der Einheit

»One Community«: eine Gemeinschaft, so bunt und vielfältig wie die Kopfbedeckungen Foto: Marco Limberg

Was macht ein Jude, der auf einer einsamen Insel strandet? Er baut zwei Synagogen. Die erste Synagoge, in die er geht. Die zweite, in die er niemals gehen würde. Diese altbekannte Anekdote steht sinnbildlich für die lebhafte Debattenkultur, die das Judentum stets geprägt hat.

Gerade in Deutschland ist die jüdische Gemeinschaft seit jeher von Vielfalt gekennzeichnet. Deutschland ist das Land, in dem die großen jüdischen Gelehrten wie Gerschom ben Jehuda, Raschi, Moses Mendelssohn, Samuel Hirsch und Martin Buber das orthodoxe und liberale Judentum prägten.

Aber machen wir uns nichts vor. Vielfalt kann auch anstrengend sein. Sie fordert uns heraus, ein Miteinander zu gestalten, das nicht lediglich ein beziehungsloses Nebeneinander ist, sondern sich in einem gemeinschaftlichen Miteinander realisiert. In einem Miteinander, das sich seiner komplexen Pluralität bewusst ist, ohne in Beliebigkeit zu zerfallen.

interessen Die innerjüdische Pluralität ist für unsere Gemeinschaft aber nicht neu. Als die wenigen Überlebenden der Schoa aus den DP-Lagern zurückkehrten, waren sie sich in einem einig, dass man als kleine jüdische Gemeinschaft – unabhängig von den eigenen religiösen Überzeugungen – nur als eine Einheit erfolgreich die jüdischen Interessen vertreten können wird. So wurden Einheitsgemeinden gegründet, in denen Juden aller religiösen Richtungen unter einem Dach ein Zuhause finden konnten.

Am 19. Juli 1950 gründeten Überlebende und Rückkehrer in Frankfurt am Main eine zentrale Vertretung der jüdischen Gemeinden und Landesverbände. Der Zentralrat der Juden in Deutschland, der als Nachfolgeorganisation des Deutsch-Israelitischen Gemeindebunds und des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gegründet wurde, hat durch sein Wirken überhaupt erst wieder die Voraussetzungen für eine mögliche Pluralität des Judentums in Deutschland nach der Schoa geschaffen.

Der Zentralrat gründete und unterhält eine orthodoxe sowie eine liberale Rabbinerkonferenz, gründete und unterstützt eine traditionelle sowie eine liberale Rabbiner- und Kantorenausbildung und hilft vor allem kleinen Gemeinden mit orthodoxen und liberalen Wanderrabbinern und -kantoren. Den Vätern und Müttern des Zentralrats ist es frühzeitig gelungen, eine Struktur zu schaffen, die alle religiösen Richtungen des Judentums abbildet und auf die viele jüdische Gemeinschaften in Europa neidvoll hinaufschauen.

garant Zudem ist der Zentralrat der Garant dafür, dass das Judentum stets mit einer starken politischen Stimme spricht. Die politische Einheit ist deshalb nicht verhandelbar. Wer diese vor dem Hintergrund scheinbar konkurrierender monetärer Interessen infrage stellt, handelt nicht nur verantwortungslos der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland gegenüber, sondern handelt gegen den Geist der Vielfalt in der Einheit.

Der Zentralrat hat sich immer den Herausforderungen seiner Zeit gestellt. Nachdem sich der Zentralrat intensiv für die »Wiedergutmachung« des nationalsozialistischen Unrechts starkmachte, widmete er sich in den Jahren darauf dem intensiven Kampf gegen den Antisemitismus und unterstützte die Annäherung zwischen Deutschland und Israel. Mit der Integration der jüdischen Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion ist uns wohl der nachweislich größte Erfolg gelungen. Auch die Durchsetzung der Ghettorenten im Jahr 2013 war ein wichtiger Schritt, um nur einige herausragende Beispiele zu nennen.

Innerjüdische Pluralität ist in Deutschland keine Floskel. Seit Jahrzehnten fördert der Zentralrat eine Vielzahl jüdischer Initiativen. Mit Partnern wie der ZWST, Makkabi, WIZO, Limmud, Tarbut, Hillel, Taglit, Jung und Jüdisch, Morascha, ZJD und vielen mehr wird tagtäglich ein plurales jüdisches Leben in Deutschland gestaltet. Nicht nebeneinander, sondern miteinander.

synagoge Wenn heute in der Frankfurter Westend-Synagoge im selben Gebäude G’ttesdienste dreier verschiedener religiöser Richtungen ausgerichtet werden oder die Berliner Jüdische Gemeinde mehrere Synagogen unterschiedlicher Ausrichtungen unterhält, dann muss in der Vergangenheit einiges richtig gemacht worden sein. Immer wieder müssen wir uns klarmachen, wie wertvoll uns diese Einheit sein muss.

Denn eines ist sicher: Die Herausforderungen werden auch in Zukunft nicht kleiner. Man muss nicht die Bedrohungsszenarien von außen bemühen, wie den Aufstieg der Rechtspopulisten, Israelhass, Antisemitismus oder den islamistischen Extremismus. Auch innerjüdisch stehen wir vor Herausforderungen, denen es zu begegnen gilt. Der demografische Wandel geht an der jüdischen Gemeinschaft nicht vorbei. Eine ganze Generation von jüdischen Zuwanderern leidet an Altersarmut, da ihre Rentenansprüche aus dem Herkunftsland nicht anerkannt werden. Gerade hier bedarf es einer starken jüdischen Stimme, die die Interessen unserer Menschen vertritt.

Die Vielfalt in der Einheit gilt es zu bewahren, damit unsere Gemeinden auch in Zukunft Orte der Gemeinschaft und des Miteinanders sind. Dies kann aber nur gelingen, wenn wir alle an einem Strang ziehen.

Der Autor ist Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das deutsche Zentrum für Antisemitismusleugnung

Ein Kommentar von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

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