Standpunkt

Unter einem Dach

Religiöse Anziehungskraft: Die Gemeinden müssen eine Politik der Integration, nicht der Ausgrenzung betreiben. Foto: (M) Marco Limberg

Wenn sich diese Woche Vertreter jüdischer Gemeinden zum Gemeindetag versammeln, ist dies einmal mehr Anlass, über die Bedeutung der »Gemeinde« nachzudenken. Die traditionelle Kehilla war eine Institution, die über Jahrhunderte hinweg ihre eigenen Belange weitgehend autonom regeln konnte. In den meisten westlichen Staaten hat sich das Gemeindeprinzip im 19. oder frühen 20. Jahrhundert aufgelöst. Eine Jüdische Gemeinde von London oder New York im Sinne unserer Kultusgemeinden wäre unvorstellbar.

Dass sie in Deutschland weiterbestand, ist vor allem mit der stärkeren Bindung zum Staat, konkret mit der Zahlung von Kirchensteuern, begründet. Doch gab es auch andere Motive. Nach der Schoa war es ein moralisches Gebot, der Jüdischen Gemeinde beizutreten. Zudem waren die Gemeinden meistens so klein, dass jeder jeden kannte und ein Austritt eine soziale Ächtung zur Folge hatte.

zuwanderer In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich nun vieles verändert. Zuwanderer aus anderen Gesellschaften können oftmals die Gründe, einer jüdischen Gemeinde anzugehören und dementsprechend Steuern zu zahlen, nicht nachvollziehen. Dies gilt nicht nur für die zahlreichen Neuankömmlinge aus der ehemaligen Sowjetunion, sondern auch für viele Israelis und amerikanische Juden.

Schon seit einigen Jahren sind die Mitgliederzahlen der Gemeinden wieder rückläufig. Heute leben in Deutschland wahrscheinlich ebenso viele Juden ohne Gemeindemitgliedschaft wie in den Gemeinden. Allein in Berlin gibt es mehr Israelis, als die Gemeinde Mitglieder zählt! Das alte Prinzip der sozialen Ächtung funktioniert nicht mehr, um sie zurückzuholen.

Vor 1933 waren die jüdischen Einheitsgemeinden in der Tat Einheitsgemeinden. Das heißt, unter einem Dach waren die verschiedenen religiösen Strömungen vertreten. Die Gemeinden, die es sich zahlenmäßig und finanziell leisten können, mehrere Rabbiner und Gebetsformen anzubieten, sollten diesem Prinzip der Einheitsgemeinde auch heute Folge leisten. Das Prinzip der Einheit (Klal Israel) war bereits im 19. Jahrhundert vielen orthodoxen Rabbinern wichtiger als das Prinzip der Reinheit und die daraus resultierende Spaltung. Gewiss, vieles hat sich seitdem verändert, und dennoch sprechen zahlreiche Gründe dafür, den religiösen Pluralismus innerhalb der Gemeinden zu belassen und nicht nach außen zu verlagern.

anziehungskraft Wichtiger als die Richtung ist die religiöse Anziehungskraft. Wir können uns nicht damit zufriedengeben, wenn in den Gemeinden ein kleiner Kern hart gesonnener Orthodoxer oder Liberaler sich um ihren Guru schart und die anderen 90 Prozent der Gemeinde wegbleiben. Wir brauchen Rabbiner, egal welcher Richtung, die eine Sprache finden, die auch Jugendliche wieder anzieht und die weniger Religiösen mit einbezieht. Hier gibt es positive Zeichen: eine neue Generation deutschsprachiger Rabbiner, die bewiesen hat, dass dies möglich ist.

Ob wir es wollen oder nicht, die meisten Juden in Deutschland – wie überall anderswo – rechnen sich keiner bestimmten religiösen Strömung zu, sondern verstehen sich in einem kulturellen oder historischen Sinn als Juden. Religion ist nur eines der Elemente, die unsere Gemeindemitglieder ans Judentum bindet. Auch dies wird sich kaum ändern – warum auch sollten die Synagogen voller sein als die Kirchen?

Die Gemeinden müssen eine Politik der Integration, nicht der Ausgrenzung betreiben. Die meisten Juden in Deutschland leben mit nichtjüdischen Partnern. Wenn man diesen Personenkreis und ihre Kinder zu Gemeindemitgliedern zweiter Klasse degradiert, werden bald nicht mehr viele in der ersten Klasse übrig bleiben.

zwecke Lange Zeit hieß es, jüdische Kultur sei doch nur etwas für die Nichtjuden. Man beginnt zu verstehen, dass jüdische Kulturtage, Museen, universitäre Einrichtungen und Volkshochschulen nicht nur dazu da sind, um die anderen über uns aufzuklären, sondern auch für unsere ureigenen Zwecke. Der enorme Erfolg von Veranstaltungen wie Limmud, Tarbut, aber auch dem Gemeindetag und vielen lokalen Initiativen zeigt, dass der interne Austausch, der mit Lernen und Kennenlernen verbunden ist, heute besonders wichtig ist. Die meisten von uns sind keine 365-Tage-Juden, aber auch keine Drei-Tage-Juden. Das Jüdische spielt eine wichtige Rolle in ihrem Leben, aber nicht die einzige. Wenn es attraktiv dargeboten wird, dann wird es auch angenommen.

Die Richtung stimmt. In den vergangenen Jahren hat der Zentralrat bereits viel unternommen, um die Attraktivität jüdischen Lebens zu erhalten und zu steigern. Die Bedürfnisse von Zuwanderern und Alteingesessenen, von Orthodoxen und Liberalen, von Religiösen und Atheisten sind verschiedene, aber alle sind zu respektieren. Die historischen Gegebenheiten in Berlin sind andere als in Frankfurt oder München, die Möglichkeiten in einer Kleingemeinde andere als in der Großstadt. Die Einheitsgemeinde soll bleiben, aber man darf sie nicht mit einem Einheitsbrei verwechseln. Die Einheitsgemeinde der Zukunft ist eine Vielfaltsgemeinde.

Der Autor ist Professor für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

New York

Trump ruft Staaten zu Austritt aus Strafgerichtshof auf

Die USA erkennen den IStGH nicht an, der unter anderem gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu einen Haftbefehl erlassen hat. Jetzt legt der amerikanische Präsident nach

 23.09.2026

Sachsen-Anhalt

Machtpoker in Magdeburg - BSW als Zünglein an der Waage

Nach der Wahl von vor zweieinhalb Wochen tasten sich AfD und BSW bei Gesprächen langsam vor. Ein Patt im Landtag könnte die Regierungsbildung jedoch zur Zitterpartie machen. Und das ist nicht die einzige Hürde

von Christopher Kissmann  23.09.2026

Berlin

SPD setzt Linken Stoppsignal: Antisemitismus nicht mit uns

Die Linke in der Hauptstadt möchte mit SPD und Grünen zusammen regieren. Aber sie steht wegen mehrerer Vorfälle in der Kritik. Die SPD-Bundesspitze schaltet sich nun ein und macht eine klare Ansage

 23.09.2026

Berlin

DIG warnt vor Regierungsbeteiligung der Linken

»Verhindern Sie es«, fordert Cerstin Richter-Kotowski von den Grünen und der SPD

 22.09.2026

Linken-Bundestagsabgeordneter Ferat Koçak

Berlin

Chat mit Clan: Linke-Politiker zieht sich zurück - vorerst

Der Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak hatte Chatkontakt mit einem Mitglied der Familie Remmo. Das bezeichnet er selbst als Fehler. Damit ist die Sache aber noch nicht ausgestanden

 22.09.2026

Berlin/Schwerin

Presseschau: Politische Ränder gewinnen Landtagswahlen

Medienreaktionen auf die Abstimmungen in der Bundeshauptstadt und in Mecklenburg-Vorpommern

 22.09.2026

Berlin

Michel Friedman warnt SPD und Grüne vor Koalition mit der Berliner Linken

»Wenn die SPD und die Grünen mit dieser Linken in Berlin koalieren, die den Staat Israel auslöschen wollen, dann ist ihre Glaubwürdigkeit zutiefst erschüttert«, sagt der Publizist

 22.09.2026

Linken-Bundestagsabgeordneter Ferat Koçak

Berlin

Grünen-Fraktionschefin empfiehlt der Linkspartei Ausschluss von Ferat Koçak

Dröge: Koçak hat wiederholt an Veranstaltungen teilgenommen, bei denen antisemitische, Terror verherrlichende Menschen aufgetreten sind

 22.09.2026

Berlin-Wahl

Klöckners Gretchenfrage: »Wie haltet ihr es mit dem Antisemitismus?«

Die CDU-Politikerin und Bundestagspräsidentin hat SPD und Grüne auf Instagram aufgefordert, in Berlin keine Koalition mit der Linkspartei einzugehen. Ansonsten werde das »Nie wieder« zur Farce

 22.09.2026