Syrien

Schulen des Hasses

Syrische Schulkinder bei einer Demonstration in Damaskus gegen internationalen Einfluss Foto: Reuters

Über die Vermutung, bei syrischen Flüchtlingen sei der Antisemitismus sehr verbreitet, ist schon vieles gesagt worden. Jüngst etwa behauptete EU-Kommissar Frans Timmermans, dass Syrer gemeinhin sehr nuancierte Auffassungen über Juden besitzen und verbreiten.

In Der Araber von morgen, der gefeierten Graphic Novel von Riad Sattouf über seine Jugend in Syrien, beschreibt er, wie er, ein halber Franzose, in seinem Dorf sogar von seinen Cousins beständig als Jude beschimpft wurde. Um zu beweisen, dass er kein Jude ist, versuchte er täglich auf dem Schulhof, die anderen im Schimpfen auf die Juden zu übertreffen. Es geht hier um ein sunnitisches Dorf in der Nähe von Homs, einem Gebiet, dessen Bevölkerung derzeit massenhaft auf der Flucht ist.

schuhgeschäft Wafa Sultan, die alawitische Psychiaterin, die für ihre Kritik an der Heuchelei im Islam bekannt ist, beschreibt in ihrem Buch Ein Gott, der hasst, wie sie nach ihrer Ankunft in den USA in Los Angeles Schuhe anprobierte. Als sie vom Inhaber des Geschäfts hörte, dass er Jude war, rannte sie panisch auf die Straße, an ihrem Fuß noch der Schuh, den sie anprobieren wollte. Zu dieser Zeit hatte Wafa Sultan in Syrien bereits eine lange Laufbahn als Psychiaterin hinter sich.

Innerhalb der arabischen Welt gehörte Syrien zu den besser ausgebildeten Ländern mit einer der niedrigsten Analphabetenraten. Aus einer Reihe von Studien über das Lehrmaterial in syrischen Schulen zwischen 2000 und 2008 geht hervor, dass Antizionismus und Antisemitismus fester Bestandteil des obligatorischen weltanschaulichen Unterrichts sind: Zionismus soll auf Lügen basieren, Juden hätten nichts mit den ursprünglichen Bewohnern des Heiligen Landes zu tun, weil sie zu 90 Prozent von Khasaren abstammten, Jerusalem sei von Arabern gegründet worden und eine heilige Stadt nur für Muslime und Christen.

Kurz zusammengefasst, ist der Zionismus den syrischen Schulbüchern zufolge noch schlimmer als der Nationalsozialismus, weil die Juden den Holocaust übertrieben, zugleich die Methoden Hitlers in Palästina perfektionierten. Zudem hätten die Nazis ja einen Grund gehabt, weil die Juden in Deutschland nicht loyal gewesen seien. Das freilich könne nicht verwundern, denn darunter habe auch der Prophet Mohammed gelitten. Solches lernt die syrische Jugend aus Lehrbüchern der Baath-Ideologie mit Titeln wie al-tarbija al-qawmiyya ishtirakiyya, was wörtlich »natio- nalsozialistische Erziehung« bedeutet.

unterricht Ein großer Teil des Judenhasses wird im obligatorischen Islamunterricht vermittelt. Darin steckt indes die ganze Schizophrenie des dem Namen nach säkularen Baath-Regimes. Der fanatische arabische Nationalismus der Baath-Partei diente der Familie Assad und der alawitischen Minderheit vor allem als Vehikel zum Machterhalt. Der Preis dafür war hoch: Genau wie Riad Sattouf in seinem Dorf mussten Assad und seine alawitische Gemeinschaft zeigen, dass sie islamischer als islamisch sind.

Eine der Folgen davon war, dass das Regime das sunnitisch-islamische Curriculum für alle Bevölkerungsgruppen mit Ausnahme der Christen zum Pflichtfach an Schulen machte. Also wurden auch Schiiten und den als Ketzern angesehenen Drusen die sunnitischen Auffassungen eingebläut. Hinzu kommt, dass das Regime nach der blutigen Unterdrückung der Muslimbrüder in den 80er-Jahren den Sunniten im Islamunterricht freie Hand gab.

Joshua Landis, einer der führenden Syrienkenner, zeigte schon 2003 in seiner Studie Islamic Education in Syria: Undoing Secularism, wie die verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Syrien einander in einem erstickenden Würgegriff gegenseitiger Abhängigkeit hielten. Antisemitismus gehörte dazu, und so wurde der Mehrheit der syrischen Schüler die Überlegenheit des Islam vermittelt, inklusive eines islamischen Staats als höchstem erreichbaren Modell von Gerechtigkeit.

dschihad Der Kampf gegen Juden und Israel ist gemäß der Lehrbücher Dschihad – und damit eine heilige Pflicht für alle Syrer und Muslime. In Arbeitsaufgaben sollen Kinder die Übereinkünfte zwischen den jüdischen Feinden des Propheten Mohammed und den Zionisten benennen. In der vierten Klasse des weiterführenden Unterrichts lernen sie im Islamunterricht: »Das Recht wird erst siegen, wenn die kriminellen Absichten der Juden gegen sie selbst gerichtet und sie eliminiert werden.«

Die Frage, die oft gestellt wird, lautet: Wie ernst müssen wir das nehmen? Joshua Landis behauptet, dass man zwar in Syrien gerne über den Unterricht in Baath-Ideologie und Islam spottet. Aber er ist davon überzeugt, dass der Unterricht durchaus zur Meinungsbildung beiträgt, die durch die Medien fortlaufend bestätigt wird.

Gerade die Tatsache, dass der Antisemitismus in den islamischen Pflichtunterricht eingebettet ist, macht den Inhalt brisant. Unterdessen hat sich die sunnitische Bevölkerung Syriens während des Bürgerkriegs weitgehend islamisiert. Assad und den Alawiten allerdings hat es nicht geholfen: Als die Proteste begannen, wurde Assad – wie sollte es auch anders sein – auf Transparenten als Jude beschimpft.

Kommentar

Mit schwerem Koffer zurück aus Berlin

Wie ein deutscher Holocaust-Überlebender auf die sich abzeichnende Koalition von SPD und Grünen mit Antisemiten, Terror-Relativierern und anderen Genozid-Schreiern blickt

von Roman Haller  11.10.2026

Schwerin/Rostock

Kurs Rot-Rot-Grün: Verhandlungen starten am Montag

SPD, Linke und Grüne wollen in Mecklenburg-Vorpommern über eine Koalition verhandeln. Dafür stimmten alle drei Parteien. Für die Grünen wäre eine Regierungsbeteiligung dort eine Premiere

 11.10.2026

Franziska Giffey

Nach der Wahl in Berlin

Franziska Giffey spricht sich gegen Koalition mit Linkspartei aus

Die noch amtierende Wirtschaftssenatorin sieht keine Basis für eine Koalition mit der Linken in Berlin. Die SPD-Politikerin fordert klare Positionen im Kampf gegen Antisemitismus. Unterdessen verteidigt Thüringens Ex-Ministerpräsident Ramelow die Sondierer gegen Kritik aus den eigenen Reihen

 11.10.2026

Nahost

Abbas verschiebt Parlaments- und Präsidentenwahl

Der Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, vertagt die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen bis in den Herbst 2027. Seit mehr als zwei Jahrzehnten gab es keine Parlamentswahl mehr

 11.10.2026

Frachtschiffe vor Anker in der Straße von Hormus bei Bandar Abbas (Iran)

Nahost

Bericht: Iran kann noch immer Raketen und Drohnen produzieren

Teheran soll demnach weiterhin gut ausgestattet mit Raketen sein und schnell nachproduzieren können. Die USA sollen zudem Israel gedrängt haben, Iran erneut anzugreifen – alleine

 11.10.2026

Teilnehmer einer Demonstration »United4Palestine« halten Palästinenserflaggen, auch eine Flagge der Linken und eine Queer-Flagge sind zu sehen.

Berlin

Israelfeindliche Demonstration durchs Regierungsviertel

Rund 3.500 Menschen nehmen an der Demonstration unter dem Motto »United4Palestine« teil. Auch Politiker und Aktivisten der Linkspartei waren dabei. Einige Demonstranten wurden festgenommen

 11.10.2026

Feuer am Flughafen von Riad

Saudi-Arabien

Mindestens zwölf Tote bei Angriff auf Flughafen in Riad

Der Konflikt zwischen den vom Iran unterstützten Huthi im Jemen und Saudi-Arabien eskaliert. Bei dem Angriff auf den Flughafen King Chalid gibt es Tote und Hunderte Verletzte. Wie reagiert Washington?

 11.10.2026

Nahost

Test für den Pakt

Was bedeuten die jüngsten Huthi-Angriffe für das Verteidigungsabkommen, das Saudi-Arabien mit Pakistan und der Türkei unterzeichnet hat?

von Reinhard Schulze  10.10.2026

Hans-Georg Lindenau in seinem Ladengeschäft »M99 Gemischtwaren mit Revolutionsbedarf«

Deutschland

Berlin-Kreuzberg: Aushänge gegen Judenhass - Jugendliche greifen Geschäftsinhaber an

Der Staatsschutz ermittelt

 10.10.2026 Aktualisiert