Justiz

Recht vor Gnade

Schüler der Rambam-Mesivta-Schule protestieren im November vergangenen Jahres vor dem Haus von Jakiw Palij in Queens/New York. Foto: dpa

Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verjähren nicht! So lautet eine der grundlegenden Maximen des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. Benjamin Ferencz war und ist einer der nachdrücklichen Verfechter dieser juristischen Einrichtung, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Antwort auf die unfassbaren NS-Verbrechen ins Leben gerufen wurde. Ferencz ist zugleich der letzte noch lebende Chefankläger der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse. Heute ist er 98 Jahre alt.

Vergangene Woche wurde der 95-jährige Jakiw Palij von der US-Regierung nach Deutschland abgeschoben, nachdem sich die Bundesrepublik jahrelang geweigert hatte, den staatenlosen Kriegsverbrecher aufzunehmen. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Palij von der SS als Wachmann rekrutiert.

lagerhäftlinge Ebenso wie John Demjanjuk war Palij im SS-Arbeitslager Trawniki ausgebildet worden. Seine Aufgabe war es, im deutschen Auftrag die Lagerhäftlinge an der Flucht zu hindern. Am 3. November 1943 wurden 6000 Juden, die im benachbarten Arbeitslager Trawniki inhaftiert waren, erschossen. Palij, der zu dieser Zeit bewaffneter Aufseher war, wird Beihilfe zum Mord zur Last gelegt.

Nach John Demjanjuk ist er der nächste greise Kriegsverbrecher, mit dem Deutschland sich binnen weniger Jahre auseinandersetzen muss. Offen ist, ob Palij vor Gericht gestellt wird. Er soll sich inzwischen in einem Pflegeheim im münsterländischen Ahlen befinden.

Nachdem Bilder des alten Mannes veröffentlicht wurden, wie er – auf einer Krankentrage liegend – aus seinem Haus in Queens abtransportiert wird, gab es etliche Stimmen, die fragten, ob betagte Kriegsverbrecher überhaupt noch zur Rechenschaft gezogen werden sollen. Oder ob Gnade vor Recht ergehen sollte.

völkermord Dem kann nur entgegnet werden, dass Völkermord keinesfalls als Jugendsünde abgetan werden darf, sondern als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesühnt werden muss. Das gebietet zum einen die moralische Verpflichtung gegenüber den Opfern. Das gebieten zum anderen aber auch die ethisch-rechtlichen Grundlagen unseres Rechtsstaates. Verbre­chen müssen bestraft werden.

Gerade der Prozess gegen Demjanjuk hat deutlich gemacht, wie wichtig es ist, dass die Justiz mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln handelt und Kriegsverbrecher – ungeachtet ihres Alters – strafrechtlich zur Verantwortung zieht. Im Kontext dieses Prozesses konnte letztlich erreicht werden, dass jedwede Tätigkeit, die dazu beigetragen hat, die Abläufe in einem NS-Lager zu gewährleisten, als Beihilfe zum Völkermord geahndet werden kann.

Bis dahin mussten die Mordtaten im Einzelfall nachgewiesen werden, um zu einer Verurteilung zu kommen. Zahllose Kriegsverbrecher konnten sich auf diese Weise der Strafverfolgung entziehen oder mit einem im Verhältnis zu ihren Straftaten niedrigen Strafmaß davonkommen.

strafe Zum Selbstverständnis eines Rechtsstaates gehört nicht nur das Ermitteln von Tat und Täter, sondern auch das Richten darüber. Die Justiz hat mit dem Tatbestand der Beihilfe zum Mord ein probates Mittel, Kriegsverbrecher ihrer gerechten Strafe zuzuführen.

Die Bemessung des Strafmaßes und die Bedingungen des Strafvollzugs können dann auf die körperliche und geistige Verfassung des Verurteilten abgestellt werden. So jedenfalls haben es die Richter in den Verfahren gegen Demjanjuk und Gröning verfügt, die beide in Betreuungseinrichtungen verstorben sind, ohne den Strafvollzug kennengelernt zu haben.

Für Verbrechen gegen die Menschlichkeit gilt Recht vor Gnade. Aussicht auf Gnade oder milde Behandlung hatten jüdische Greise, die in die Hände der Nationalsozialisten fielen, nicht. Sowohl sie als auch jüdische Kinder waren zum sofortigen Tod durch Massenerschießungen oder die Gaskammern bestimmt. Und diejenigen, die überlebten – meist Jugendliche oder junge Erwachsene –, hatten ihr ganzes Leben unter dem Druck posttraumatischer Folgen zu leiden.

rechenschaft Wie die meisten NS-Verbrecher konnte Palij sich seiner gerechten Strafe entziehen. Er soll sich sogar Hilfeleistungen für NS-Opfer erschlichen haben. Die Alliierten sollen ihn als »Displaced Person« anerkannt und seine Emigration unterstützt haben. So gelangte er in die USA und konnte dort jahrzehntelang unerkannt leben. Es wäre nur recht und billig, dass er jetzt, am Ende seines Lebens, Rechenschaft vor einem weltlichen Richter ablegen muss.

Denn was wollen wir den Nachgeborenen und zukünftigen Generationen sagen, wenn sie nach der Bestrafung von Kriegsverbrechern fragen? Dass man ihrer nicht habhaft werden konnte? Dass man sie nicht im Lande haben wollte? Dass es keine rechtliche Handhabe gegen sie gab? Dass sie zu alt waren, um sie vor Gericht zu stellen? Nein, das können und wollen wir nicht, denn Kriegsverbrechen verjähren nicht!

Die Täter müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Das ist auch die Überzeugung von Benjamin Ferencz, der damals als Chefankläger bei den Nürnberger Ein­satzgruppen-Prozessen betonte: »Weder Rache noch Vergeltung ist unser Ziel.« Das Verfahren bezeichnete er als einen »Appell der Menschheit an das Recht«.

Der Autor ist Repräsentant der Claims Conference in Deutschland.

Nahost

Abbas verschiebt Parlaments- und Präsidentenwahl

Der Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, vertagt die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen bis in den Herbst 2027. Seit mehr als zwei Jahrzehnten gab es keine Parlamentswahl mehr

 11.10.2026

Frachtschiffe vor Anker in der Straße von Hormus bei Bandar Abbas (Iran)

Nahost

Bericht: Iran kann noch immer Raketen und Drohnen produzieren

Teheran soll demnach weiterhin gut ausgestattet mit Raketen sein und schnell nachproduzieren können. Die USA sollen zudem Israel gedrängt haben, Iran erneut anzugreifen – alleine

 11.10.2026

Teilnehmer einer Demonstration »United4Palestine« halten Palästinenserflaggen, auch eine Flagge der Linken und eine Queer-Flagge sind zu sehen.

Berlin

Israelfeindliche Demonstration durchs Regierungsviertel

Rund 3.500 Menschen nehmen an der Demonstration unter dem Motto »United4Palestine« teil. Auch Politiker und Aktivisten der Linkspartei waren dabei. Einige Demonstranten wurden festgenommen

 11.10.2026

Feuer am Flughafen von Riad

Saudi-Arabien

Mindestens zwölf Tote bei Angriff auf Flughafen in Riad

Der Konflikt zwischen den vom Iran unterstützten Huthi im Jemen und Saudi-Arabien eskaliert. Bei dem Angriff auf den Flughafen King Chalid gibt es Tote und Hunderte Verletzte. Wie reagiert Washington?

 11.10.2026

Nahost

Test für den Pakt

Was bedeuten die jüngsten Huthi-Angriffe für das Verteidigungsabkommen, das Saudi-Arabien mit Pakistan und der Türkei unterzeichnet hat?

von Reinhard Schulze  10.10.2026

Hans-Georg Lindenau in seinem Ladengeschäft »M99 Gemischtwaren mit Revolutionsbedarf«

Deutschland

Berlin-Kreuzberg: Aushänge gegen Judenhass - Jugendliche greifen Geschäftsinhaber an

Der Staatsschutz ermittelt

 10.10.2026 Aktualisiert

Kino

Ich habe »Naza« gesehen, und es ist ein übles Stück Propaganda

Es ist erschreckend zu sehen, wie große Teile der Filmwelt sich gerade selbst zu nützlichen Idioten der Hamas degradieren, indem sie ihr von Lügen und Blut getränktes Narrativ übernehmen

von Philipp Peyman Engel  10.10.2026

Eklat in Halle

AfD-Mann Tillschneider will an Anschlags-Gedenken teilnehmen

Aktivisten der Jüdischen Studierendenunion Deutschland verhinderten, dass der Landtags-Vizepräsident die Synagoge betrat

von André Anchuelo  09.10.2026

Meinung

Nein, Frau Pillay hat den Friedensnobelpreis nicht verdient!

Die Südafrikanerin hat Israel vorverurteilt und Antisemitismus in den Reihen ihrer Kommission nicht ernstgenommen. Ihre Auszeichnung durch das Nobelpreiskomitee ist ein großer Fehler, meint der Direktor von UN Watch

von Hillel Neuer  09.10.2026