Contra Stolpersteine

Nicht diese Symbolik

Ellen Presser Foto: Miryam Gümbel

Contra Stolpersteine

Nicht diese Symbolik

Formen des Gedenkens dürfen nicht schlimme Erinnerungen an Demütigungen wecken

von Ellen Presser  20.07.2015 18:37 Uhr

Meine Heimatstadt München tut sich schwer mit angemessenem Gedenken. Inzwischen gibt es drei Mahnmale für Kurt Eisner, zwei für Georg Elser, bald ein viertes zur Erinnerung an das Olympia-Attentat von 1972.

Nun will Gunter Demnig in München Steine, auf denen die Namen von NS-Opfern, ihre letzten Wohnadressen und ihr Schicksal geschrieben stehen, verlegen. Sie sollen im Straßenbild für Irritation sorgen. Der Münchner Stadtrat hatte sich 2004 dagegen entschieden. Dieser Entscheid soll nun gekippt werden.

Ist die Idee nicht bestechend, sich vom Wohlwollen von Hausbesitzern unabhängig zu machen, die keine Gedenktafeln an ihren Immobilien haben wollen? Ein Mahnmal zu schaffen, an dem sich jeder Bürger beteiligen kann? Eine Erinnerung an Ermordete, die Kommune und Land nichts kostet, weil Paten dafür aufkommen?

Pilpul Doch je mehr Zeit verstreicht, desto weniger überzeugt mich das Konzept. Ein klassischer Pilpul. Das Einerseits in der Argumentation verlangt immer auch das Mitdenken des Andererseits. Und das kam in der seit Mitte der 1990er-Jahre laufenden Debatte zu kurz. Statt Argumente des Für und Wider abzuwägen, ging es immer mehr um Emotionen. Gefühle kann man niemandem absprechen. Schon gar nicht im Zusammenhang mit menschlichem Leid und aufrichtiger Empathie. Doch sie sind schlechte Ratgeber. Zielführender ist ein Blick auf Fakten. Können Stolpersteine dafür stehen?

Ich meine im Rückblick auf eine rund 20-jährige Vorgeschichte: nein. Der Aktionskünstler und Urheber spricht davon, an Opfer der NS-Zeit erinnern zu wollen. Er geht von sechs Millionen aus. Wie ungenau ist sein Geschichtswissen? Diese Zahl beträfe nur die jüdischen Opfer. Was ist mit den Regimegegnern, die er doch auch im Blick hat? Mit den Homosexuellen? Den Roma und Sinti? Den politisch beziehungsweise religiös motivierten NS-Regimegegnern? Den Opfern der Euthanasie-Verbrechen? Den Asozialen (was immer die Nationalsozialisten darunter verstanden)?

Schüler Kein Problem: Jeder, der bereit ist, den Preis für einen Stein zu übernehmen, kann dabei sein. 2004 betrugen die Kosten noch 95 Euro, später 120 Euro. Tendenz steigend. Schließlich ist seit 2006 ein Berliner Bildhauer mit im Boot, die handgefertigte Produktion zu gewährleisten. Demnig sieht sich auf dem Weg, das »größte dezentrale Mahnmal der Welt« zu schaffen. Der Platz im Guinness-Buch der Rekorde wäre gesichert. Mag sein, dass sich Geschichtswerkstätten, Schülergruppen und andere Bürgerinitiativen aufrichtig um die Erforschung ihrer lokalen Geschichte bemühen. Doch wo bleibt die sachkundige Prüfung? Demnig hat diese Kompetenz nicht. Er verwaltet ein Monopol. Und da kommt Verwirrendes, Falsches, Unerträgliches zusammen.

Was besagen denn Inschriften wie »Hier wohnte Ruth Weiss, Jg. 1932« und »Ursula Weiss, Jg. 1943«, beide »Gedemütigt/ Entrechtet, Flucht in den Tod, 5.3.1943«. Stimmen die Daten, dann würde es sich um eine Elfjährige und einen Säugling handeln. Liegt ein Suizid vor, dann kann er kaum von ihnen selbst begangen worden sein. Was besagt die Floskel »Flucht in den Tod«? Und wie kann der Monopolist weiter Stolpersteine verlegen für Menschen, die gar nicht umkamen? Der Wirksamkeit halber verzichtet er dabei inzwischen auf das Wort »überlebt«. Dann endet der Text schlicht mit »Flucht«.

Sobald seine Statistik Tausend Orte mit Stolpersteinen erreicht, »werden wir bestimmt feiern«, soll er vergangenes Jahr angekündigt haben. Wer kann allen Ernstes zustimmen, dass Begriffe aus der Nazi-Terminologie und Unrechtssprechung wie »Gewohnheitsverbrecher« – selbst in Anführungszeichen gesetzt – ein NS-Opfer per Stolperstein ein weiteres Mal denunzieren? Einer, der so unsauber denkt und werkelt, dem kann man kein so wirkmächtiges Projekt anvertrauen.

Dabei verstehe ich Nachfahren und Opferpaten sowieso nicht, die für ein Gedenken im Straßentrottoir eintreten. Wurden Juden doch auf die Knie gezwungen, manchmal sogar mit bloßen Händen, die Straße zu reinigen. In Wien erinnert das – gerade wegen seiner brutalen Deutlichkeit seinerzeit heftig bekämpfte – Hrdlicka-Mahnmal daran. Wer die Kritik von Stolpersteingegnern gegen eine Erinnerung am Boden als semantische Haarspalterei abtut, übersieht, dass diese Form der Demütigung eine lange und unheilvolle Tradition hat.

Gedenken »Siehe der Stein schreit aus der Mauer« stand auf der Unterseite einer Treppenstufe, die sich bei einer Kirchensanierung als zweckentfremdeter, geschändeter jüdischer Grabstein entpuppte. Steine vom jüdischen Friedhof dienten zur Straßenbefestigung auf dem Weg zum berüchtigten Lager Plaszow, vor den Toren Krakaus. Auch hier wurde das Gedenken an Juden im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten.

Was mir besonders zu schaffen macht: In Internetforen läuft die Debatte aggressiv, anonym, populistisch. Statt Sachkenntnis zählt »Like-it«-Quote. Mit welchem Engagement man sich auf eine sowieso nicht zu bewältigende Vergangenheit konzentriert. Laut Jewish Claims Conference gibt es weltweit noch circa 500.000 Holocaust-Überlebende – von anderen Opfergruppen abgesehen. Rund 100.000 davon arm und pflegebedürftig. Besonders schwer ist das Los der in Osteuropa Beheimateten.

Wäre es nicht wichtiger – statt in Gedenksteine – in die Fürsorge für Lebende zu investieren? Für die Opfer von einst und für die Opfer unserer Tage. Und sage mir keiner, man könne das eine tun, ohne das andere zu lassen. Das geschieht ja eben nicht, jedenfalls nicht im erforderlichen Maße. Und es gibt doch nichts Gutes, außer man tut es.

Die Autorin ist Leiterin des Kulturzentrums der Israelitischen Kultusgemeinde in München.

Lesen Sie auch das Pro Stolpersteine von Amelie Fried: www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/22879

Nahost

Iran greift US-Stützpunkt in Jordanien an – Washington reagiert mit Luftschlägen im Irak

Es ist der erste Raketenangriff des Iran auf einen US-Stützpunkt, seit Präsident Donald Trump die amerikanischen Angriffe auf iranische Ziele vor wenigen Tagen ausgesetzt hatte

 29.07.2026

Berlin

Klein: Sympathiebekundung für Terrororganisationen strafbar machen

Nach dem Anschlag durch einen IS-Anhänger fordert der scheidende Antisemitismusbeauftragte Gesetzesänderungen

 29.07.2026

Berlin

CSD-Anschlag: Innensenatorin und Polizei beantworten Fragen

Nach dem Angriff gibt es noch viele Unklarheiten. Der Innenausschuss des Abgeordnetenhauses kommt daher zusammen. Außerdem rückt das Thema Prävention in den Fokus

 29.07.2026

Berlin

Prien stellt mehr Geld gegen Radikalisierung in Aussicht

Nach dem CSD-Anschlag sagt die Familienministerin, queere Menschen seien in Teilen des Landes besonders unter Druck und könnte Solidarität erwarten

 29.07.2026

Judenhass

Antisemitismus auf Höchststand seit mehr als drei Jahrzehnten

Die Untersuchung erfasst die sieben Länder mit den größten jüdischen Bevölkerungen außerhalb Israels, darunter Deutschland

 29.07.2026

Benjamin Netanjahu (l.) und Wolodymyr Selenskyj bei der Trauerfeier für Lindsay Graham am Dienstag in Washiongton, D.C.

Washington D.C.

Netanjahu und Selenskyj treffen sich erstmals seit fast drei Jahren persönlich

Die beiden Politiker wechselten einige Worte und begrüßten sich mit einem Handschlag, nachdem sie zuvor getrennt von US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus empfangen worden waren

 29.07.2026

Washington D.C.

Ein Begräbnis und ein Gipfeltreffen

Israels Premier Netanjahu und Ukraine-Präsident Selenskyj waren offiziell angereist, um an der Beerdigung von US-Senator Lindsey Graham teilzunehmen. Doch das Begräbnis wird auch für ein geopolitisches Gipfeltreffen mit US-Präsident Trump genutzt

 29.07.2026

The OpenAI logo is displayed on a mobile phone screen in this photo illustration, as artificial intelligence tools continue to expand across consumer and business applications in Brussels, Belgium, on February 28, 2026. (Photo by Jonathan Raa/NurPhoto)

Meinung

KI: Wie die Welt einmal untergehen könnte

Der Kontrollverlust der Softwarefirma OpenAI über ihr neuestes Modell macht erneut die Notwendigkeit deutlich, KI-Technologie stärker zu regulieren. Dabei geht es um nicht weniger als die Zukunft der Menschheit

von Joshua Schultheis  28.07.2026

Dresden

Petition wirft AfD Missbrauch der Marke Simson vor

Die Traditionsmarke Simson steht für eine erfolgreiche Firmengeschichte. Die AfD nutzt das positive Image, das stößt auf Widerstand

 28.07.2026