Nahost

Neue Fronten

Für den IS wäre – nach der Übernahme Syriens und des Irak – ein Einmarsch nach Jordanien der logisch nächste Schritt. Foto: Reuters

Nach sieben Wochen mit Raketenangriffen aus dem Gazastreifen und Kriegshandlungen im Süden schauen die Israelis nach Norden und sehen einen weiteren Krieg auf sich zukommen: diesmal an der Grenze zu Syrien auf dem Golan.

Die Kämpfe zwischen der Armee Assads und den verschiedenen islamistischen Rebellengruppen haben an Intensität zugenommen. Einige Mörsergranaten explodierten bereits auf israelischer Seite, ein israelischer Offizier wurde durch die Kugel eines Scharfschützen verletzt. In der Schlacht eroberten die Rebellen die Stadt Quneitra sowie das Areal am Grenzübergang zwischen Israel und Syrien und brachten einige Soldaten der UN-Friedenstruppen in ihre Gewalt.

Statt eines idealisierten »Neuen Nahen Ostens«, wie ihn sich Schimon Peres und andere vorstellten, ist die Realität in der Region eher ein gewalttätiges Chaos. Zwar befand sich Israel in den vergangenen 66 Jahren fast immer unter Dauerbeschuss, doch zumindest waren die Feinde weitgehend berechenbar.

diktaturen Ägypten, Syrien und der Irak waren autoritäre Diktaturen, ein schwaches haschemitisches Königshaus beherrschte Jordanien. Unter Arafat töteten palästinensische Terroristen zwar viele Israelis, stellten aber keine existenzielle Bedrohung für den Staat dar. Und auch wenn die Fanatiker, die 1979 die Herrschaft im Iran an sich rissen, eine wachsende Gefahr darstellten, blieb diese doch überschaubar, sofern sie nicht an Atomwaffen gerieten.

Mit dem Beginn des sogenannten Arabischen Frühlings hat sich alles geändert. Der Fokus auf die »Besatzung« und die Bemühung, sie mit Verhandlungen um eine Zweistaatenlösung zu beenden, lenken nur vom Thema ab. Wenn die Verhandlungen mit Assad zu einem Friedensvertrag geführt hätten, wären die strategisch wichtigen Golanhöhen jetzt in der Hand der Dschihadisten. Dann hätten IS-Kämpfer und andere Terroristen Zugang zum See Genezareth und zum Jordantal, in Reichweite von Zentral-Israel. Trotz bester Absichten eifriger Friedensstifter aus den USA und Europa machen die jüngsten Entwicklungen deutlich, wie wichtig strategische Abwägungen in dieser höchst instabilen Region sind.

terrororganisationen Die Landkarte des Nahen Ostens verändert sich schnell, und an die Stelle von Syrien, Irak und Libanon ist eine sunnitische, dschihadistisch-expansionistische Bewegung in Form des IS getreten. Für Israel stellt nicht nur die Präsenz von Terrororganisationen an der nördlichen Grenze, einschließlich des Golan, eine Gefahr dar. Vielleicht gefährlicher noch ist die Bedrohung für Jordanien und Ägypten. Wenn der IS oder andere, Al-Qaida-nahe, Kräfte die Regimes in diesen Ländern stürzen, sind deren Friedensverträge mit Israel Makulatur, und wie vor 1973 kehrt die Gefahr eines ausgewachsenen Krieges zurück.

Für den IS und andere dschihadistische Kräfte wäre – nach der Übernahme Syriens und des Irak – ein Einmarsch nach Jordanien von der Nord- und Ostgrenze aus der logische nächste Schritt. Immerhin haben die Führer des selbsterklärten »sunnitischen Kalifats« bereits wiederholt König Abdullah und das haschemitische Regime angeprangert.

Jordanien hat die längste und angreifbarste Grenze zu Israel. Gemeinsame strategische Interessen bilden die Grundlage für eine enge Zusammenarbeit. Angesichts der Gefahr durch den IS unterhält Israel engen Kontakt mit der jordanischen Armee und anderen Verbündeten, darunter den USA und Großbritannien, um eine mögliche IS-Übernahme zu verhindern.

militärregime In Ägypten kommt die dschihadistische Gefahr aus dem destabilisierten Libyen sowie von der einheimischen Muslimbruderschaft und anderen radikalen Gruppen. Vor Kurzem hat Ägypten Luftangriffe gegen islamistische Gruppen in Libyen geflogen. Innenpolitisch hängt das Überleben des Militärregimes von al-Sisi davon ab, dass das Wiederaufflammen extremistischer Gewalt verhindert wird. Daher haben die Ägypter die enge Zusammenarbeit mit Israel ausgebaut, um die Hamas (einen Ableger der Muslimbruderschaft) daran zu hindern, ihre Terrorkapazitäten auszubauen.

Für die USA und Europa sind die gewalttätigen Entwicklungen – man denke an die Bilder der brutalen Enthauptungen durch den IS und das Dahinschlachten von Christen, Jesiden und anderen nichtmuslimischen Minderheiten – ein Weckruf. Nicht nur in Bezug auf die Gefahren durch heimkehrende Dschihadisten, sondern auch in Bezug auf die Beziehungen mit Israel.

Statt auf Konfrontationskurs zu gehen, sollten Obama und europäische Politiker dringend ihr Verhältnis zu Ministerpräsident Netanjahu wieder in Ordnung bringen. Umgekehrt gilt das Gleiche. Aus einer strategischen Perspektive kann nur ein starkes Israel, das die Kontrolle über das Westjordanland behält, das weitere Vordringen der Dschihadisten verhindern und zugleich die Sicherheit Jordaniens gewährleisten. Aus ureigenem Interesse muss Europa von Boykotten und anderen Formen des politischen Drucks auf Israel ablassen und stattdessen der gemeinsamen Bekämpfung des IS höchste Priorität einräumen.

Der Autor ist Professor für Politologie an der Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan und leitet das Projekt »NGO Monitor«.

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