Israel

Mythos Sozialstaat

»Zedek chewrati«: In Tel Aviv und vielen anderen Städten erschallt der Ruf nach sozialer Gerechtigkeit. Foto: Flash 90

Wie kann man diese Bewegung in Israel nur verstehen? Da gehen 300.000 mittelständische und großteils jugendliche Bürger auf die Straße und sprechen eine schon fast vergessene Sprache. Die politische Sprache Israels hat die wirtschaftliche Wende vollzogen. Nicht von Sicherheit und Terror ist die Rede, sondern »das Volk will soziale Gerechtigkeit«, wie es nun von allen Plätzen der Städte verkündet wird.

Was will das Volk? Und was meint es wohl mit sozialer Gerechtigkeit? Ist das die israelisch-französische Revolution, geht es um die längst überfällige und an Israel vorbeigegangene 68er-Bewegung oder geht es um die Angst des Mittelstands, in Armut zu fallen? Welchen Staat haben die Protes-tierenden im Auge, wenn sie nach dem Sozialstaat rufen?

Staatsgründung Die Demonstranten in Israel leben natürlich auch in der Illusion einer besseren Vergangenheit. Damit sind sie nicht alleine auf der Welt. Die lange hegemonial herrschende Sozialdemokratie in Israel hat es immer verstanden, die Gesellschaft als einen auf Gleichheit beruhenden Sozialstaat darzustellen. Das war sowohl für die Staatsgründung als auch für die Staatserhaltung in den ersten Jahrzehnten ein mehr als wichtiger Mythos. Und vieles daran stimmte auch.

Es gab weniger, und dieses Weniger war breiter verteilt. Soziale Unruhen kannte man in Israel auch in den 50er- und 60er-Jahren. Damals waren es aber die orientalischen Juden, die so leben wollten wie ihre aus westlichen Ländern stammenden Mitbürger. Heute sind diese Unterschiede im Vergleich zu früher kleiner geworden. Aber darum geht es nicht.

Die Demonstranten wollen nicht den real existierenden Wohlfahrtsstaat von früher. Sie sind sich aber auch der Tatsache bewusst, dass es heute in Israel mehr Chancengleichheit gibt als früher. Viele der Demonstranten sind Studenten, und auch sie wissen, dass der Zugang zu einer höheren akademischen Bildung heute leichter ist als vor etwa 20 Jahren. Gerade wegen der besseren Chancen sind sie auf der Straße.

Luxus Sie wollen so leben, wie sie glauben, dass ihre Altersgenossen außerhalb Israels im Westen leben. Sie wollen Normalität, bezahlbare Mieten, freie Kitas, gute Universitäten, ein funktionierendes Gesundheitssystem, Urlaub im Ausland, die bürgerliche Normalität des bezahlbaren Luxus, den es fast schon nirgends mehr gibt. Es ist der amerikanische Traum, gut verpackt im europäischen Sozialstaat. Man will wieder Kontrolle über das eigene Leben haben, die von so vielen Menschen gespürte Hilflosigkeit bremsen.

Natürlich ist auch in Israel eine universalistische Gesellschaftstheorie der Individualisierung nicht möglich. Da ist Israel nicht viel anders als anderen Staaten. Junge Israelis bewegen sich eher in weitmaschigen Netzwerken, in denen die Grenzen der Zugehörigkeit anders geschnitten sind, als es frühere Unterscheidungen zwischen Links und Rechts zulassen können.

Gemeinschaft ist keine Rückkehr zu einer imaginären Vergangenheit, in der alles einmal besser war. Das wissen auch die Demonstranten. Es geht ihnen nicht darum, die Sozialdemokratie wieder künstlich beatmen zu wollen. Das ist auch in Israel nicht mehr möglich.

Zu viele lose Netzwerke sind in dieser Bewegung vertreten, (zu) viele Forderungen, die weder koordiniert sind noch sich überschneiden können. Die Grenzen der Zugehörigkeit sind eher undurchsichtig und haben mit der nationalen und ethnischen Gleichartigkeit der alten Sozialdemokratie nicht viel gemein. Die Jugendlichen laufen den politischen Parteien davon und ändern damit auch die politische Sprache des Landes.

Hauptlast Die jungen Israelis sind empört darüber, dass sie zu hohe Steuern zahlen, zu wenige Dienstleistungen dafür bekommen, dass zu wenige die Hauptlast des Staates tragen. Einige sind auch über die seit 1967 andauernde Besatzung empört, aber die Demonstranten wollen den Bezug zwischen den hohen Lebenshaltungskosten und der Besatzung noch nicht herstellen. Denn dies würde die Bewegung sofort in die altbekannte Zweiteilung zwischen Links und Rechts aufbrechen lassen.

Aber darum geht es in der Tat nicht. Es geht weder um Besatzung noch um Sozialstaat. Es geht um das Sowohl-als-auch. Die Menschen trauen den alten Institutionen nicht mehr. Und warum sollten sie auch? Es fehlt eine klare Perspektive, mit der junge Israelis ihrer Existenz einen Sinn geben können: Auf der einen Seite eine von Feinden umzingelte Besatzungsmacht und auf der anderen Seite der ständige Vergleich, dass man auch normal(er) leben kann und will. Da wird dann der Mythos des eingebildeten Wohlfahrtsstaats von früher als Symbol für die ungewisse Zukunft benutzt.

Aber gleichzeitig ist es keine entgrenzte Empörung wie in London. Man will nur retten, was eigentlich nicht mehr zu retten ist. Die konstanten Koordinaten des sozialen Wandels existieren wohl nicht mehr, den nie existierenden Sozialstaat wird es wohl auch in Zukunft nicht geben. Trotzdem oder sogar deswegen ist Israel im Moment demokratischer, als es je war.

Der Autor ist Professor für Soziologie und lehrt am Academic College of Tel-Aviv-Yaffo.

Washington D.C./Teheran

Trump kündigt Iran-Gespräche an – Eigene Regierungsbeamte und Teheran widersprechen Darstellung

Der Sprecher des iranischen Außenministeriums sagt, derzeit gebe es keinerlei direkte Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten. Der US-Präsident wirft den Iranern eine »Doppelzüngigkeit« vor

 04.08.2026

Spanische Nordafrika-Exklave

Wie kam es zur Ceuta-Krise?

Die Ereignisse in Ceuta werfen viele Fragen auf: Duldeten marokkanische Sicherheitskräfte den Ansturm? Welche Motive könnte es gegeben haben? Und wer profitierte von den chaotischen Szenen?

 03.08.2026

Schifffahrt

Iran und Oman planen Rundkurs in Straße von Hormus

Als Folge des Konflikts mit den USA verhandelt Teheran mit Maskat über neue Fahrrinnen im Nadelöhr des internationalen Gas- und Ölhandels. Im Gespräch ist ein neues Routenmodell

 03.08.2026

Montréal

Verdacht auf Brandanschlag: Koscheres Restaurant zerstört

Die Behörden untersuchen den Vorfall als möglichen Brandanschlag. War auch diese Tat antisemitisch motiviert?

 03.08.2026

Studie

Spaniens Migrationskrise wird online mit antisemitischen Verschwörungsmythen verknüpft

Innerhalb von zwei Tagen erreichten Beiträge, die Israel für den Flüchtlingssturm auf Ceuta verantwortlich machen, beinahe 60 Millionen Nutzer

 03.08.2026

Nahost

Trump kündigt neue Gespräche mit Iran an – Verhandlungen sollen heute beginnen

»Eine Vereinbarung steht unmittelbar bevor«, erklärt der amerikanische Präsident. Israel, das an dem zunächst geplanten Angriff auf den Iran mitwirken sollte, erfuhr von dessen Absage in sozialen Medien

 03.08.2026

Interview

»Putin ist in der Sackgasse«

Lettlands Ex-Präsident Egils Levits über Russlands Krieg, einen EU-Beitritt der Ukraine und die Debatte über die Religionsfreiheit

von Michael Thaidigsmann  02.08.2026

New York/Madrid

»Warum unterhält Spanien noch immer koloniale Enklaven in Afrika?«

Israels UNO-Botschafter Danny Danon: »Vielleicht sollte Spanien, bevor es uns weiter belehrt, der Welt etwas erklären«

 02.08.2026

Kommentar

Sánchez’ alter, antisemitischer Trick

Wer trägt die Verantwortung für die jüngste Katastrophe in Ceuta? Ausnahmsweise wohl nicht »die Zionisten«

von Rafael Seligmann  02.08.2026