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Antisemitismus

»Moralwächter« auf dem Schulhof

Die Gemeinschaftsschule in Berlin-Friedenau. Hier war ein jüdischer Schüler über mehrere Wochen gemobbt worden und hatte daraufhin im Frühjahr 2017 die Schule verlassen. Foto: Ayala Goldmann

Antisemitismus und Salafismus unter Schülern mit türkischem und arabischem Migrationshintergrund gehören zum Schulalltag. Zu diesem Ergebnis kommt eine qualitative Befragung von Lehrerinnen und Lehrern an 21 Berliner Schulen vom Herbst 2015 bis zum Frühjahr 2016 im Auftrag des American Jewish Committee Berlin (AJC).

Darunter waren Schulen mit einem hohen Anteil von Schülerinnen und Schülern mit türkischem oder arabischem Migrationshintergrund, aber auch Schulen in bürgerlichen Gegenden.

Schimpfwort 15 von 27 befragten Lehrkräften haben das Schimpfwort »Du Jude« schon auf dem Schulhof gehört. »Also, das Lieblingsschimpfwort war früher ›Spast‹. Heute ist es ›Du Jude‹«, sagte eine Lehrkraft. Auch antisemitische Stereotype wie Geiz oder Geldgier, »wie sie schon aus dem rechten Spektrum bekannt sind«, würden verwendet.

Weit verbreitet sei auch der Hass auf Israel: »In den Atlanten (…) wird teilweise der Staat Israel ausradiert und mit Edding übermalt«, wird eine Lehrkraft zitiert. Eine andere sagte: »Ich versuche eigentlich meistens, solche Sachen (wie Juden und Israel) nicht aufzugreifen. (…) Dann wecke ich keine schlafenden Hunde.« Eine dritte Lehrkraft berichtete von einer »kleinen Intifada im Klassenraum«, sobald man im Ethikunterricht und im Geschichtsunterricht das Thema Jude oder Judentum anspreche.

Zu den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA kursieren nach Angaben der Lehrerinnen und Lehrer weiterhin Verschwörungstheorien, die vor allem für muslimische Jugendliche eine besondere Rolle spielten und den Unterricht zu manchen Themen erheblich erschwerten.

Zudem nimmt laut den Ergebnissen der Befragung der Einfluss der Religion zu: Eine Minderheit von muslimischen Schülern übe unter Berufung auf religiöser Autoritäten wie Koranlehrer oder Moscheen Druck auf Mitschüler aus und geriere sich als »Moralwächter«.

»Parallelbildung«»Wir haben mittlerweile so eine Art Parallelbildung«, beklagte eine der befragten Lehrkräfte. »Wenn wir ethische Themen behandeln im Unterricht, dann wird auch ganz oft gesagt, da frage ich nochmal meinen Koranlehrer«, sagte ein anderer Teilnehmer der Studie. Die Leidtragenden seien die Mehrheit der Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund, die eher moderat oder säkular seien, Mädchen, junge Frauen und Homosexuelle.

Insgesamt 27 Lehrer im Sekundarbereich aus Schulen in acht Bezirken (Charlottenburg-Wilmersdorf, Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte, Neukölln, Reinickendorf, Spandau, Steglitz-Zehlendorf und Tempelhof- Schöneberg) wurden in Kooperation mit dem Landesinstitut für Schule und Medien in Berlin-Brandenburg (LISUM) befragt. Es handelt sich nicht um eine repräsentative Untersuchung der Gesamtsituation an Berliner Schulen, sondern nach Angaben der Verfasser um eine »empirische Annäherung an das Thema«.

Die Leiterin des Berliner Büros des AJC, Deidre Berger, die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) und Michael Rump-Räuber vom Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg zogen bei einem Pressegespräch am Mittwochnachmittag eine Zwischenbilanz des Projektes »Demokratie stärken! Aktiv gegen Antisemitismus und Salafismus!«, das die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie und das AJC gemeinsam ins Leben gerufen haben.

Im Vordergrund stehen Weiterbildungsmaßnahmen, um Lehrkräfte fit zu machen für den Umgang mit antisemitischen und salafistischen Vorfällen an ihren Schulen. »Wenn wir gesellschaftliche Probleme haben, dann finden wir diese spiegelbildlich immer auch in unseren Schulen«, sagte Scheeres. »Und Antisemitismus sowie Salafismus sind derzeit in den Debatten sehr präsent.«

Friedenau Wie auch die jüngsten Ereignisse an einer Schule im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg, als an der Friedenauer Gemeinschaftsschule ein jüdischer Schüler wochenlang gemobbt wurde. Exemplarisch wurde dabei vor Augen geführt, was im Umgang mit verbaler und physischer Gewalt gegen Juden alles falsch laufen kann.

»Demokratieerziehung und Wertevermittlung sollen nun stärker in den Vordergrund gerückt werden«, versprach Scheeres. Aber nicht nur das. Man will Lehrkräften eine ganze Palette an Möglichkeiten anbieten, sich mit Experten zu dem Themenkomplex zu verzahnen.

Doch auch an den Schulen selbst müsse ein Mentalitätswechsel stattfinden, so die SPD-Politikerin: »Ich habe die Bitte, dass wirklich alle Vorfälle auch gemeldet werden, damit entsprechend gehandelt werden kann.« Denn genau das war in der Vergangenheit häufig nicht geschehen.

ideologie »Die jüdische Perspektiven im Kampf gegen den Antisemitismus sind in der Vergangenheit oft zu kurz gekommen«, brachte es Deidre Berger auf den Punkt. »Manchmal wird gar nicht erst erwähnt, dass der Hass gegen Juden ein zentraler Bestandteil der salafistischen Ideologie ist.« Daher war es dem AJC wichtig, das Projekt durch systematisch erfasste Erfahrungsberichte aus dem Schulalltag zu begleiten, um daraus wichtige Erkenntnisse für die Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Salafismus zu gewinnen.

»Es gibt die Grundtendenz, dass unter Jugendlichen mit arabischem oder türkischem Migrationshintergrund religiöse Vorstellungen an Dominanz gewinnen, die eindeutig im Gegensatz zu den Prinzipien unserer demokratischen Grundordnung stehen«, betonte Deidre Berger. Genau deshalb komme dem Projekt »Demokratie stärken!« eine zentrale Bedeutung zu.

Lesen Sie mehr zum Thema in der kommenden Printausgabe der Jüdischen Allgemeinen.

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