Didaktik

Mehr als Strejmel

Belzer Chassidim: Ein Bild des Judentums, aber nicht die gesamte Breite des jüdischen Lebens in Israel und der Diaspora Foto: Flash 90

Wenn es um die Bebilderung geht, dann wird meist das Motiv von Ultraorthodoxen aus der Fotokiste geholt, die mit ihren Schläfenlocken und Hüten so aussehen, wie sich Schulbuchma- cher Juden vorstellen. Und folglich könnten auch Kinder und Jugendliche glauben, dass alle Juden Chassidim sind.

Nicht nur das in den vergangenen Jahren des Öfteren angegangene Problem einer verzerrten Darstellung Israels in deutschen Geschichtsbüchern treibt derzeit den Zentralrat der Juden um. Auch die teils sehr verkürzte und fehlerhafte Darstellung des Judentums innerhalb und außerhalb Israels stößt auf harsche Kritik. Jüngst haben der Zentralrat und die Kultusministerkonferenz (KMK) beschlossen, gemeinsam eine Empfehlung zu erarbeiten, die Eingang in die Schulbücher finden soll.

opfer Zentralratspräsident Josef Schuster kritisiert, dass jüdisches Leben meist nur als Opfergeschichte gezeigt wird. »Leider wird es in deutschen Geschichtsbüchern häufig auf diese Aspekte reduziert und klischeehaft dargestellt.« Besuche in KZ-Gedenkstätten seien wichtig, könnten aber die Beschäftigung mit dem Judentum nicht ersetzen.

Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth, zugleich Präsidentin der KMK, sagt, es gibt 70 Jahre nach der Schoa wieder jüdisches Leben in Deutschland: »Die Kultusministerkonferenz misst dem Verhältnis zwischen Nichtjuden und Juden in Deutschland wie auch dem deutsch-israelischen Verhältnis eine große Bedeutung bei.« Dazu gehöre nicht nur die wichtige Erinnerung an die NS-Vergangenheit, sondern auch, dass man »die deutsch-jüdische Geschichte insgesamt und das Judentum in den Blick nimmt und sich der Frage der Vermittlung in unserer gewandelten Gesellschaft stellt«.

Fachleute wie Manfred Levy vom Pädagogischen Institut des Jüdischen Museums Frankfurt und des Fritz-Bauer-Instituts unterstützen das: »Ich erhoffe mir, dass es nicht nur ein politisches Zeichen ist, sondern dass wirklich praktikable Lehrmaterialien entstehen – die dann auch Verwendung finden.«

bedarf Wie groß der Bedarf ist, merkt Levy ständig. »Es herrscht ganz allgemein eine sehr große Unwissenheit über das Judentum«, sagt Levy. Die Fehler, die im Fach Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde (LER) aufträten, unterschieden sich nicht von denen im katholischen oder evangelischen Religionsunterricht. »Allgemein gesagt«, so Levy, »fehlt da das aktuelle Judentum.« Nach Hinweisen, wie die Einwanderung aus der früheren Sowjetunion das jüdische Leben verändert hat, suche man ebenso vergeblich wie nach einer Darstellung der verschiedenen Denominationen.

»Auffallend ist ebenfalls, auch wenn es keine Religionsschulbücher sind, dass jüdische Identität fast durchgängig nur religiös dargestellt wird«, sagt Levy. »Es entsteht der Eindruck, alle Juden seien religiös und orthodox.« Nicht nur liberales Judentum komme nicht vor, auch offensichtliche Kennzeichen jüdischen Lebens wie koschere Restaurants oder jüdische Kindergärten tauchten nicht auf. Um das zu verändern, empfiehlt Levy, jüdische Kompetenz zu nutzen: »Zentralrat, Gemeinden, andere jüdische Einrichtungen«.

leben Ganz neu sind die Befunde nicht. Schon 1985 stellte die Schulbuchkommission nicht nur mit Blick auf Israel fest, dass in hiesigen Lehrmaterialien Juden »ausschließlich als Objekt und Opfer der Geschichte erscheinen«. Dirk Sadowski vom Göttinger Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung sagt: »Die Schüler werden hier auf eine falsche Fährte gelockt.«

Eine Untersuchung seines Instituts ergab, dass etwa der Kampf von Juden um Bürgerrechte nicht vorkommt. 2010 kam eine Studie des Fritz-Bauer-Instituts zu ähnlichen Ergebnissen. Die Darstellung dort zeige mehr »über die Haltungen der Mehrheitsgesellschaft zur jüdischen Minderheit und über die Beständigkeit von Ressentiments«, heißt es da.

unwissen Das sei nicht unbedingt böser Wille, sondern vor allem Ahnungslosigkeit, sagt Levy. »Wenn ich eine Fortbildung zu jüdischer Religion anbiete, dann kommen über 30 Lehrer«, sagt er. »Dabei behandle ich da nur die banalsten Grundlagen.« Auffallend findet er zudem, dass kaum ein Vergleich des Judentums mit anderen Religionen stattfinde. »Dabei wäre der ja nicht nur mit dem Christentum, sondern auch mit dem Islam sehr sinnvoll.«

Vielleicht, vermutet Levy, sei die Ahnungslosigkeit vom Islam in deutschen Lehrerzimmern noch größer, obwohl es doch deutlich mehr Muslime als Juden gibt. »Dabei müsste hier schon allein deswegen mehr Wissen vermittelt werden«, sagt Levy, »damit die Lehrer nicht alles glauben, was ihnen Schüler oder Eltern über den Islam erzählen.«

Meinung

Sicherheitsrat? Wichtiger ist doch, dass Deutschland Weltmeister wird!

Deutschland scheitert in New York mit seiner Bewerbung für den UN-Sicherheitsrat - und die versammelte Schwarmintelligenz weiß auch warum. Spoiler-Alert: Es hat etwas mit Annalena Baerbock zu tun. Oder mit Israel

von Michael Thaidigsmann  04.06.2026

Nahost

Unifil-Soldat stirbt nach Angriff im Südlibanon

Nach Angaben der UN erlag der Unifil-Angehörige in den frühen Morgenstunden seinen Verletzungen. Woher kam der Beschuss?

 04.06.2026

Judenhass

Antisemitische Vorfälle in Sachsen-Anhalt nehmen weiter zu

Die Meldestelle RIAS dokumentiert für 2025 rund ein Drittel mehr Vorkommnisse als im Vorjahr

 04.06.2026

Berlin

Verfassungsschutz warnt vor islamistischer Einflussnahme auf deutsche Institutionen

Laut BfV-Chef Sinan Selen geht es nicht um kurzfristige Aktionen, sondern langfristig angelegte Strategien, die auf eine Veränderung politischer Entscheidungsprozesse abzielen

 04.06.2026

Flensburg

Jüdin darf bei Antisemitismus-Prozess keine Davidsternkette tragen

Ausgerechnet bei einem Prozess wegen eines antisemitischen Aushangs kommt es zu einem antisemitischen Vorfall

 04.06.2026

POWER LIST – Germany’s Top 50

Hape Kerkeling bekommt Sonderpreis für Zivilcourage

Auch die Ärztin und Bestsellerautorin Yael Adler, Bildungsministerin Karin Prien (CDU) sowie JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel wurden ausgezeichnet

von Imanuel Marcus  04.06.2026

Berlin

Michael Roth geht mit Israel-Politik der SPD hart ins Gericht

Als sozialdemokratischer Abgeordneter hat er jahrelang die Außenpolitik seiner Partei im Bundestag mitbestimmt. Mit seinen Nachfolgern ist er mehr als unzufrieden

 04.06.2026

New York

Antisemitische Straftaten treiben Hasskriminalität nach oben

Moshe Spern von der Organisation United Jewish Teachers, macht Bürgermeister Zohran Mamdani mit verantwortlich: »Er trägt zu diesem Problem bei, und er weiß es.«

 04.06.2026

New York

Kein Sitz für Deutschland im UN-Sicherheitsrat

Deutschland scheitert mit der Bewerbung um einen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Österreich und Portugal setzen sich stattdessen durch

 04.06.2026