27. Januar

Kollektives Schicksal

Jüdische Veteranen: Am 27. Januar 1945 hat die Rote Armee Auschwitz befreit. Noch heute erinnern sich ehemalige Soldaten mit Stolz an ihren Sieg über Hitler-Deutschland. Foto: Marco Limberg

Am 27. Januar wird der internationale Holocaust-Gedenktag begangen. In der relativ kurzen Zeit seit seiner Einführung durch die Vereinten Nationen vor fünf Jahren hat sich das Datum in vielen Ländern der Welt zu einem Brennpunkt der Erinnerung an die sechs Millionen Opfer der vom »Dritten Reich« vorangetriebenen »Endlösung der Judenfrage« etabliert. In Deutschland spielt der Gedenktag ebenfalls eine wichtige Rolle.

Es lohnt sich also, aus diesem Anlass einen Blick auf den Umgang mit der Erinnerung der heute in Deutschland lebenden Juden zu werfen. Es ist kein Geheimnis, dass manch einer, auch innerhalb unserer Gemeinschaft, von zwei Gedenkkulturen spricht. Während die »Alteingesessenen« – selbst Überlebende oder deren Kinder und Enkel – den Holocaust aus der Perspektive der Opfer sähen, so die gängige Theorie, betrachte die Mehrheit der aus der ehemaligen UdSSR stammenden Zuwanderer diese Zeitspanne mit dem Blick des Siegers, dessen Land das Nazi-Reich niedergerungen habe. Dieser Ansatz ist falsch.

Gemeinschaft Selbstverständlich trifft es zu, dass die Einzelschicksale derjenigen Juden, die in den Reihen der Roten Armee kämpften und derjenigen, die unter deutsche Besatzung gerieten, ganz anderer Natur waren. Das hat ihr weiteres Leben unterschiedlich geprägt und oft auch die Nachgeborenen beeinflusst. Dennoch: Der jüdischen Gemeinschaft die Fähigkeit zu einem gemeinsamen Holocaust-Gedenken abzusprechen, ist absurd. Als Juden gehören wir einem Volk an, das sich durch eine 3.500 Jahre alte Geschichte und eine auch in der Diaspora gemeinsame Zivilisation verbunden fühlt.

Die kollektive Vergangenheit nicht nur abstrakt zu betrachten, sondern ebenfalls persönlich zu nehmen, gehört zum Kern unserer Identität. Nicht umsonst ist jeder Jude gehalten, am Sederabend sich so zu sehen, als sei er selbst aus Ägypten ausgezogen. Und bis heute geht uns die Zerstörung des Tempels in Jerusalem vor bald 2.000 Jahren nahe. Genauso gedenken Juden weltweit des Holocausts als Teil ihres kollektiven Schicksals, ob ihre Eltern und Großeltern nun aus Sosnowiec, Saloniki oder San’a, aus Budapest, Brüssel oder Bagdad stammen. Oder eben aus Lodz oder Leningrad, Chelm oder Chabarowsk.

prägend Ganz davon abgesehen war die Schoa für sowjetische Juden alles andere als abstrakt. Fast jeder, der unter deutsche Besatzung geriet, wurde ermordet. Wer bei Kriegsausbruch aus dem Grenzgebiet ins Innere der Sowjetunion flüchten konnte, war oft der einzige Überlebende seiner Familie. Jüdische Soldaten, die 1944 und 1945 mit der Front nach Westen marschierten, sahen die totale Vernichtung der jüdischen Welt Osteuropas. Sie waren dabei, als die Rote Armee am 27. Januar 1945 das Vernichtungslager Auschwitz befreite. Das hat sie und ihre Familien geprägt. In Sachen Schoa brauchen Juden aus der ehemaligen Sowjetunion deshalb sicherlich keinen Nachhilfeunterricht. Das Holocaust-Gedenken ist für uns alle ein verbindender, kein trennender Faktor.

Die Einteilung in »Kämpfer« und »Opfer« ist zudem aus umgekehrtem Blickwinkel ein Irrweg. Heldentum war kein Monopol der Uniformierten. Es gehörte nicht weniger Mut dazu, im Zwangsarbeitslager zu überleben, dem Mensch gewordenen Schicksal »arischer« Identität jeden einzelnen Tag abzutrotzen oder an einem Ghettoaufstand teilzunehmen, als feindliche Positionen an der Front zu erstürmen. Katastrophe und Heldentum waren zwei Seiten einer Medaille.

Freiheit Das darf uns nicht daran hindern, den Beitrag der jüdischen Soldaten zur Befreiung Europas vom Nationalsozialismus zu würdigen. Auf den Schlachtfeldern des Zeiten Weltkrieges waren Juden, an der Zahl der Bevölkerung gemessen, überrepräsentiert. Das galt gleichfalls für die Rote Armee, in deren Reihen eine halbe Million Juden kämpfte. Vierzig Prozent von ihnen sind im Krieg gefallen. Hier gilt ebenfalls: Wir alle sollten auf die insgesamt 1,5 Millionen jüdischen Soldaten des Zweiten Weltkrieges stolz sein und ihrer 250.000 Toten gedenken. Und diesen Stolz brauchen wir auch in Deutschland nicht zu verbergen. Schulter an Schulter mit Soldaten aus Dutzenden von Nationen und Volksgruppen haben sie für die Freiheit aller Menschen gekämpft. Dafür gebührt ihnen Dank. Uns gemeinsam zu ihnen zu bekennen, ist – ebenso wie die Erinnerung an die Schoa – Teil unserer Identität.

Der Autor ist Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Ukrainereise

Prien bei Gedenken in Babyn Jar: Erinnerung verpflichtet uns

Bundesfamilienministerin Prien ist in die Ukraine gereist. Am heutigen Dienstag sprach sie beim Gedenken an die ermordeten Juden in Babyn Jar. Sie betonte auch, Deutschland stehe weiter an der Seite der Ukraine

von Birgit Wilke  06.10.2026

Fokus

Aktionswochen gegen Antisemitismus gestartet - Zahlen zu Hochschulen

Die bundesweiten Aktionswochen gegen Antisemitismus nehmen dieses Jahr die Lage an den deutschen Universitäten in den Blick. Die Amadeu-Antonio-Stiftung nennt erhobene Vorfallszahlen - und stellt Forderungen

von Daniel Zander  06.10.2026

Sachsen-Anhalt

Bitterer Vorgeschmack

Die heutige Wahl des ersten AfD-Landtagspräsidenten zeigt, wie die rechtsextreme Partei im Dezember auch den Ministerpräsidenten stellen könnte

von Mascha Malburg  06.10.2026 Aktualisiert

Dialog

Zwischen Vatikan und Juden geht nach dem 7. Oktober kaum noch was

Seit Jahrhunderten ist das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Juden turbulent. Nach einem Zwischenhoch unter Johannes Paul II. kühlte es wieder ab. Und seit dem Gazakrieg nähert es sich einem neuen Tiefpunkt

von Ludwig Ring-Eifel  06.10.2026

Berlin: das Rote Rathaus mit Fernsehturm im Hintergrund

Glosse

Ein Coach berät die Berliner Linke

Unser Autor ist Psychologe, Coach und Berater. Der Linkspartei und ihrer Regierenden Bürgermeisterin in spe, Elif Eralp, hilft er an dieser Stelle kostenlos

von Louis Lewitan  06.10.2026

Düsseldorf

Nach Angriff auf Juden: Polizei veröffentlicht Fahndungsfoto

Die Tatverdächtigen sollen einen Mann verprügelt haben, weil der ein T-Shirt mit »IDF«-Schriftzug getragen hatte

 06.10.2026

Sachsen-Anhalt

Tobias Rausch zum ersten AfD-Landtagspräsidenten gewählt

Er ist jetzt der protokollarisch ranghöchste Politiker in Sachsen-Anhalt. Nach ihrem Wahlsieg im September stellt die AfD mit Tobias Rausch den Landtagspräsidenten.

 06.10.2026

Essay

Der 7. Oktober und das Ungeheuer

Damals ist das Ungeheuer namens Judenhass neu ausgebrochen und wütet seitdem mit einem Furor, dem wir fassungslos gegenüberstehen. Sein Appetit ist ungebrochen, und es wird täglich gefüttert

von Esther Schapira  06.10.2026

Aufruf

Buchpreis-Trägerin Shida Bazyar warnt vor AfD

Shida Bazyar ist mit dem diesjährigen Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. In einem Vorab-Interview äußerte sie sich auch politisch

von Anita Hirschbeck  06.10.2026