Bundestag

»Jüdisches Leben nachhaltig fördern«

Der interfraktionelle Antrag wurde mit großer Mehrheit angenommen. Foto: dpa

Mit überwiegender Mehrheit hat der Bundestag am Donnerstagnachmittag einen interfraktionellen Antrag angenommen, der den Titel trägt »Antisemitismus entschlossen bekämpfen, jüdisches Leben in Deutschland weiterhin nachhaltig fördern«. Alle Fraktionen stimmten zu, Die Linke enthielt sich. Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, zeigte sich gleichwohl froh, »dass der Bundestag dieses Signal hier auf glaubwürdige Weise gesetzt hat«.

Konkret wird die Bundesregierung in dem nun beschlossenen Antrag aufgefordert, gleich zu Beginn der nächsten Legislaturperiode »unabhängige Sachverständige aus Wissenschaft und Politik« zu benennen,
die einen »Bericht zum Themenkomplex Antisemitismus in Deutschland als einer besonderen Form der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit unter Setzung spezifischer Schwerpunkte« erstellen und dem Bundestag vorlegen.

vorschläge Ein solcher Bericht wurde bereits im Jahr 2011 vorgelegt, nachdem der Bundestag dies 2008 gefordert hatte. Volker Beck, parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen, der an dem Antrag mitgearbeitet hatte, kritisierte die Union, dass in dem vor einem halben Jahr vorgelegten Bericht sehr wohl, anders als es jetzt dargestellt würde, konkrete Vorschläge unterbreitet wurden, etwa die Abschaffung der Extremismusregelung, die Projekte, die gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus arbeiten, unter Generalverdacht stelle.

Auch Gabriele Fograscher (SPD) sagte: »Der Antrag ist ein Kompromiss.« Die SPD habe mehr gewollt und stimme dem Papier nun nicht aus vollem Herzen zu. Immerhin sei es ihrer Partei gelungen, den ursprünglich im Antrag genannten Finanzierungsvorbehalt für solche Projekte zu streichen.

An den Diskussionen, was genau in dem Antrag stehen solle, waren auch der Zentralrat der Juden in Deutschland sowie das American Jewish Committee in Deutschland beteiligt. Der Antrag war letztlich von sämtlichen, im Bundestag vertretenen Parteien eingebracht worden – mit Ausnahme der Partei Die Linke, die nach Willen der Unionsfraktion nicht dabei sein sollte.

Dagegen sprach sich Petra Pau (Die Linke) aus. »Demokraten aller Couleur sollten das Gemeinsame im Trennenden suchen« sagte die Bundestagsvizepräsidentin. Die Linke sei dieses Jahr, wie auch 2008, bereit gewesen, den Antrag zu unterstützen – und dann auch innerparteilich die Debatte zu führen, etwa um die Frage, ob es richtig sei, die Solidarität mit Israel zur deutschen Staaträson zu erheben. Nun enthielt sich die Fraktion.

Rechtsextremes Milieu Viele Redner legten Wert darauf, dass der Antisemitismus und antisemitische Straftaten zwar überwiegend – etwa zu 90 Prozent – ein Thema seien, das im Rechtsradikalismus zu verorten ist, aber nicht nur. »Wir würden es uns zu leicht machen, wenn wir Antisemitismus nur im rechtsradikalen Milieu identifizieren würden«, sagte Stefan Ruppert (FDP).

Und Gitta Connemann (CDU) trug entsprechende Beispiele vor: »Ich habe nichts gegen Juden, aber warum sind Juden immer so böse?«, zitierte sie einen Satz – und nannte auch die Quelle: das Online-Portal gute-frage.de, wo diese Aussage seit zwei Jahren steht, ohne dass ein Moderator glaubte, eingreifen zu müssen.

Die Grünen-Politikerin Marieluise Beck erinnerte in einer Zwischenfrage daran, dass es nicht nur – und vielleicht mittlerweile gar nicht mehr vor allem – ein Bildungsproblem sei, wenn Antisemitismus geäußert wird: etwa die Fälle Martin Walser, Günter Grass oder Jakob Augstein.

Was konkret getan werden soll, darüber hat der Bundestag keinen Beschluss gefasst. Der 2011 vorgelegte Bericht der Experten, der nach Meinung der Opposition viele konkrete Vorschläge enthält, gilt in dem jetzt gefassten Beschluss lediglich als »gutes Fundament«, auf dem weiter geforscht werden soll.

Zentralrat Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden, begrüßte den Beschluss. Er zeige, dass es im Bundestag »die notwendige Sensibilität für das Thema Antisemitismus« gebe. Ein unabhängiges Expertengremium sei nach wie vor unverzichtbar, »denn offenbar gibt es keine dauerhafte Heilung gegen die Krankheit von Rassismus und Antisemitismus«. Graumann erinnerte die Parlamentarier aber auch daran, dass der Kampf gegen Antisemitismus nicht nur im Verabschieden von Resolutionen bestehe.

»Wer Antisemitismus in Deutschland nachhaltig bekämpfen will, muss zum Beispiel dafür auch nachhaltig Geld ausgeben wollen.« Ein Gutachten des Zentralrats habe erst jüngst gezeigt, dass eine dauerhafte Finanzierung entsprechender Initiativen und Projekte rechtlich möglich sei. »Überall muss die Erkenntnis wachsen: Der Kampf gegen Antisemitismus ist kein lästiges Pflichtprogramm und kein bloßes Nischen-Thema – sondern geht uns alle gemeinsam an«, sagte Graumann.

Ehrung

Rabbiner Andreas Nachama erhält Berliner Moses-Mendelssohn-Preis         

Er gilt als eine zentrale Figur des jüdischen Lebens in Deutschland: der Rabbiner und Publizist Andreas Nachama. Nun erhält er eine besondere Auszeichnung

von Daniel Zander  31.08.2026

Berlin-Wahl

Neue Umfrage: Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen drei Parteien

Am 20. September ist Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus. Welche Parteien verlieren? Welche haben die besten Chancen auf das Rote Rathaus?

 31.08.2026

Magdeburg

Wie gefährlich wird die Wahl für die Bundesregierung?

Die Wahl in Sachsen-Anhalt hat das Potenzial, auch die Regierungsparteien in Berlin in Turbulenzen zu bringen. Für deren Vorsitzende könnte es ungemütlich werden

von Michael Fischer, Theresa Münch  31.08.2026

Religion

Islam-Forscher Khorchide: Muslime müssen jüdisches Leben schützen

Der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide fordert Muslime auf, jüdisches Leben aktiv zu schützen. Eine projüdische Haltung gehöre fundamental zum islamischen Glauben, weil die Wurzeln des Islam im Judentum lägen

 31.08.2026

Debatte

Börsenverein des Deutschen Buchhandels hält an Jurorin El Hissy fest

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels weist Vorwürfe gegen die Jurorin Maha El Hissy zurück. Hintergrund ist eine Essayserie der Autorin, wegen der ihr die Verbreitung israelfeindlicher Stereotype vorgeworfen wurde

 31.08.2026

Vakanz

Felix Klein: Nachbesetzung von Antisemitismusbeauftragtem eilt

Der langjährige Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, wechselt zum September nach Paris. Bislang ist seine Nachfolge immer noch nicht geklärt. Jetzt ruft er die Regierung zur Eile auf

von Anna Mertens  31.08.2026

USA

Verlängerung von Iran-Einsatz untragbar? Pentagon dementiert

Laut einem Medienbericht haben sich hochrangige Militärs besorgt über eine mögliche Verlängerung von Angriffen gegen den Iran geäußert

 31.08.2026

Berlin

»Death to the IDF«: Linke Spitzenkandidatin zeigt sich »entsetzt«, nicht alle nehmen ihr dies ab

Offener Judenhass und Terroraufruf bei Wahlkampfveranstaltung: Bei der Partei »Die Linke« führt der jüngste Skandal zu einer Diskussion über Judenhass und Reaktionen darauf

 31.08.2026

Berlin

Kultursenator warnt vor »falscher Toleranz« gegenüber Antisemitismus

»Wer jüdisches Leben bedroht, greift unsere Stadt an«, sagt der CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers

 31.08.2026