Offener Brief

Jüdische Hochschullehrer unterstützen Antisemitismus-Resolution

Ein Pro-Terror-Protest auf und vor dem Gelände der Berliner Humboldt-Universität (HU) im Mai 2024 Foto: picture alliance/dpa

Sieben Dozenten verschiedener Universitäten haben den Beschlussantrag zum Schutz des jüdischen Lebens in Deutschland von SPD, CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen und FDP im Bundestag in einem Offenen Brief an die Abgeordneten dieser Parteien begrüßt.

Die im Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender (NJH) verbundenen Akademiker betonten Aspekte, die ihnen besonders wichtig erscheinen. Dazu gehört das Festhalten der Antragsteller an den Festlegungen des BDS-Beschlusses des Bundestages und der IHRA-Arbeitsdefinition des Antisemitismus.

Sowohl der Beschluss von 2020 als auch die durch die Bundesrepublik ratifizierte IHRA-Definition werden vor allem von als »Israelkritikern« bekannten Personen als problematisch dargestellt.

Israelbezogener Judenhass

Im BDS-Beschluss wurden die Ziele der Boykott-Bewegung als antisemitisch verurteilt und die Kommunen aufgefordert, Organisationen, die ihr nahestehen, die Nutzung öffentlicher Räume zu untersagen. Die IHRA-Definition schließt den nicht erst seit dem 7. Oktober weit verbreiteten israelbezogenen Antisemitismus mit ein.

Die Unterzeichner des Offenen Briefes betonten, die im Beschlussantrag enthaltene Unterstützung für die jüngste Erklärung der Kultusministerkonferenz sei besonders wichtig. Darin waren rechtssichere Regelungen gefordert worden, die darauf abzielen, Projekte nicht zu fördern, wenn diese antisemitische oder anderweitig problematische Ziele verfolgen.

»Unsere eigenen Beobachtungen (...) unterstreichen die Notwendigkeit und Dringlichkeit von Maßnahmen zum Schutz des jüdischen Lebens auf dem Campus«, schreiben die Unterzeichner des Offenen Briefes. »Hierzu gehören insbesondere klare politische Zeichen sowie klare Richtlinien, die das Erkennen und den Umgang mit Antisemitismus erleichtern.«

Verlässliche Orientierung

Auch der auf sogenannten »Protestcamps« und bei Besetzungen von Uni-Gebäuden an den Tag gelegte Juden- und Israelhass hatte zur Erstellung des Beschlussantrags im Bundestag geführt. Bei diesen Demonstrationen hatten Studenten und andere Personen den palästinensischen Terror gegen Israel begrüßt und dem jüdischen Staat seine Existenzberechtigung abgesprochen. Auch verbreiteten die Teilnehmer Verschwörungstheorien über Israel und sein Vorgehen gegen den Terror in Gaza.

Die Autoren des Offenen Briefes sind die Professoren und Dozenten Julia Bernstein, die Vorsitzende des Netzwerks Jüdischer Hochschullehrender ist, ihre Stellvertreterin Roglit Ishay, sowie Orna Freifrau von Fürstenberg, Guy Katz, Ilja Kogan, Dani Kranz und Haya Schulmann.

Sie schrieben, die IHRA-Definition sei wichtig, da sie »eine verlässliche Orientierung für die Bewertung antisemitischer Vorfälle« biete. »Die vielfältigen, teils amorphen und in aller Regel camouflierten Erscheinungsformen des Antisemitismus machen eine Arbeitsgrundlage, die es ermöglicht, das hochgradig demokratie- und gesellschaftsschädigende Phänomen des Antisemitismus in seiner Gesamtheit zu erfassen, unerlässlich.«

Klares Verfahren

Bei Betroffenen von Antisemitismus – insbesondere auch in seiner israelbezogenen Erscheinungsform – müsse »genauso gehandelt werden wie bei Angriffen und Diskriminierungen von Frauen, LGBTQ+ und anderen Gruppen: Die Fälle ernst nehmen, untersuchen und Konsequenzen für die Täter ziehen.« Betroffene müssten durch ein klares Verfahren geschützt werden.

Auch thematisierten die Dozenten die auch von der BDS-Bewegung bekannten »Boykottaufrufe gegen jüdische und israelische Wissenschaftler sowie gegen Wissenschaftler, die sich mit ihnen solidarisch zeigen«. Diese spezifische Form von Antisemitismus müsse als solche »benannt und problematisiert« werden. Denn gerade im akademischen Raum stelle sie »die nunmehr für den einzelnen Hochschullehrenden gravierendste und häufigste Form von Antisemitismus« dar.

»Wir positionieren uns entschieden gegen verharmlosende Behauptungen, wie wir sie als festen Bestandteil der öffentlichen Debatte beobachtet haben«, heißt es in dem Brief an die Abgeordneten der Ampel-Parteien und der CDU/CSU.

Rechtsstaatliche Mittel

»Hochschulen bieten wichtige Räume zum demokratischen und akademischen Austausch, und auch für Protest«, so die Autoren. »Umso entschiedener gilt es, diese Räume auch dort zu verteidigen, wo sie unter dem Deckmantel der freien Lehre und freien Meinungsäußerung zur Verbreitung antisemitischer Hetze missbraucht und damit aktivistisch aufgelöst werden.«

Eine wehrhafte Demokratie müsse Antisemitismus und jeder anderen Form von Demokratiefeindlichkeit entschlossen und mit allen rechtsstaatlichen Mitteln entgegengetreten werden, heißt es in dem Offenen Brief.

Das Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender wurde nach Angaben der Organisation als Reaktion »auf den seit dem 7. Oktober 2023 insbesondere im akademischen Umfeld massiv angestiegenen Antisemitismus« gegründet. Rund 150 Professoren sowie Hochschullehrer in Deutschland, Österreich und der Schweiz gehören dazu. im

Meinung

Georg Restle, die Jüdische Allgemeine und der berüchtigte Scheck aus Jerusalem

Für den frischgebackenen Leiter des ARD-Studios Nairobi ist die »Jüdische Allgemeine« ein Propaganda-Sprachrohr der israelischen Regierung. Eine Entgegnung

von Michael Thaidigsmann  29.06.2026

Streit

Verhandeln die USA und Iran am Dienstag?

US-Präsident Donald Trump behauptet, dass ein Treffen in Doha geplant sei. Doch die iranische Regierung äußert sich nur vage

 29.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 29.06.2026

Resümee

Felix Klein: Lebensqualität für Juden hat sich verschlechtert

Nach acht Jahren im Amt wechselt der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, im August den Job. Auf seine Amtszeit blickt der 58-Jährige mit gemischten Gefühlen zurück

von Corinna Buschow, Markus Geiler  29.06.2026

Nahost

So versuchen die USA und Iran vor dem Deal, Fakten zu schaffen

Am Dienstag sollen sich Vertreter beider Länder zu Verhandlungen treffen. Bis dahin versuchen beide Seiten, ihre Position zu stärken

 29.06.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  28.06.2026

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  28.06.2026 Aktualisiert

New York

Hamas-Unterstützerin Aber Kawas gewinnt Vorwahlen in New York

Die palästinensisch-amerikanische Demokratin machte den Nahost-Konflikt und soziale Fragen zum Kernthema ihres Wahlkampfes

von Imanuel Marcus  28.06.2026