Polemik

Judenhass 2.0

Nachdem so viele westeuropäische Akademiker, Künstler und Aktivisten sich der Kampagne »Boycott, Divestment and Sanctions« (BDS) angeschlossen haben, die das Ziel verfolgt, den Nationalstaat des jüdischen Volkes international zu isolieren, ist die Zeit gekommen, anklagend auf die Ankläger zu zeigen und zu den tief verwurzelten Vorurteilen, auf denen ihre Forderungen basieren, ein paar Fragen zu stellen.

Warum erklären so viele Enkelkinder von Nazis und Nazi-Kollaborateuren, die uns den Holocaust gebracht haben, den Juden schon wieder den Krieg? Warum erleben wir in Westeuropa eine solch dramatische Zunahme von Antisemitismus und bösartigem, irrationalem Antizionismus?

Kollaborateure Um diese Fragen beantworten zu können, muss zunächst ein Mythos entlarvt werden. Der nämlich, den Franzosen, Holländer, Norweger, Schweizer, Belgier, Österreicher und viele andere Westeuropäer pflegen und am Leben erhalten: Der Holocaust wurde ausschließlich von den deutschen Nazis bewerkstelligt, mithilfe einer Handvoll polnischer, ukrainischer, lettischer und estnischer Kollaborateure. Falsch.

Hätte die französische Regierung nicht mehr Juden in die Todeslager deportiert als von den deutschen Besatzern verlangt; hätten nicht so viele holländische und belgische Bürger an den Razzien gegen Juden teilgenommen; hätten nicht so viele Norweger Quisling unterstützt; hätten Schweizer Regierungsbeamte und Bankiers nicht Juden ausgebeutet; wäre Österreich nicht noch nazistischer gewesen, als die Nazis es waren – dann hätte der Holocaust nicht so viele jüdische Opfer gefordert.

»Aber nein«, hören wir von europäischen Apologeten, »wir hassen die Juden nicht. Wir hassen nur ihren Nationalstaat. Außerdem waren die Nazis rechtsgerichtet. Wir sind links, daher können wir keine Antisemiten sein!« Unsinn! Die Geschichte der radikalen Linken ist so tief und nachhaltig von Antisemitismus geprägt wie die der radikalen Rechten.

BDS-Kampagne »Aber Israel tut den Palästinensern Schlimmes an«, insistieren die europäischen Apologeten, »und wir empfinden tief für die Unterdrückten.« Nein, tut ihr nicht! Wo sind eure Demonstrationen für die unterdrückten Tibeter, Georgier, Syrier, Armenier und Kurden? Wo sind eure BDS-Bewegungen gegen die Chinesen, die Russen, die Kubaner, die Türken oder das Assad-Regime? Immer nur die Palästinenser, immer nur Israel? Warum? Nicht, weil die Palästinenser unterdrückter sind als die genannten und viele andere Gruppen. Einzig und allein, weil ihre angeblichen Unterdrücker Juden und der Staat der Juden sind. Gäbe es Demonstrationen und BDS-Kampagnen im Namen der Palästinenser, wenn Jordanien oder Ägypten sie unterdrückten?

Moment mal! Die Palästinenser wurden doch von Ägypten und Jordanien unterdrückt. Zwischen 1948 und 1967, unter ägyptischer Besatzung, war Gaza ein Freiluftgefängnis. Und was ist mit dem Schwarzen September 1970, als Jordanien mehr Palästinenser tötete als Israel in 100 Jahren? Ich kann mich an keine Demonstration oder Boykottkampagne erinnern. Es gab keine.

Wenn Araber arabische Dörfer besetzen oder Araber töten, wenden sich die Europäer gelangweilt ab. Aber wenn Israel in Maale Adumim eine Seltersfabrik eröffnet, in einem Gebiet, dem selbst die palästinensische Führung zugesteht, dass es nach einem wie auch immer gearteten Friedensvertrag zu Israel gehören wird, feuert die Hilfsorganisation Oxfam die Schauspielerin Scarlett Johansson, weil sie für eine Firma Reklame macht, die Hunderte Palästinenser beschäftigt.

Palästinenser Niemand bestreitet, dass Israel nicht vollkommen ist und für einige Aspekte seiner Politik Kritik verdient. Doch alle Unvollkommenheit und Kritikwürdigkeit kann nicht im Entferntesten erklären oder gar rechtfertigen, wieso ein derart unverhältnismäßiger Hass gegen den Nationalstaat des jüdischen Volkes einem ebenso unverhältnismäßigen Schweigen angesichts der weitaus krasseren Unvollkommenheit und Kritikwürdigkeit anderer Nationen und Gruppen – einschließlich der Palästinenser – gegenübersteht.

Es soll auch nicht bestritten werden, dass viele westeuropäische Individuen und einige europäische Länder es ablehnen, dem Hass gegen die Juden oder ihren Staat zu verfallen. Man denke an die Tschechische Republik. Viel zu viele Westeuropäer aber sind in ihrem Hass gegen Israel genauso irrational, wie es ihre Vorfahren in ihrem Hass gegen ihre jüdischen Nachbarn waren.

Jeder unvoreingenommene Mensch mit offenem Geist, offenen Augen und einem offenen Herzen erkennt, dass der jüdische Staat gerade von den Enkeln jener verurteilt wird, die in den 30er- und 40er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Juden Europas zum Tode verurteilten. Man muss ihnen den Spiegel der Moral vorhalten, damit sie gezwungen sind, ihre eigene Verlogenheit einzugestehen.

Der Autor ist Professor in Harvard und Rechtsanwalt in den USA.

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