Frau Veiler, am Sonntag war Bundestagswahl. Was waren Ihre Gedanken, als Sie um 18 Uhr die erste Hochrechnung sahen?
Überrascht war ich von dem Ergebnis nicht, ernüchtert aber schon. Jeder Fünfte in Deutschland hat die AfD gewählt. So viele Menschen, mit denen ich im Supermarkt an der Kasse stehe, mit denen ich zusammen zur Uni gehe, die meine Nachbarn sind, haben wissentlich einer in großen Teilen gesichert rechtsextreme Partei ihre Stimme gegeben. Ich mache mir Sorgen um meine Eltern, die nicht deutsch aussehen und einen Akzent haben, und um meine Großmutter, die abgeschoben werden könnte, sollte ihr Aufenthaltstitel einmal nicht verlängert werden. Für mich ist mit dieser Bundestagswahl eine rote Linie überschritten, und mein Entschluss steht fest: Ich werde Deutschland verlassen.
Wohin wollen Sie gehen?
Das ist eine gute Frage. Ich habe schon mal jeweils ein Jahr in Israel und in Frankreich gelebt. Auch Belgien habe ich aus beruflichen Gründen ins Auge gefasst, auch wenn dort der Antisemitismus noch schlimmer ist als hierzulande. Es geht vor allem darum, dass ich Abstand von Deutschland brauche. In den vergangenen zwei Jahren habe ich mich sehr von diesem Land entfremdet.
Einen Rechtsruck gibt es aber vermutlich auch unter jungen Jüdinnen und Juden in Deutschland.
Das beobachte ich auch, und wundern müssen wir uns darüber nicht: Rechte Ideologien verfangen vor allem dort, wo Menschen verunsichert sind. Für die jüdische Gemeinschaft gilt das in besonderem Maße. Gerade die jungen Jüdinnen und Juden haben zu Recht das Gefühl, von der Politik vernachlässigt worden zu sein, vor allem seit dem 7. Oktober 2023. Dennoch bin ich überzeugt, dass die wenigsten von ihnen die AfD gewählt haben. Die Brandmauer in der jüdischen Gemeinschaft steht, auch wenn sie vielleicht kleine Risse bekommen hat.
Die rechts-zionistische Jugendgruppe Betar Germany versucht gerade, an Einfluss in der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) zu gewinnen. Was hat es damit auf sich?
Die Gruppe hat sich vergangenen Sommer gegründet und deren Führungspersonen zeichnen sich durch ein Weltbild aus, das nicht mit unserem Grundgesetz vereinbar ist. Betar-Mitglieder haben auf Social Media die Beiträge der JSUD permanent mit rassistischen und geschichtsrevisionistischen Inhalten kommentiert, das ist typisch rechtsextremes Trolling. Seit einer Weile verfolgt Betar aber eine andere Taktik: Sie melden sich für unsere Veranstaltungen an, etwa unsere Vollversammlung am kommenden Wochenende, und wollen so in unsere Strukturen hineinkommen.
Für die JSUD ist die Zeit für neue Ideen und einen Generationenwechsel gekommen.
Wie sind Sie und die JSUD damit umgegangen?
Wir haben die Aktivitäten der Gruppe öffentlich gemacht und uns eindeutig von Betar distanziert. Deren Werte sind mit den unseren nicht vereinbar. Es wird Aufgabe des nächsten JSUD-Vorstands, diese Brandmauer aufrechtzuerhalten.
Die Wahl zum JSUD-Vorstand ist kommenden Sonntag in Hamburg. Nach vier Jahren im Vorstand und zwei als Präsidentin geben Sie die Organisation nun in andere Hände. Haben Sie Sorge, dass es die falschen sein könnten?
Ich habe volles Vertrauen in alle, die antreten. Ich habe aber die Sorge, dass sich immer mehr Menschen aus dem Umfeld der JSUD radikalisieren könnten. Wenn das passiert, ist es egal, was der Vorstand sagt, solange die Basis nicht mitgeht. Um das zu verhindern, muss die JSUD künftig noch mehr auf Demokratiebildung setzen und deutlich mehr Aufklärungsarbeit über die AfD und ihre Inhalte leisten.
Warum wollen Sie diese Aufgabe nicht mehr selbst übernehmen?
Alle, die jetzt kandidieren, sind deutlich jünger als ich. Für die JSUD ist die Zeit für neue Ideen und einen Generationenwechsel gekommen und für mich, etwas anderes zu machen.
Als Sie vor vier Jahren erstmals in den JSUD-Vorstand gewählt wurden, war die Coronapandemie auf ihrem Höhepunkt. Wie war es, unter solchen Bedingungen jüdischen Aktivismus zu machen?
Das Umstellen auf Online-Veranstaltungen hat die JSUD deutlich zurückgeworfen. In dieser Zeit war es sehr schwierig, Menschen zu erreichen und neue Aktive zu finden. Es gab sehr viele Projekte, die wir wegen der Pandemie nicht umsetzen konnten wie geplant. Wir haben uns aber auf die Situation eingestellt und auf Aktionen unter freiem Himmel gesetzt. Ab 2022 wurde durch die Impfungen dann wieder alles möglich. Am 24. Februar desselben Jahres griff dann Russland die Ukraine an …
Wie haben Sie und die JSUD reagiert?
Zu dem Zeitpunkt war ich noch Vizepräsidentin der JSUD. Gemeinsam mit den Jüdischen österreichischen Hochschüler:innen (JÖH) und zahlreichen Regionalverbänden haben wir in der ersten Kriegswoche neun Tonnen an Spendenmaterial für ukrainische Geflüchtete gesammelt und über Österreich und Ungarn in die Ukraine geschickt. Die ganze Aktion habe ich in wenigen Tagen aus meiner Küche in Stuttgart heraus organisiert.
Vielen ist vielleicht auf den ersten Blick nicht offensichtlich, warum der Ukraine-Krieg jüdische Studierende in Deutschland so sehr beschäftigen sollte.
Für uns war immer klar, dass wir uns zu Entwicklungen in Nahost äußern. Die Solidarität mit Israel steht in unserer Satzung. Bei der Ukraine stand das nicht von Anfang an fest. Dabei hatten damals alle im JSUD-Vorstand einen postsowjetischen Hintergrund: Drei hatten Familie in der Ukraine, eine Person war in Russland geboren und ich selbst in Belarus. Auch die Community, die wir repräsentierten, hat zum allergrößten Teil Wurzeln in diesen Ländern. Ich war damals der Ansicht, dass wir als JSUD daher die Pflicht haben, den Ukrainekrieg zu unserem Thema zu machen, und konnte mich damit auch durchsetzen.
Warum war das nicht selbstverständlich?
Ich glaube, dass wir damals noch nicht die Sprache hatten, um zu beschreiben, welche Zäsur dieser Krieg für uns bedeutet. Innerhalb der jüdischen Gemeinschaft galt der postsowjetische Hintergrund lange Zeit als etwas, das man hinter sich lassen muss. Im Jugendzentrum und auf den Machanot haben wir sehr viel über Israel gelernt, aber nichts über das Leben unserer Familien in der Sowjetunion und wie dieser Hintergrund bis heute unsere Gemeinden prägt. Mit unseren Eltern haben wir auch kaum über ihre Geschichten gesprochen. Das hat eine Ohnmacht im Umgang mit den Ereignissen in der Ukraine in uns hinterlassen. Ich bin bis heute schockiert darüber, dass es den russischen Angriffskrieg gebraucht hat, damit sich die junge jüdische Gemeinschaft mit der Frage auseinandersetzt, was es eigentlich bedeutet, dass 90 Prozent von uns aus der ehemaligen Sowjetunion kommen.
Neben Ihnen gibt es eine ganze Reihe junger jüdischer Aktivistinnen und Aktivisten mit postsowjetischem Hintergrund, die in der Öffentlichkeit immer stärker präsent sind. Ist da etwas Besonderes, was diese Generation auszeichnet?
Für viele von uns war das Jüdischsein etwas Erkämpftes. Es wurde uns von unseren Eltern nicht in die Wiege gelegt, weil das Judentum zu ihrer Zeit in der Sowjetunion unterdrückt wurde. Ich glaube, dass wir Jüngeren daher einen ausgeprägten Kampfgeist haben, wenn es darum geht, unser Existenzrecht als jüdische Menschen, sei es hier oder in Israel, zu verteidigen. Wir verstehen sehr genau, dass Demokratie, Freiheit und das uneingeschränkte Ausleben unserer Identität keine Selbstverständlichkeiten sind – sie könnten uns morgen genommen werden, wenn wir heute nicht handeln. Das prägt auch die JSUD: Wir sind entschlossen, die Gesellschaft nicht einfach hinzunehmen, sondern aktiv zu werden, für uns selbst und für die Werte, die uns wichtig sind.
Die jüdische Existenz wurde durch den Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 so sehr infrage gestellt wie lange nicht mehr. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?
Ich saß frühmorgens im Zug, als mich die ersten Nachrichten von den Ereignissen erreichten. Während ich auf meinem Handy die entsetzlichen Bilder aus Israel sah und mir klar wurde, dass alle Jüdinnen und Juden mit diesem Angriff getroffen wurden, verhielten sich die Menschen um mich herum so, als sei nichts passiert. Noch nie zuvor habe ich mich in diesem Land so einsam gefühlt wie in diesem Moment. Diese Szene im Zug werde ich nie vergessen.
Seit 17 Monaten überschreite ich meine Grenzen kontinuierlich. Ich bin vollkommen erschöpft.
Trotz dieser Erfahrung mussten Sie sofort reagieren und Ihrer öffentlichen Rolle gerecht werden. Zu diesem Zeitpunkt waren Sie seit einigen Monaten JSUD-Präsidentin. Hat Sie dieses Amt an Ihre Grenzen gebracht?
Seit 17 Monaten überschreite ich meine Grenzen kontinuierlich. Das hat gesundheitliche Konsequenzen. Ich bin vollkommen erschöpft. Zudem wurde ein Tumor bei mir entdeckt, der vielleicht früher gefunden worden wäre, hätte ich mehr auf mich geachtet. In ein paar Monaten steht meine OP an, danach hat sich die Sache hoffentlich erledigt. Ich werde aber für einige Zeit ausfallen.
Wie haben Sie das dennoch alles geschafft?
Mein starkes Verantwortungsbewusstsein zwingt mich, meinen Verpflichtungen nachzukommen, auch wenn das enorme Anstrengungen erfordert. Gleichzeitig habe ich in meinem Umfeld sehr viel Unterstützung erlebt. Wenn es mir besonders schlecht ging, wusste ich immer, bei wem ich mich melden kann.
Seit 17 Monaten müssen Sie und die JSUD sich mit Krieg, Terror und Antisemitismus auseinandersetzen. Sehen Sie die Chance, dass bald wieder mehr Raum für andere Themen da ist?
Ja, die sehe ich. Ich hoffe sehr, dass in den kommenden Wochen alle israelischen Geiseln nach Hause kommen und dadurch auch die JSUD in einen Modus der Normalität zurückkehren kann. Was auch immer Normalität für uns wirklich bedeutet. Für diesen Neustart ist es umso wichtiger, dass auch der Vorstand anders aufgestellt wird.
Die JSUD-Wahl ist am Sonntag. Was werden Sie am Montag machen?
Ich fahre für eine Woche nach Skandinavien und mache Urlaub.
Und danach? Bleiben Sie dem jüdischen Aktivismus erhalten?
Auf jeden Fall. Es gibt manche, die sehr auf meinen Weggang gehofft haben. Denen muss ich leider sagen: zu früh gefreut!
Mit der JSUD-Präsidentin sprach Joshua Schultheis.