Brandenburg

»Hass prägt den Alltag«

Benjamin Steinitz von der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) Foto: dpa

Herr Steinitz, Sie haben eine Studie »Problembeschreibung: Antisemitismus in Brandenburg« erstellt. Derzufolge wurden in dem Bundesland in den vergangenen vier Jahren 492 antisemitische Straftaten und Vorfälle registriert. Was sind Ihrer Einschätzung nach die regionalen Besonderheiten?
Brandenburg ist überwiegend ländlich geprägt und zählt nur wenige kleinere jüdische Gemeinden. Die Straftaten und Vorfälle ereignen sich also weitestgehend losgelöst von einer Sichtbarkeit jüdischen Lebens. Erneut bestätigt sich damit die alte These, dass Antisemitismus auch ohne Juden funktioniert. Dennoch gab es auch Vorkommnisse, die sich ganz konkret gegen Gemeinden oder ihre Mitglieder richteten.

96 Prozent der Straftaten und Vorfälle tragen eine rechtsextreme Handschrift. Wie erklären Sie sich das?
Das hat viel mit der demografischen Struktur Brandenburgs zu tun. Es gibt zum einen vergleichsweise wenige muslimische Zuwanderer. Zum anderen haben in jüngster Zeit vermehrt rechtsextreme und völkische Gruppierungen die ländlichen Räume für sich entdeckt und sich dort niedergelassen.

Der Nahostkonflikt spielt demnach also keine Rolle?
Die Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Palästinensern haben so gut wie gar keine Auswirkungen. Wir haben ganz bewusst auch das Jahr 2014, als es in Gaza zum Krieg kam, mit in die Studie einbezogen und weder quantitative noch qualitative Veränderungen festgestellt. Sehr wohl aber konnten wir beobachten, wie rechtsextreme Gruppierungen immer wieder das Thema Flüchtlingskrise durch verschwörungstheoretische Bilder aufladen, die eindeutig antisemitisch grundiert waren und Juden eine Urheberschaft zuschreiben.

In Ihrem Papier heißt es, dass der Antisemitismus in Brandenburg ein »alltagsprägendes Phänomen« sei. Was ist darunter zu verstehen?
In unseren Interviews kam die Sprache häufig auf die subtileren Formen des Antisemitismus, mit denen Juden regelmäßig konfrontiert werden. Es geht dabei vor allem um unsensible Kommentare und Beleidigungen, beispielsweise am Arbeitsplatz oder bei Kontakten mit Behörden. Juden werden gefragt, ob sie Weihnachten feiern und können sich manchmal zu Schabbat oder den Hohen Feiertagen nicht freinehmen. All das basiert auf einem defizitären Wissen über das Judentum und mitunter auf handfesten Ressentiments.

Reagieren Polizei und Politik adäquat?
Das ist in der Tat spannend. Denn einhellig wird sowohl die Arbeit der Polizei als auch der politisch Verantwortlichen als recht positiv wahrgenommen. Das ist eine weitere Besonderheit Brandenburgs.

Wie sieht der Umgang der jüdischen Gemeinden mit dem Thema aus?
Die Gemeinden neigen zu einer Art Vermeidungsstrategie. Man möchte wenig Aufmerksamkeit auf sich lenken. Manche haben die Befürchtung, dass dadurch die guten Beziehungen zu den Behörden leiden könnten. Genau diese Antizipation von möglichen Anfeindungen oder Nachteilen prägt den Alltag, wo sich dann vieles um die Frage dreht, ob man als Jude überhaupt sichtbar sein sollte oder nicht.

Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie daraus für die Präventionsarbeit?
Präventionsarbeit in einer überwiegend ländlich geprägten Region bleibt eine große Herausforderung – gerade dann, wenn es um zivilgesellschaftliches Engagement geht. Ein besonderes Problem ist die Tatsache, dass Personen, die antisemitische Vorfälle melden, dort – anders als in der Großstadt – Schwierigkeiten haben, ihre Anonymität zu bewahren. In dörflichen Gemeinschaften kennt eben jeder jeden, und wer so etwas thematisiert, macht sich schnell angreifbar.

Am kommenden Sonntag wird in Brandenburg ein neues Parlament gewählt. Die AfD könnte als stärkste Fraktion in den Landtag einziehen. Was würde das bedeuten?
Jüdisches Leben in Brandenburg könnte beeinträchtigt werden. Denn innerhalb dieser Partei gibt es Forderungen nach dem Verbot einer finanziellen Förderung von nichtchristlichen Gotteshäusern sowie der rituellen Schächtung. Zudem ist Christoph Berndt, auf Platz zwei der AfD-Liste, Vorsitzender des offen fremdenfeindlichen Vereins »Zukunft Heimat«. Wenn also die AfD so stark wie befürchtet in den Landtag einzieht, könnten antisemitische und rassistische Einstellungen in den Augen mancher Akteure einen legitimen Anstrich erhalten und sich deshalb ungehemmter Bahn brechen. Womöglich würden entsprechende Straftaten und Vorfälle auch weniger sanktioniert und geächtet als zuvor.

Mit dem Bundesgeschäftsführer der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) sprach Ralf Balke.

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  02.11.2026

Endlich nimmt ein Verwaltungsgericht die Einschüchterung jüdischer Studierender ernst

Ein Kommentar

von Annabelle Ganapol  02.11.2026

Baustelle der Jüdischen Akademie an einer Straße in Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens

Jüdische Akademie öffnet in Frankfurt

Es soll ein Ort des Diskurses und der Begegnung sein: In Frankfurt wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet

 02.11.2026

Robert F. Kennedy Jr. spricht an einem Rednerpult vor einer Wand mit dem Schriftzug MAHA

USA

Kennedy verteidigt Rede über Araber und lobt Juden

Der US-Gesundheitsminister weist Rassismusvorwürfe zurück und fragt, warum die Welt Juden hasse und Islamisten umarme

 01.11.2026

Mehrere Männer bei einer Pressekonferenz der Polizei in Frankfurt, einer spricht in ein Mikrofon

Nach Eskalation

Einsatzleiter: Neue Gewalt-Dimension nach Demo in Frankfurt

Der Einsatzleiter der Polizei berichtet von einer »neuen Dimension der Gewalt«: Aus dem Pro-Palästina-Spektrum heraus sei es zu »immer massiveren Störungen und Angriffen auf Polizeikräfte« gekommen

 01.11.2026

Berlin

SPD-Prominente warnen vor Koalition mit der Berliner Linken

In einem offenen Brief sprechen sich Karl Lauterbach, Sigmar Gabriel, Franziska Giffey und Hunderte weitere Sozialdemokraten gegen Rot-Grün-Rot aus – vor allem wegen des Umgangs der Linken mit Antisemitismus

 01.11.2026

Mohsen Rezaei wirft bei einer Wahl im Iran seinen Stimmzettel in eine Urne

Iran-Krieg

Iran knüpft Gespräche mit den USA an sieben Bedingungen

Teheran stellt weiter Maximalforderungen für eine diplomatische Lösung des Konflikts mit den USA. Im erneuten Kriegsfall droht Teheran mit dem Einsatz neuartiger Waffen

 01.11.2026

Annegret Kramp-Karrenbauer spricht bei der Kiel Security Conference

Antisemitismus in Deutschland

Kramp-Karrenbauer warnt vor Bündnissen mit Linken oder AfD

In Berlin hat die Linke die Wahl gewonnen, in Sachsen-Anhalt die AfD. Die frühere CDU-Chefin meint, das Leben vieler Menschen würde sich massiv verändern, wenn diese die Regierung übernähmen

 01.11.2026

Elif Eralp reißt beim Landesparteitag der Linken in Berlin einen Blumenstrauß in die Höhe

Regierungsbildung in Berlin

Koalitionsgespräche von Rot-Grün-Rot in Berlin vor dem Start

Trotz bundesweiter Kontroversen hat die Berliner Linke Koalitionsverhandlungen mit SPD und Grünen zugestimmt. Nach dem Wochenende geht es los

 01.11.2026