Studie

Hashtag Israelhass

Eine der 2021 am meisten heruntergeladenen Apps in Deutschland Foto: imago images/NurPhoto

Soziale Medien wie TikTok, Instagram und Community-Foren ermöglichen eine ungefilterte und fast grenzenlose Verbreitung antisemitischer Inhalte, die täglich von Millionen zumeist jungen Usern konsumiert werden: Zu diesem Ergebnis kommt die Studie »de:hate report #3« der Amadeu Antonio Stiftung, die in der vergangenen Woche der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Die Autoren haben sich vor dem Hintergrund der militärischen Eskalation im Nahen Osten im Mai in sozialen Netzwerken und Communities umgeschaut, um der Frage nachzugehen, warum und auf welche Weise sich insbesondere der israelbezogene Antisemitismus in sozialen Netzwerken derartig massiv Bahn brechen kann – obwohl doch zumindest die großen Plattformen wie TikTok oder Instagram angeben, ausgeklügelte Community-Management-Systeme zu nutzen, um Hassrede und Herabwürdigungen zu unterbinden.

INFLUENCER Eine der Studienerkenntnisse: Vor allem Influencern kommt bei der Verbreitung antiisraelischer Stereotype und Ressentiments eine wichtige Rolle zu. Viele sähen sich durch ihre Follower einem hohen Positionierungsdruck ausgesetzt oder teilten ohne hinreichendes Wissen über den Nahost-Konflikt Inhalte und Argumente, die antisemitische Narrative bedienten. Durch die Vorbildfunktion der Influencer für ihre Follower verbreiteten sich deren Ansichten in den entsprechenden Communitys wie ein Lauffeuer.

Aber auch durch Hashtags und unterschwellig antisemitische Codierungen verbreiteten sich zunehmend antiisraelische Inhalte, etwa auf der chinesischen Plattform TikTok, wie es in der Studie heißt. So wurde im Mai etwa versucht, unter dem Hashtag #PLM (Palestinan Lives Matter) an die »Black Lives Matter«-Bewegung anzuknüpfen. »Angelehnt an antiimperialistische, postkoloniale oder aber auch islamistische Argumentationsmuster entstand eine antiisraelische Grundstimmung, die ebenfalls von jungen User:innen aufgegriffen wurde«, heißt es in der Studie.

»Auf TikTok erlernen die meist sehr jungen Nutzer:innen fast schon spielerisch antisemitische Argumentationen.«

Theresa Lehmann, Amadeu Antonio Stiftung

Dieser Trend sei umso bedenklicher, wenn man sich die ungebrochene Beliebtheit der App vor Augen führt. So ist TikTok eine der in diesem Jahr am meisten heruntergeladenen Apps für mobile Endgeräte in Deutschland mit einer Alterszielgruppe zwischen 16 und 24 Jahren.

Dazu sagt die pädagogische TikTok-Expertin der Amadeu Antonio Stiftung, Theresa Lehmann: »Auf TikTok erlernen die meist sehr jungen Nutzer:innen fast schon spielerisch antisemitische Argumentationen.«

AUFKLÄRUNG Anhand der Studienanalyse könne man sehen, dass die Vermittlung dieser Inhalte vor allem durch popkulturelle Codes, aktuelle Musik, Emojis und Memes für die jugendlichen Nutzer meistens zunächst völlig unbemerkt artikuliert würden.

Wie eine TikTok-Sprecherin nach Veröffentlichung der Studie der Jüdischen Allgemeinen mitteilte, verurteile die Plattform Antisemitismus. »Wir arbeiten hart an der Bekämpfung von Hass, indem wir Konten und Inhalte, die gegen unsere Richtlinien verstoßen, proaktiv entfernen und Suchanfragen nach hasserfüllten Ideologien auf unsere Community-Richtlinien umleiten. Wir werden unsere Maßnahmen zur Bekämpfung antisemitischer Inhalte weiter ausbauen und begrüßen die Gelegenheit, unsere Zusammenarbeit mit der Amadeu Antonio Stiftung fortzusetzen«, so die Sprecherin.

Die Digitalteam-Leiterin der Amadeu Antonio Stiftung, Simone Rafael, fordert indes eine breite Aufklärungskampagne über codierten Antisemitismus in sozialen Netzwerken. »Wir wünschen uns eine sichere digitale Umgebung gerade für Kinder und Jugendliche«, sagt Rafael.

HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN Dazu gehöre auch das konsequente Sperren antisemitischer Hashtags durch die Netzwerke – etwas, das bis dato noch viel zu selten geschehe - ebenso wie Aufklärungsarbeit auf Augenhöhe durch Pädagogen und Projekte, »damit antisemitische Akteurinnen und Akteure so wenig Chancen wie möglich bekommen, um Jugendliche zu radikalisieren«.

Als Handlungsempfehlungen nennt die Studie konkret die Schulung der Community-Moderation, damit diese auch codierten Antisemitismus als solchen erkennt. Auch sollten die Unternehmen stärker mit der Wissenschaft zusammenarbeiten und Einblick in ihre Datenverläufe und Algorithmen gewähren.

Darüber hinaus müsse es aus Sicht der Amadeu Antonio Stiftung an den Schulen eine Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagne für das Thema geben. Auch Eltern sollten sich mit dem Problem beschäftigen und entsprechende Äußerungen nicht unkommentiert lassen.

Berlin

Israels Botschafter bekräftigt scharfe Kritik an Omri Boehm und an seiner Einladung

»Ich bin stolz darauf, einem Gedenken an die Schoa, das das Leid der Überlebenden relativiert oder den Staat Israel in Frage stellt, die rote Karte zu zeigen«, betont Prosor

 04.04.2025

Debatte

Boris Becker äußert sich zu seinem viel kritisierten Hitler-Tweet

Becker war einst als Tennisstar eine Legende, auch danach produzierte er noch viele Schlagzeilen. Nun sorgte ein Post zu Hitler für viel Aufregung

von Elke Richter  04.04.2025

Halle

Klein warnt vor Normalisierung judenfeindlicher Gewalt

Israel liegt rund 3000 Kilometer entfernt. Trotzdem werden Juden in Deutschland für die Gewalt im Nahen Osten verantwortlich gemacht. Ein gängiges antisemitisches Muster, kritisiert der Antisemitismus-Beauftragte

 04.04.2025

Kommentar

Hamas plante schon 2021 den »Tag danach«

Die Hamas und ihr Traum von der Einstaatenlösung ist lange vor dem 7. Oktober entstanden. Der Westen schwieg und Netanjahu schwieg, ein Fehler mit unerträglichen Konsequenzen

von Nicole Dreyfus  04.04.2025

Ähnliche Metropolen

Berlin und Tel Aviv: Vereinbarung über Städtepartnerschaft wird im Mai unterzeichnet

Die bereits »langjährige und herzliche Verbindung« könne nun »mit noch mehr Leben« gefüllt werden, sagt der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU)

 04.04.2025

Weimar

Buchenwald-Gedenkstättenchef kritisiert Israels Regierung

Der Philosoph Omri Boehm sollte zum 80. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald eine Rede halten. Doch sein Auftritt wurde verschoben. Der Gedenkstättenchef ist empört

 04.04.2025

Heidelberg

Romani Rose beklagt anhaltende Feindlichkeit gegen Sinti und Roma

Vor 80 Jahren erfuhr die Welt von den Gräueltaten in den NS-Konzentrationslagern. Doch nicht alle Betroffenen wurden gleichermaßen anerkannt. Die Versäumnisse hinterlassen Spuren - bis heute

 04.04.2025

Belgrad

Maccabi-Basketballer besiegen Bayern

Levi Randolph besiegelt den Erfolg für die Israelis

 04.04.2025

Washington D.C.

Reist Netanjahu nächste Woche nach Washington?

In geplanten Gesprächen mit Präsident Trump dürfte es um die Bedrohung durch den Iran sowie das weitere Vorgehen in Gaza gehen

 04.04.2025