Gesellschaft

Für die Vielfalt

Die Welt kommt zu uns – das ruft nicht nur Euphorie hervor. Foto: Thinkstock

Pluralismus steht als Begriff für moderne Welt. Der Begriff spiegelt eine lebenstechnische Realität der heutigen Welt – mancher würde sagen, die Welt war schon immer so, bloß wurde sie nie »plural« genannt. Neu ist, dass Pluralismus als Leitbild der Legitimität moderner Demokratien gilt.

Das Zusammenleben in der Demokratie funktioniert über eine gegenseitige Akzeptanz unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen, über die Anerkennung von Grundrechten und unter Verzicht auf jegliche Form der Diskriminierung – sei sie politisch, rassisch, religiös oder geschlechtlich. Pluralismus kommt in den modernen Demokratien nie allein daher. Er muss in Strukturen widergespiegelt werden, die Individuen bündeln, zum Beispiel in politischen Parteien, Verbänden, Vereinen, religiösen Gemeinden.

globalisierung Die moderne offene, digital vernetzte und durch eine bessere Infrastruktur verbundene Welt ist »kleiner« geworden, da alles plötzlich erreichbar scheint. Sie wird auch globaler, denn so »wie früher« ist es heute praktisch nirgendwo mehr. Die Welt kommt zu uns – und das ruft bei Weitem nicht nur Euphorie hervor. Die Globalisierung macht Antipluralisten stark.

Dieser gar nicht so unbemerkbaren Tendenz in unserer Gesellschaft widmete die Bertelsmann Stiftung eine repräsentative Studie, die vor Kurzem veröffentlicht wurde. »Vom Unbehagen an der Vielfalt« heißt diese Studie, die vor der Bundestagswahl vorbereitet wurde. Rund 5000 Menschen wurden nach ihren Ansichten zu Nachbarschaft und Vertrauen, zu Diversität, Flüchtlingssituation und gesellschaftlichem Engagement, zu sozialer Teilhabe und Vertrauen in die Institutionen befragt.

Das Ergebnis ist eher ernüchternd: Der Antipluralismus, der für Vorbehalte gegen Vielfalt und demokratische Orientierungen steht, ist im Vormarsch. Dabei führt er – betonen die Autoren der Studie – nicht zwingend zum (rechten) Populismus. Der Antipluralismus steht vor allem für eine in unserer Gesellschaft klar zunehmende »Freund/Feind«-, »Gut/Böse«-Dualität. Zentral und neu ist dabei, dass diese Einstellungen keine Randphänomene mehr sind, sondern sich in der Mitte der Gesellschaft finden.

einwanderung Die Ängste und Sorgen vor Ungewissem haben durch die Einwanderungs- und Fluchtbewegung der letzten Jahre ein scheinbar konkretes und sichtbares Ventil bekommen. Einer, wie leider nicht wenige meinen, »wählbaren Partei«, der AfD, bescherten die Antipluralisten nur wenige Monate nach der Befragung 92 Sitze im Deutschen Bundestag.

Die Autoren der Bertelsmann-Studie teilen die Antipluralisten in vier Gruppen. Die Zweifler (11 Prozent der Befragten) denken eher konservativ, nehmen aber am gesellschaftlichen Leben teil; die Verunsicherten (16,3 Prozent) ähneln den Zweiflern, vertrauen aber den Medien und der Politik immer weniger; die Frustrierten (7,9 Prozent) sind mit ihrer eigenen Lage massiv unzufrieden und lehnen die Aufnahme von Flüchtlingen ab; die Ausgegrenzten (4,2 Prozent), die Mehrheit lebt in den neuen Bundesländern, sind sozial und gesellschaftlich vereinsamt. In ihrem Fall müsste ein steigerndes Substantiv für Verunsicherung und Frust noch gefunden werden.

Und was nun, jüdische Gemeinschaft Deutschlands? Wir haben eine doppelte Carte blanche, die wir manchmal mit einer staatlichen Sicherheitsgarantie verwechseln. Zum einen gibt es die Überzeugung, die Juden mit ihren russischen, ukrainischen, polnischen, ungarischen, israelischen, amerikanischen, deutsch-deutschen Herkünften, mit ihrer Selbstdefinition zwischen »Volk«, »Kultur« und »Religion«, seien ein Inbegriff der Pluralität.

minderheit Als solche seien wir gegen Antipluralismus quasi geimpft. Zum anderen seien Juden durch die Schoa mit ihren sechs Millionen jüdischen Opfern und dem kontinuierlichen europäischen Antisemitismus die zu schützende Minderheit in der deutschen und europäischen Gesellschaft schlechthin und als solche sicher. Beide Annahmen stimmen, sie lassen aber einen wesentlichen Faktor vermissen: Sie machen politische Aktivitäten der Juden, ihre gesellschaftliche Teilhabe, nicht zwingend notwendig.

Währenddessen müssen Pluralität und Vielfalt Gegenstand ständiger politischer und intellektueller Auseinandersetzung bleiben. Objektive und normative Pluralismusvorstellungen kann es in einer derart diversen Gesellschaft, wie die deutsche und europäische es heute ist, nicht geben. Über das Wertesystem kann die Mehrheit entscheiden. Die Bertelsmann-Studie zeigt, dass die Mehrheit auch anders denken und folglich anders entscheiden kann.

Nur eine konsensfähige Mehrheit kann aber vermelden: Die tolerante Pluralität ist letztlich gut für Individuen und Gesellschaft. Die Juden (weniger als ein Prozent der Bevölkerung Deutschlands) können diese Mehrheit nicht entscheidend numerisch beeinflussen. Doch als Seismografen der Vielfalt, für die die Errungenschaften europäischer Aufklärung so wichtig sind, können und sollten wir gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Zum Beispiel, indem wir mit »Zweiflern« reden, wohl wissend, dass diese auch in unserer Gemeinschaft zur Genüge vertreten sind.

Der Autor ist Historiker und Referent bei ELES in Berlin.

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