Interview

Fünf Minuten mit …

Herr Schulze-Marmeling, der TSV 1860 München gilt als proletarischer Fußballverein mit antisemitischer Geschichte. Beim Lokalrivalen Bayern München findet sich eine Tradition liberalen Judentums. Ist das typisch?
Die Wahrnehmung des TSV 1860 als proletarische Adresse ist eher eine Post-1945-Sache. Vor 1933 waren die »Löwen« ein kleinbürgerlich geprägter Verein und Tummel- platz Deutschnationaler, die die Republik ablehnten. Die Bayern waren auch bürgerlich, aber anders: ein in Schwabing beheimateter Verein von Zugereisten, von Studenten, Künstlern oder Kaufleuten.

Warum zog es liberale Juden eher zum Fußball als beispielsweise zum Turnen?
Viele der städtischen Juden – und der Fußball war ein städtisches Spiel – zählten sich zum modernen Bürgertum, das liberal und kosmopolitisch ausgerichtet war. Fußball war ein englischer Sport, und »british« oder »english« ließ sich damals auch mit »modern« übersetzen.

Kann man sagen, dass sich Antisemitismus besonders stark in proletarisch geprägten Klubs findet?
Nein. Zumindest nicht vor 1933. Antisemitismus war und ist ein klassenübergreifendes Phänomen. Die deutschen Akademiker waren ja gut dabei, wie auch das Beispiel des TSV 1860 zeigt. Es stimmt aber, dass bürgerliche Klubs eher Opfer des Antisemitismus wurden, weil hier Juden deutlich häufiger in wichtigen Funktionen zu finden waren: siehe Bayern München, Eintracht Frankfurt oder Tennis Borussia Berlin.

Vor einem Jahr ging der Julius-Hirsch-Preis des DFB an die 1860-Initiative »Löwen-Fans gegen Rechts«. Was bewirken solche Initiativen?
Man muss bedenken, dass Leute wie der in Auschwitz ermordete jüdische Nationalspieler Julius Hirsch oder der »Kicker«-Gründer Walther Bensemann 1933 aus der Geschichte hinausgeschrieben wurden. Nach 1945 – das ist ein großer Skandal – wurden sie nicht wieder aufgenommen, da ja noch immer dieselben Leute die offizielle Geschichtsschreibung verantworteten! Ihre Rückkehr erfolgte erst mehr als 50 Jahre nach dem Krieg. Für mich, der ich seit Teenager-Jahren politisch engagiert bin, ist das der bislang schönste und wichtigste politische Erfolg in meinem Leben.

Mit dem Sachbuchautor und Fußballhistoriker sprach Martin Krauß.

Essay

Der 7. Oktober und das Ungeheuer

Damals ist das Ungeheuer namens Judenhass neu ausgebrochen und wütet seitdem mit einem Furor, dem wir fassungslos gegenüberstehen. Sein Appetit ist ungebrochen und es wird täglich gefüttert

von Esther Schapira  06.10.2026

Aufruf

Buchpreis-Trägerin Shida Bazyar warnt vor AfD

Shida Bazyar ist mit dem diesjährigen Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. In einem Vorab-Interview äußerte sie sich auch politisch

von Anita Hirschbeck  06.10.2026

Berlin

Mittel gegen Antisemitismus in Millionenhöhe bleiben liegen

Vor allem wegen der Nachwirkungen der »Fördergeldaffäre« konnten viele Gelder nicht mehr abgerufen werden. Projekte wurden aber auch strenger geprüft

 06.10.2026

Dritter Jahrestag des Terrorangriffs

Drei Jahre nach den Hamas-Massakern: Gedenkveranstaltungen in Berlin

Der Opfer des 7. Oktobers 2023 wird gedacht. Welche Kundgebungen sind geplant?

von Imanuel Marcus  06.10.2026

Meinung

Wenn Empörung den Blick verstellt

Eine Replik an Wolf Biermann

von Sacha Stawski  06.10.2026

Gesellschaft

Wadephul: Anstieg des Antisemitismus »katastrophale Fehlentwicklung«

Zugleich betonte er, dass Kritik an der israelischen Regierung weiter möglich sein müsse

 06.10.2026

Berlin

Israelis selbst schuld an Empathielosigkeit? SPD-Politiker in der Kritik

Der Sozialdemokrat Lars Castellucci machte am Samstag mit einem X-Post zum versuchten Anschlag auf ein Flugzeug mit israelischen Passagieren von sich reden. Viele sehen darin eine Täter-Opfer-Umkehrung

 05.10.2026

Berlin

Auswärtiges Amt kritisiert Menschenrechtsbeauftragten

In einer Reaktion auf einen X-Post von Bundesbildungsministerin Prien im Zusammenhang mit dem Flydubai-Flug nennt Lars Castellucci Israels Regierung rechtsradikal. Außenminister Wadephul reagiert

 05.10.2026

Der Verfassungsrechtler Steffen Augsberg, Hessens Justizminister Christian Heinz (CDU), der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker und Zentralratspräsident Josef Schuster (v.l.)

Gutachten

Hessischer Gesetzentwurf zur Leugnung des Existenzrechts Israels verfassungskonform

Hessens Justizminister Christian Heinz: »Wir brauchen dringend eine gesetzliche Regelung.« Zentralratspräsident Josef Schuster: Die Politik steht in der Pflicht, dem Antisemitismus in seinem neuen Gewand Einhalt zu gebieten

 05.10.2026