Jom Haschoa

Erinnerung bewahren

KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen bei Berlin Foto: imago/Jürgen Ritter

Eine gute Nachricht vorweg: Die KZ-Gedenkstätten erfüllen eine feste gesellschaftliche Funktion in Deutschland. Mehr als zweieinhalb Millionen Menschen haben im vergangenen Jahr die ehemaligen Konzentrationslager besucht. Fast alle Einrichtungen verzeichneten 2018 steigende oder gleichbleibende Besucherzahlen.

Die Gedenkstätte Buchenwald zählt so viele Besucher, dass die Einrichtung laut einem Sprecher inzwischen an den Rand ihrer Kapazitäten gelangt. In einer Zeit, in der Antisemitismus, Rassismus und Fremdenhass bedrohliche Ausmaße annehmen, ist es besonders wichtig, jungen Menschen zu zeigen, welche Folgen diese menschenfeindlichen Ideologien hatten und auch in Zukunft haben können.

konzepte Die bedrohliche Nachricht hinterher: Die bisherige Finanzierung der Gedenkstätten wird in Zukunft nicht mehr ausreichen, um mit dem wachsenden Interesse angemessen umgehen zu können, größere Besuchermassen zu bewältigen und moderne Konzepte zu erstellen.

Zentralratspräsident Josef Schuster hat bei einer Gedenkfeier in der bayerischen KZ-Gedenkstätte Flossenbürg vor Kurzem auf die schwierige Situation hingewiesen.

Der Präsident des Zentralrats, Josef Schuster, hat bei einer Gedenkfeier in der bayerischen KZ-Gedenkstätte Flossenbürg vor Kurzem auf diese Situation hingewiesen: »Hier steht der Bund in der Pflicht, die Gedenkstätten stärker finanziell zu unterstützen.« Gerade wegen der wachsenden Heterogenität der Gesellschaft halte er die Arbeit der Gedenkstätten, vor allem in Zusammenarbeit mit der Lehrerfortbildung, für notwendiger denn je.

Der Ort, an dem Schuster sprach, ist ein hervorragendes Beispiel, um die Entwicklung der Gedenkstättenarbeit in den letzten Jahrzehnten aufzuzeigen. Flossenbürg ist mir von Kindheit an vertraut. Unweit davon aufgewachsen, bin ich im Winter dort Ski gefahren und im Sommer auf die Burgruine geklettert. Wenn man sich dafür interessierte, wusste man aber auch, dass sich hinter der wunderschönen Aussicht Grausiges verbarg: Man blickte auf den Steinbruch, in dem die Häftlinge Sklavenarbeit verrichten mussten. Doch man musste es wissen wollen.

schulklasse Ich kannte das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers gut, denn jedes Jahr am Tag der Befreiung nahmen wir an der jüdischen Gedenkfeier teil. Meinen nichtjüdischen Freunden war dies alles unbekannt, denn kaum eine Schulklasse aus der Umgebung besuchte das ehemalige Konzentrationslager.

Warum auch? Kaum etwas in der KZ-Gedenkstätte vermittelte damals den Besuchern, dass in Flossenbürg und seinen Außenlagern zwischen 1938 und 1945 etwa 100.000 Häftlinge inhaftiert waren und 30.000 von ihnen zu Tode kamen. Noch in den 70er-Jahren wies die Besitzerin des Cafés außerhalb der Gedenkstätte ihre Kunden darauf hin, doch im nahe gelegenen »Park« spazieren zu gehen, bis sie wieder einen Tisch frei hätte.

Fast alle Gedenkstätten verzeichnen steigende oder gleichbleibende Besucherzahlen.

In diesem »Park« war kaum etwas beschildert, eine Ausstellung fehlte. Erst ein halbes Jahrhundert nach der Befreiung wurde die Gedenkstätte tatsächlich zu einem Lernort. Unter der Leitung von Jörg Skriebeleit wurde 2007 der erste Teil der Dauerausstellung und 2010 ein zweiter Teil über die Zeit nach 1945 eröffnet.

privatbetrieb Heute ist die Gedenkstätte in Flossenbürg ein vorbildhafter Platz für den Umgang mit der deutschen Geschichte. Doch auch hier ist ein weiterer Ausbau nicht nur möglich, sondern eigentlich unumgänglich. Ein Teil des Steinbruchs, in dem die Häftlinge arbeiten mussten, ist voraussichtlich noch bis 2024 in Privatbetrieb.

Ein europaweit einzigartiges Ensemble eines Arbeitseinsatzbereichs würde sich danach für die Gedenkstättenarbeit anbieten, wenn der Wille und die Finanzierung vorhanden sind. Flossenbürg ist nur ein Beispiel. An anderen Gedenkstätten gibt es ähnliche Konstellationen, wenngleich unter anderen Vorzeichen.

Nichts deutet darauf hin, dass der Wille der Bundesregierung, die Gedenkstättenarbeit weiter zu fördern, geschmälert wäre. Im Gegenteil: Die neue Initiative »Jugend erinnert«, für die die Bundesregierung bis zum Jahr 2022 17 Millionen Euro zur Verfügung stellt, um an die Opfer der NS-Gewaltherrschaft und der SED-Diktatur zu erinnern, kommt hier gewiss zum richtigen Zeitpunkt, doch muss man auch darauf achten, dass sich dabei keine geschichtspolitische Nivellierung der beiden deutschen Diktaturen einschleicht.

Es geht darum, gemeinsam mit der Förderung inhaltliche Konzepte und Perspektiven auszuarbeiten, um die Gedenkstätten weiterhin sinnvoll zu unterstützen.

Die Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten hat bereits vor zwei Jahren gefordert, dass Gebäude, Ausstellungen und Bildungskonzepte inhaltlich und baulich angepasst und überarbeitet werden müssen. Zudem sollten Begegnungsprogramme und zeithistorische Forschungsvorhaben ausgebaut und nicht zuletzt die Sammlungen und Archive gesichert werden, um den Wissenstransfer an die nächsten Generationen zu gewährleisten.

Es geht darum, gemeinsam mit der Förderung inhaltliche Konzepte und Perspektiven auszuarbeiten, um die Gedenkstätten weiterhin sinnvoll zu unterstützen.

Der Autor ist Professor für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität München und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Stiftung Bayerische Gedenkstätten. Aktuell von ihm erschienen: »Der lange Schatten der Revolution – Juden und Antisemiten in Hitlers München 1918 bis 1923«. Suhrkamp, Berlin 2019, 400 S., 28 €

 

Berlin

Scholz kann sich Verhaftung Netanjahus in Deutschland nicht vorstellen

Erstmals seit dem internationalen Haftbefehl gegen ihn besucht Israels Ministerpräsident Europa. In Ungarn muss er keine Verhaftung fürchten. Aber wie wäre es, wenn er nach Deutschland kommen würde?

 03.04.2025

Bundesregierung

Baerbock kritisiert, dass Israels Premier Netanjahu in Ungarn nicht verhaftet wurde

»Das ist ein schlechter Tag für das Völkerstrafrecht«, so die geschäftsführende deutsche Außenministerin

 03.04.2025

Debatte

Boris Becker äußert sich zu seinem viel kritisierten Hitler-Tweet

Becker war einst als Tennisstar eine Legende, auch danach produzierte er noch viele Schlagzeilen. Nun sorgte ein Post zu Hitler für viel Aufregung

von Elke Richter  03.04.2025

Soziale Netzwerke

Boris Becker teilt Zweifel an Hitlers Tod im Führerbunker

Floh der Nazi-Diktator nach dem Krieg nach Südamerika? Der Ex-Tennisstar scheint den Gerüchten zu glauben

von Michael Thaidigsmann  03.04.2025

Budapest

Ungarn will Internationalen Strafgerichtshof verlassen

Die Ankündigung erfolgte kurz nachdem Israels Regierungschef Netanjahu zum Staatsbesuch eingetroffen war

 03.04.2025

Münster

NS-Überlebende Friedländer: Bin entsetzt über Entwicklung in den USA

»Warum sagen so wenige etwas?« - Margot Friedländer blickt mit Entsetzen auf die Entwicklungen in den Vereinigten Staaten. Sie fordert aktiven Einsatz für die Demokratie, ob in den USA, in Deutschland oder anderswo

von Nicola Trenz  03.04.2025

München

Claims Conference will Bayern an »Restitutions-Quote« messen

Man werde die angekündigten Restitutions-Pläne für NS-Raubkunst kritisch begleiten, so Rüdiger Mahlo

 03.04.2025

Berlin

Nach israelfeindlichem Protest an Uni: Ausweisung von vier Studenten angeordnet

Drei EU-Bürger und ein Amerikaner müssen Deutschland verlassen. Die Senatsverwaltung für Inneres sagt, sie seien »Mitglieder einer gewaltbereiten Gruppe der propalästinensischen Szene«

von Imanuel Marcus  03.04.2025

Gedenkfeier

KZ Mittelbau-Dora: Albrecht Weinberg ist einer der letzten Zeugen

Albrecht Weinberg ist 100 Jahre alt. Er gehört zu den wenigen Zeitzeugen, die noch von der Verfolgung und Ermordung der Juden berichten können. Als einziger Überlebender kommt er zum Gedenken an die Befreiung des KZ nach Mittelbau-Dora

von Karen Miether  03.04.2025