Projekt

Erinnern in ein paar Sekunden

Das Projekt scheint den Nerv der Zeit zu treffen – 2017 wurde es mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet. Foto: pr

Kann man soziale Medien für die Vermittlung ernster Inhalte nutzen? Ist Gedenken an die Schoa per Snapchat möglich? Unbedingt, sagten sich 16 Nachwuchsjournalisten der Axel Springer Akademie, als sie im Dezember 2016 »sachor jetzt!« entwickelten. Der Titel ist eine Kombination aus Hebräisch und Deutsch und bedeutet: »Erinnere dich jetzt!« Mit dem Projekt wollen die Nachwuchsjournalisten den zu­meist jungen Usern dieser Medien zeigen, wo die schlimmsten Menschheitsverbrechen der Geschichte begangen wurden.

Ziel des Projekts ist es, mit Snap-Videos speziell Jugendliche im Alter von 14 bis 16 Jahren für die Themen Schoa und Erinnerungskultur zu interessieren. »Im Zentrum unserer Überlegungen stand, wie wir junge Menschen dazu bewegen können, sich näher mit dem Holocaust zu beschäftigen«, sagt Sebastian Gubernator.

Der 25-Jährige ist Volontär bei der Tageszeitung »Die Welt«. Zusammen mit seinen Kollegen hatte er die Idee für »sachor jetzt!«. In regelmäßigen Abständen laden Gubernator und die anderen Volontäre nur wenige Sekunden dauernde Kurzvideos auf Snapchat hoch. Sie filmen sich dabei, wie sie mit Zeitzeugen in Deutschland und anderen Ländern sprechen, ein ehemaliges Konzentrationslager oder einen anderen Gedenkort besichtigen. Insgesamt 30 Videos hat das Team bisher auf Snapchat hochgeladen.

Auf der Website von »sachor jetzt!« können derzeit noch elf dieser Videos angesehen werden. »Viele Jugendliche sind von dem oftmals trockenen Geschichtsunterricht in der Schule gelangweilt und schalten bei den Themen Nationalsozialismus und Schoa ab«, meint Gubernator. »sachor jetzt!« mit seinem Snapchat-Format hole die Jugendlichen hingegen dort ab, wo sie stehen. »Wir wollen der jungen Generation die Botschaft der Holocaust-Überlebenden auf eine moderne Art und Weise vermitteln«, sagt der junge Journalist, der Geschichte und Politik studiert hat.

begegnung Die Begegnung mit einer Zeitzeugin in den USA ist dem Projektinitiator ganz besonders in Erinnerung geblieben. Im vergangenen Jahr war Gubernator zusammen mit seinen Kollegen im Rahmen von »sachor jetzt!« nach New York gereist, um Helga Shepard zu treffen. Die heute 86-Jährige wurde 1932 in Berlin als Tochter einer jüdisch-polnischen Familie geboren.
Nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 schickten die Eltern das Mädchen mit einem Kindertransport nach England. Dort überlebte Shepard die Schoa bei einer Pflegefamilie. Durch glückliche Umstände überlebten auch ihre Eltern. Gemeinsam konnte die Familie 1953 nach Amerika auswandern.

Obwohl Gubernator und sein Team lediglich ein kurzes Treffen in Shepards Wohnung in Manhattan vereinbart hatten, unterhielten sich die jungen Journalisten mit der Schoa-Überlebenden mehr als fünf Stunden lang. »Das Gespräch ging ihr sehr nahe, weil sie ihre Geschichte zum ersten Mal so ausführlich erzählte. Zwischendurch musste sie immer wieder weinen«, erinnert sich Gubernator.

Shepard habe immer wieder betont, wie froh sie darüber sei, dass die jungen Journalisten aus Deutschland ihr zuhörten. Dass ein kurzes Video des Interviews auf Snapchat hochgeladen werden sollte und Tausende User der App es sich später anschauen könnten, fand die Schoa-Überlebende eine fabelhafte Idee. »Es sind solche Geschichten, die uns darin bestärken, weitere Snap-Videos zu drehen«, sagt Gubernator.

zeitnerv Tatsächlich scheint »sachor jetzt!« den Nerv der Zeit zu treffen. Die Zuschauerzahlen für die Videos liegen bereits unmittelbar nach dem Upload im vierstelligen Bereich. Im vergangenen Jahr wurde das Projekt zusammen mit dem Entwicklerteam mit dem begehrten Henri-Nannen-Preis für herausragenden Journalismus ausgezeichnet.

Immer wieder werden die Volontäre von Lehrern angefragt, ob sie das Projekt im Unterricht an Schulen vorstellen können. »Die Lehrer schätzen an unserem Projekt, dass die Schüler durch die Videos hungrig auf mehr gemacht werden und beginnen, Fragen zu stellen und sich zu interessieren«, sagt Gubernator. Erst kürzlich habe er eine E-Mail von einer Geschichtslehrerin aus Potsdam bekommen, die die App ihren Schülern in der 7. Klasse empfehlen will. »Die Lehrerin schrieb mir, dass wir ihr mit unserer App dabei helfen würden, das Interesse der Jugendlichen an Geschichte zu wecken«, sagt Gubernator.

Schüler hätten ihm aus ihrer Perspektive Ähnliches berichtet. Viele von ihnen würden Snapchat sowieso täglich benutzen und sich dann auch die neuen Videos von »sachor jetzt!« ansehen. »Unser Konzept, mit den Videos ein niedrigschwelliges erstes Informationsangebot zu liefern, ist aufgegangen«, schlussfolgert der Volontär.

Marina Chernivsky, Leiterin des Kompetenzzentrums der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), findet »sachor jetzt!« eine gelungene Initiative. »Allein, wenn das Projekt über die vertrauten Kanäle wie die sozialen Medien eine Brücke zu Jugendlichen schlagen kann, ist schon viel erreicht«, sagt Chernivsky.

Die per Video transportierten Geschichten der Überlebenden würden die Jugendlichen direkt ansprechen. Statt anonymer und ungreifbarer Datenberge stünde das Individuum mit seinen Erfahrungen im Zentrum. »Damit schaffen die Videos etwas, was der Geschichtsunterricht oftmals nicht kann, nämlich Interesse an den menschlichen Schicksalen zu wecken und neugierig auf das Thema zu machen«, sagt Chernivsky.

unterricht Nichtsdestotrotz könne ein Projekt wie »sachor jetzt!« nicht den Unterricht in der Schule ersetzen, sondern sollte in den allgemeinen Lernkontext eingebunden werden. »Die Einbettung in den Geschichtsunterricht ist wichtig, damit es funktioniert«, so Chernivsky.

Projektentwickler Gubernator kann dem nur zustimmen. »Wir wollen Lust auf Geschichte in der Schule machen«, sagt er. Es ginge bei den Videos nicht bloß um Identifikation mit den Opfern, sondern auch um ein möglichst auf die eigene Perspektive bezogenes Lernen. »Wir werden 2018 weitere Videos hochladen«, kündigt der Journalist an. Wer »up to date« sein will, sollte also regelmäßig bei Snapchat reinschauen. Die nächsten Videos sollen jetzt im April hochgeladen werden.

www.sachor.jetzt

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