Lutherjahr

Eine Wurzel des Judenhasses

Erhält den Abraham-Geiger-Preis 2017 und hält einen Vortrag beim Evangelischen Kirchentag: der israelische Schriftsteller Amos Oz Foto: Rolf Walter

Der Name »Judas« hat seit biblischer Zeit eine negative Konnotation. »Du Judas« wird als Ausspruch abwertend gebraucht. Wer in Deutschland diesen Namen hört, reagiert vorwiegend mit Misstrauen, ja gar mit Hass. Doch was, wenn das Verständnis des Apostels Judas Ischariot als »Verräter« ein großer Irrtum ist?

Mit einem Kuss, dem sogenannten Judaskuss, gab dieser der Tempelpolizei ein Zeichen und sorgte so für die »Überführung« Jesu. Ohne Kuss also keine Kreuzigung. Nur: Jesus hatte beim letzten Abendmahl mit seinen zwölf Aposteln selbst erklärt, dass einer der Anwesenden ihn verraten werde. Hat Judas sich also schuldig gemacht? Oder ist er bloß ein Erfüllungsgehilfe des göttlichen Heilsplans? Hätte Jesus ohne Judas vielleicht überhaupt nicht die Schuld für die Sünden der Menschen auf sich nehmen können?

roman Seit Jahrhunderten diskutieren Theologen diese Fragen. Das Verhältnis aber zwischen Jesus und Judas und die vermeintlichen Widersprüche, die jene Fragen aufwerfen, dürfte kaum jemand so pointiert und wunderbar überspitzt dargestellt haben wie der israelische Schriftsteller Amos Oz in seinem 2014 erschienenen Roman Judas.

War es tatsächlich Verrat? Ist nicht alles ganz anders? Hat Judas Jesus nicht sogar mehr geliebt als alle anderen? Anlässlich des Evangelischen Kirchentags, der vom 24. bis 28. Mai in Berlin stattfindet, wird Oz, der in diesem Jahr den Abraham-Geiger-Preis entgegennimmt, im Konzertsaal der Universität der Künste am 25. Mai einen Vortrag zum Thema »Judas und Jesus« halten.

In Oz’ Roman tritt der junge Student Schmuel Asch im Winter des Jahres 1959 – aus einer Sinnkrise heraus – in das Leben des 70-jährigen Gerschom Wald. Dieser bietet Asch Obdach und etwas Geld dafür, dass er täglich einige Stunden mit ihm verbringt. Asch ist fasziniert von dem Greis, mit dem er angeregt über Gott und die Welt reden kann.

abschlussarbeit Noch mehr jedoch ist er angezogen von Atalja Abrabanel, die im selben Haus lebt. Abrabanel ist Walds Schwiegertochter und die Frau seines 1948 im israelischen Unabhängigkeitskrieg getöteten Sohnes. Wald macht sich Vorwürfe, wegen seiner zionistischen Reden seinen Sohn überhaupt erst dazu getrieben zu haben, in den Krieg zu ziehen.

Gestritten hat sich Wald damals leidenschaftlich mit Abrabanels Vater Schealtiel, der sich gegen Premierminister Ben Gurion stellte und in Israel schnell als »Verräter« galt. Über diesen Konflikt hinaus beginnt die Hauptfigur Asch, sich wieder mit seiner unvollendeten Abschlussarbeit über »Jesus und die Juden« zu beschäftigen – speziell über sein Verhältnis zu Judas.

Oz schafft es mit seiner Geschichte, das Judas-Motiv in eine andere Epoche zu heben, und bringt zudem Religionsgeschichte und innerisraelische Konflikte zusammen. Dass sein Vortrag während des Kirchentags im laufenden Lutherjahr besonders wichtig ist, hat jedoch vor allem einen anderen Grund: In der Judasgeschichte liegt eine der Wurzeln des religiösen Antijudaismus, der sich fortsetzt bis hin zum Antisemitismus der Neuzeit. Dass Martin Luther ein Problem mit Juden hatte, ist unstrittig.

forum Inwieweit er mitverantwortlich zu machen ist für einen neuzeitlichen europäischen Antisemitismus, ja gar für den Antisemitismus der Nazis, das ist spätestens seit dem Holocaust Gegenstand intensiver Forschung – der Evangelische Kirchentag bietet für diese Diskussionen ein gutes Forum, zumal im Lutherjahr. In mehreren Schriften äußerste sich Luther abfällig über Juden, wie etwa in Von den Juden und ihren Lügen aus dem Jahr 1543. Darin widerruft er zu Teilen seine Judenmission, bereits früher hatte er Andeutungen gemacht, dass »nicht alle Juden gute Christen werden können«. Experten werten Aussagen wie diese als Vorboten des biologistischen Abstammungsantisemitismus der Nazis.

Der Name Judas ist im Deutschen alleine schon klanglich so nah am Wort Jude, dass eine Beschäftigung mit der Geschichte sich demjenigen aufdrängt, der nach Ursprüngen des Antisemitismus sucht, und das umso mehr im Kontext Martin Luthers, da dessen Judenfeindschaft sich aus einer Abgrenzung des Christentums gegenüber dem Judentum und einem religiösen Antijudaismus ableitet.

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