Interview

»Ein Weckruf«

Herr Kjaerum, am 8. November stellen Sie in Wien eine große EU-Antisemitismus-Studie vor. Warum gerade an diesem Tag?
Dieses Datum haben wir natürlich bewusst gewählt, weil es unmittelbar vor dem Jahrestag jener schrecklichen Pogromnacht 1938 liegt. Hauptsächlich wollen wir zeigen, dass die für Grundrechte zuständige EU-Agentur sich bewusst ist, dass Antisemitismus nach wie vor existiert und ihm entschieden entgegengetreten werden muss.

Worum genau geht es bei dieser Studie?
Es ging uns darum, detaillierte und vergleichbare Daten über die Erfahrungen mit Antisemitismus und Hassverbrechen aus der Perspektive der jüdischen Bürger zu erheben. Es ist die erste Studie dieser Art in Europa. Sie untersucht, wie jüdische Bürger antisemitische Äußerungen und Bekundungen im öffentlichen Leben erfahren, sowie auch die Angst, jüdische Symbole in der Öffentlichkeit zu tragen.

Erstmals kommen Juden selbst zu Wort. Was bedeutet das für die Studie?
Es gibt zahlreiche repräsentative Umfragen, die die Gesamtbevölkerung etwa zur Diskriminierung von Minderheiten befragen. So geht aber die Stimme jener Gruppen unter, die es eigentlich betrifft. Mit dieser Studie haben wir versucht, diese Lücke zu schließen. Sie liefert einen sehr umfangreichen, um nicht zu sagen: bewegenden Einblick in die Erfahrungen und Ängste der jüdischen Bevölkerung in der EU. Diese Angst kann lähmend sein, selbst dann, wenn sie der tatsächlichen Bedrohung nicht immer entspricht.

Was hat die EU mit dieser Studie vor?
Ich möchte und hoffe, dass diese Studie zu einer besseren, differenzierteren Politik im Kampf gegen den Antisemitismus in Europa führt, indem die Ergebnisse von den EU-Institutionen, den Mitgliedsstaaten sowie von zivilgesellschaftlichen Organisationen als Weckruf wahrgenommen werden. Es gibt im Bericht eine Reihe von Empfehlungen, die von politischen Entscheidungsträgern benutzt werden können, um gezielte Maßnahmen zu erarbeiten.

Sie selbst sind Däne. Wie kommt es, dass niemand in Dänemark für die Studie befragt wurde?
Ganz einfach, weil proportional zur Mehrheitsbevölkerung nur wenige Juden in Dänemark leben. Wir haben anfänglich darüber diskutiert, ob wir die Daten in allen EU-Mitgliedsstaaten erheben sollten, sind aber nach langer Beratung mit Experten zu dem Schluss gekommen, dass es sinnvoller wäre, uns auf die Länder zu konzentrieren, in denen die meisten Juden wohnen.

Über das Ergebnis der Studie wollen Sie vor dem 8. November noch nichts verraten. Aber vielleicht so viel: Welche Tendenzen lassen sich erkennen?
Über Tendenzen wird man erst sprechen können, wenn wir diese Studie wiederholen und vergleichen können, wie sich die Lage geändert hat. Aus manchen Fragen lassen sich jedoch vorläufige Trends erkennen. Zum Beispiel sagte eine Mehrheit der Befragten, der Antisemitismus sei in den letzten fünf Jahren gestiegen. Besonders herausragend ist auch, dass Antisemitismus im Internet sehr stark wahrgenommen wird.

Im EU-Land Ungarn unternimmt der Staat wenig gegen den wachsenden Antisemitismus. Was tut Ihre Agentur dagegen?
Unsere Recherchen, Analysen und Empfehlungen dienen dazu, den Entscheidungsträgern auf EU- und nationaler Ebene zu helfen, konkrete Maßnahmen zu treffen. Die Agentur hat allerdings nicht das Mandat, Politikänderungen in einzelnen Mitgliedsstaaten zu erzwingen.

In Frankreich und Schweden wenden sich immer mehr junge männliche Muslime gewalttätig gegen Juden. Was sagt Ihre Studie zu dem Phänomen?
Sie belegt nicht, wer hinter einem antisemitischen Angriff stand, sondern aus welcher Gruppe nach Einschätzung des Opfers der Täter kommt. Man kann also nicht ableiten, dass tatsächlich mehr Muslime für antisemitische Angriffe verantwortlich sind. Es ist aber deutlich, dass viele Juden in Ländern mit einer großen muslimischen Minderheit mehr Angst um ihre Sicherheit haben, sobald sich der Nahostkonflikt verschärft. Und fest steht, dass viel getan werden muss, um die Beziehungen zwischen jüdischen und muslimischen Gemeinden in der EU zu verbessern.

Die Fragen stellte Tobias Kühn.

Morten Kjaerum
Der dänische Jurist ist Direktor der EU-Agentur für Grundrechte mit Sitz in Wien. Die Agentur stellt am Freitag eine Studie zum Antisemitismus in Europa vor. Erstmals wurden jüdische Bürger befragt, wie sie Hass und Ressentiments wahrnehmen. Die Umfrage wurde in neun EU-Mitgliedsländern, darunter Deutschland und Ungarn, durchgeführt.

Israel

Die halbe Wahrheit

Deutschlands Medien und der Gaza-Krieg: Wie aus ungeprüften Zahlen der Terrororganisation Hamas plötzlich Gewissheiten werden – ganz ohne kritische Einordnungen

von Philipp Peyman Engel  05.02.2026 Aktualisiert

Doha

Merz sagt Partnern am Golf engere Rüstungszusammenarbeit zu

Lange Zeit haben Bundesregierungen nur sehr restriktiv den Export von Rüstungsgütern an autokratische Staaten genehmigt. Dies ändert sich nun, wie der Bundeskanzler in Katar deutlich macht

 05.02.2026

Interview

»Es wird vergessen, wie es anfing«

Ricarda Louks Tochter Shani wurde am 7. Oktober 2023 von Hamas-Terroristen ermordet. Hier spricht sie darüber, wie sie den Verlust verarbeitet, was ihr Kraft gibt und warum sie über den Umgang Deutschlands mit den Opfern enttäuscht ist

von Mirko Freitag  05.02.2026

Nahost

Natürliches Bündnis?

Nach der Offensive der syrischen Armee in Rojava nähern sich die Kurden Israel an. Eine Expertin erklärt die Hintergründe

von Sabine Brandes  05.02.2026

Washington D.C.

Neue Terrorismus-Anklagen nach Mord an Botschaftsmitarbeitern

Gegen den 31-jährigen Elias Rodriguez aus Chicago sei eine erweiterte Anklageschrift mit insgesamt 13 Punkten eingereicht worden, sagt Bundesstaatsanwältin Jeanine Pirro

 05.02.2026

Sydney

Drohungen gegen Israels Präsidenten: 19-Jähriger angeklagt

Die Bundespolizei teilt mit, Darcy Tinning habe gedroht, Isaac Herzog mit einer Pistole zu erschießen

 05.02.2026

New York

Antisemitische Drohung an Schule: 17-Jähriger festgenommen

»Fuck the Jews«: Laut NYPD hatte der Teenager an der Renaissance Charter School in Jackson Heights E-Mails verschickt, in denen er Gewalt gegen jüdische Mitschüler androhte

 05.02.2026

Dresden

Sächsischer Landtag: Einmütige Zustimmung für Yad-Vashem-Außenstelle

Kultusminister Conrad Clemens (CDU) spricht von einem Auftrag. Angesichts offener antisemitischer Anfeindungen und wachsender Angriffe auf demokratische Werte sei Erinnerungskultur dringlicher denn je

 05.02.2026

Teheran

»Widerwärtiger Charakter«: Irans Außenminister attackiert Merz

Der Iran betrachtete Deutschland einst als einen zuverlässigen Partner. Die Kritik an der Bundesregierung wird jedoch immer heftiger. Und richtet sich mittlerweile gegen den Bundeskanzler persönlich

 05.02.2026