nachruf

Ein jüdischer Patriot

Mit Worten und Taten ein Verteidiger der Demokratie: Ernst Cramer Foto: imago

nachruf

Ein jüdischer Patriot

Zum Tod des Berliner Publizisten Ernst Cramer

von Rafael Seligmann  21.01.2010 00:00 Uhr

Die Verlegerin Friede Springer sprach der breiten Mehrheit der politisch und publizistisch interessierten Deutschen aus der Seele, als sie die Loyalität und den Patriotismus des am Dienstag im Alter von knapp 97 Jahren verstorbenen Ernst Cramer hervorhob. Dieser fast ungeteilten Beliebtheit erfreute sich der Publizist keineswegs immer. Erst in seinen letzten Lebensjahren schloss ein Großteil der deutschen Gesellschaft Ernst Cramer in ihr Herz.

Allgemeine Anerkennung erfuhr Cramer vor allem anlässlich seiner Rede während der Feierstunde des Deutschen Bundestages zum »Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus« am 27. Januar 2006. Da bekannte er, das Reichstagsgebäude sei für ihn »ein Dom der Demokratie, ein Garant der Aufklärung. In die- sem Palast glaubte ich Freiheit, Liberalität, Toleranz, Menschenwürde und wahres Deutschtum fest verankert.«

Ernst Cramer wurde am 28. Januar 1913 in Augsburg als Sohn des Kaufmanns Martin Cramer geboren. Die Wirtschaftskrise zu Beginn der 30er-Jahre zwang die Eltern, ihren Sohn vom Gymnasium zu nehmen. Ernst, der gerne Lehrer geworden wäre, musste nun eine Lehre im jüdischen Kaufhaus der Brüder Landauer antreten. Auf den wirtschaftlichen Niedergang folgte der politische. Adolf Hitler und die NSDAP wurden zur populärsten deutschen Partei. Die wenigsten hatten zwar Mein Kampf gelesen. Aber der Judenhass diente den Nazis als Propagandaparole: »Deutschland erwache. Juda verrecke«. Es blieb nicht bei der Agitation.

Buchenwald Am 30. Januar 1933 übernahmen die Nazis die Macht. Zwei Jahre später wurden die Juden aufgrund der Nürnberger Gesetze zu minderwertigen Menschen degradiert. 1938 in der sogenannten Reichskristallnacht rotteten sich SA und der Mob unter Führung der Nazi-Partei zum Pogrom zusammen. Synagogen wurden angesteckt, Häuser gebrandschatzt, Menschen misshandelt und erschlagen. 30.000 jüdische Männer kamen in Konzentrationslager. Ernst Cramer wurde nach Buchenwald deportiert. Sechs Wochen lang vegetierte er unter menschenunwürdigen Bedingungen mit Tausenden von Häftlingen dahin, wurde erbarmungslos geschlagen und gedemütigt. Danach gelang Cramer über Holland und England die Ausreise in die USA.

Nach der Kriegserklärung 1941 meldete sich der Emigrant freiwillig zur US-Armee. Als Unteroffizier besuchte er am 12. April 1945 das soeben befreite KZ Buchenwald. Cramer erlebte Verhungernde und Häftlinge, die dem Tode nahe waren. Dies bewog ihn, in Deutschland zu bleiben: »Ich fühle, es ist meine Pflicht mitzuhelfen, Deutschland wieder aufzubauen und es zu Vernunft, Anstand und Gerechtigkeit zu führen.« Bald darauf erfuhr er, dass seine El- tern und sein Bruder ermordet worden waren. Später arbeitete Cramer in der US-Militärregierung, wurde Mitglied der Chefredaktion der Neuen Zeitung in München und Frankfurt, dann der Nachrichtenagentur UPI.

springer 1958 lernte der Verleger Axel Springer Ernst Cramer kennen. Springer schätzte dessen Gradlinigkeit und Ehrlichkeit. »Ich suche Leute mit eigener Meinung, die auch zu ihr stehen« – mit diesen Worten soll der Verleger sein Jobangebot unterbreitet haben. Und Cramer machte bei Springer eine steile Karriere, wurde Chefredakteur der Welt und Herausgeber der Welt am Sonntag sowie Leiter des Verlegerbüros. Beide Männer sahen gleichermaßen die freiheitliche Ordnung und die deutsche Demokratie durch den gewaltbereiten Teil der 68er gefährdet. Bei Ernst Cramer leuchtete die Alarmlampe auf. Er fürchtete, die Demokratie werde wie in Weimar von den Radikalen überrannt werden. Die Terroraktion der RAF und ihrer Nachfolgeorganisationen verstärkten diese Angst. Doch die deutsche Demokratie überstand die Gefahr. Stattdessen brach die Sowjetunion zusammen. Axel Springer, der die deutsche Wiedervereinigung nicht mehr erlebte, bestellte Ernst Cramer zu seinem Testamentsvollstrecker. Als Vorstandsvorsitzender der Axel-Springer-Stiftung erwarb er sich den Ruf des Lordsiegelbe- wahrers der konservativen Publizistik und des Geistes Axel Springers. Und der vielfach mit Preisen ausgezeichnete Cramer wurde zu einer Symbolfigur der deutsch-jüdischen Versöhnung.

Ukrainereise

Prien bei Gedenken in Babyn Jar: Erinnerung verpflichtet uns

Bundesfamilienministerin Prien ist in die Ukraine gereist. Am heutigen Dienstag sprach sie beim Gedenken an die ermordeten Juden in Babyn Jar. Sie betonte auch, Deutschland stehe weiter an der Seite der Ukraine

von Birgit Wilke  06.10.2026

Fokus

Aktionswochen gegen Antisemitismus gestartet - Zahlen zu Hochschulen

Die bundesweiten Aktionswochen gegen Antisemitismus nehmen dieses Jahr die Lage an den deutschen Universitäten in den Blick. Die Amadeu-Antonio-Stiftung nennt erhobene Vorfallszahlen - und stellt Forderungen

von Daniel Zander  06.10.2026

Sachsen-Anhalt

Bitterer Vorgeschmack

Die heutige Wahl des ersten AfD-Landtagspräsidenten zeigt, wie die rechtsextreme Partei im Dezember auch den Ministerpräsidenten stellen könnte

von Mascha Malburg  06.10.2026 Aktualisiert

Dialog

Zwischen Vatikan und Juden geht nach dem 7. Oktober kaum noch was

Seit Jahrhunderten ist das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Juden turbulent. Nach einem Zwischenhoch unter Johannes Paul II. kühlte es wieder ab. Und seit dem Gazakrieg nähert es sich einem neuen Tiefpunkt

von Ludwig Ring-Eifel  06.10.2026

Berlin: das Rote Rathaus mit Fernsehturm im Hintergrund

Glosse

Ein Coach berät die Berliner Linke

Unser Autor ist Psychologe, Coach und Berater. Der Linkspartei und ihrer Regierenden Bürgermeisterin in spe, Elif Eralp, hilft er an dieser Stelle kostenlos

von Louis Lewitan  06.10.2026

Düsseldorf

Nach Angriff auf Juden: Polizei veröffentlicht Fahndungsfoto

Die Tatverdächtigen sollen einen Mann verprügelt haben, weil der ein T-Shirt mit »IDF«-Schriftzug getragen hatte

 06.10.2026

Sachsen-Anhalt

Tobias Rausch zum ersten AfD-Landtagspräsidenten gewählt

Er ist jetzt der protokollarisch ranghöchste Politiker in Sachsen-Anhalt. Nach ihrem Wahlsieg im September stellt die AfD mit Tobias Rausch den Landtagspräsidenten.

 06.10.2026

Essay

Der 7. Oktober und das Ungeheuer

Damals ist das Ungeheuer namens Judenhass neu ausgebrochen und wütet seitdem mit einem Furor, dem wir fassungslos gegenüberstehen. Sein Appetit ist ungebrochen, und es wird täglich gefüttert

von Esther Schapira  06.10.2026

Berlin

Mittel gegen Antisemitismus in Millionenhöhe bleiben liegen

Vor allem wegen der Nachwirkungen der »Fördergeldaffäre« konnten viele Gelder nicht mehr abgerufen werden. Projekte wurden aber auch strenger geprüft

 06.10.2026