Bundesarchiv

Die rettende Liste: Zum 50. Todestag von Oskar Schindler

Oskar Schindler, 1963 in Frankfurt/Main Foto: dpa

Krischer, Hirsch, Autoschlosser. Vogel, Gedalo, Fleischermeister. Riedermann, Hirsch, Ofensetzergeselle. Weinberger, Nachan, Zimmerer. Mehr als 1000 Namen stehen auf den 19 eng mit Maschine getippten Seiten. Mehr als 1000 Juden, die während des Zweiten Weltkriegs der Mordmaschinerie der deutschen Nationalsozialisten entgingen, weil der Unternehmer Oskar Schindler sie in seiner Fabrik für kriegswichtig erklärte und damit rettete. 

»Schindlers Liste« wurde 1993 durch den gleichnamigen Film von US-Regisseur Steven Spielberg weltbekannt. Doch die Geschichte des sudetendeutschen Fabrikanten war noch nicht ganz auserzählt. 1999 fand man auf einem Dachboden in Hildesheim einen Koffer mit 7000 Dokumenten aus Schindlers Nachlass, darunter auch eine Version der berühmten Liste. Zu Schindlers 50. Todestag präsentiert das Bundesarchiv in einem Online-Schwerpunkt einen Teil dieses Funds und die Saga dieses widersprüchlichen Helden. 

Töpfe für die Wehrmacht

Den damals 31-jährigen Nationalsozialisten Schindler zog es demnach kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 in der Hoffnung auf Profit ins von Deutschland besetzte Polen. Bei Krakau pachtete er eine Fabrik und produzierte emaillierte Töpfe, Teller und Näpfe für die Wehrmacht. Entrechtete polnische Juden aus der Region beschäftigte er als billige Arbeitskräfte.

Der Einsatz Schindlers und seiner Frau Emilie für die jüdischen Arbeiter begann, als der Vernichtungsdruck der Nazi-Besatzer wuchs. Zunächst errichtete Schindler Unterkünfte an seiner »Deutschen Emailwarenfabrik«, damit die Menschen nicht in ein Arbeitslager verfrachtet wurden. Schließlich beschäftigte er mehr und mehr Juden mit der Begründung, sie seien notwendig für die kriegswichtige Produktion. 

Teils dichtete Schindler ihnen Berufe an, um die Mitarbeiter halten zu können. »Die Menschen wären alle umgebracht worden, wenn sich Schindler nicht auf diese Weise um sie gekümmert hätte«, sagte Abteilungsleiter Tobias Herrmann vom Bundesarchiv der Deutschen Presse-Agentur. 

Hunderte Namen auf der Liste

Als Schindler wegen des Vormarschs der Sowjetarmee zu Ende des Kriegs seine Fabrik ins Sudetenland verlegte, nahm er seine »Schindler-Juden« mit - nach erheblichem Gerangel mit den NS-Behörden, die ihn zunehmend selbst ins Visier nahmen. 800 Männer und 300 Frauen standen auf seinen Listen. 1945 nahmen Oskar und Emilie Schindler zudem die sogenannten Golleschauer Juden auf, eine Gruppe jüdischer Zwangsarbeiter aus einem Außenlager des Vernichtungslagers Auschwitz, die ziellos in Viehwaggons umher gekarrt worden waren. 

Nach der deutschen Kapitulation flohen die Schindlers nach Süddeutschland. Ihren Besitz verloren sie. Wirtschaftlich hatte Oskar Schindler danach nie wieder großen Erfolg. Er erhielt finanzielle Unterstützung von jüdischen Organisationen und einigen geretteten ehemaligen Mitarbeitern. In Israel wurde ihm 1962 der Ehrentitel »Gerechter unter den Völkern« zuerkannt. Seine Frau Emilie, von der er sich nach dem Krieg trennte, bekam diesen Titel 1994. Aus Israel stammen auch einige gemalte Kinderbilder, die man in dem Koffer mit seinem Nachlass fand. Darunter ist ein Herz, versehen mit einem Satz in Schönschrift: »Zu Herr Schindler, mit Liebe Debbie.«

»Er war kein Intellektueller«

Der Publizist Michel Friedman, Sohn geretteter »Schindler-Juden«, kannte Oskar Schindler in seiner Kindheit in Frankfurt am Main. »Ich begegnete also einem Deutschen, der in seiner Einfachheit so überraschend und überzeugend war«, sagte Friedman einmal. »Es war kein Intellektueller, es war kein gebildeter Mann, das war kein Mann, der irgendwas studiert hat.« 

Schindler sei »moralisch nicht besonders hoch angesehen« gewesen, ein »Säufer, er hatte viele, viele Frauen«. Doch habe Schindler im Gegensatz zu allen »Moralisten« Menschen unter Einsatz seines Lebens geholfen. Damit habe er gezeigt, dass genau das auch unter dem NS-Regime möglich gewesen sei, sagte Friedman. »Und ich war mir klar, dass dieser Mann, der dann bei uns zu Hause war, die Grundlage dessen war, dass wir überhaupt zu Hause lebten, dass wir überhaupt lebten. Dass ich als Kind nicht gezeugt worden wäre, wenn meine Eltern nicht von ihm gerettet worden wären.«

Lesen Sie auch

Wie kam der Koffer mit Schindlers Nachlass auf den Dachboden in Hildesheim? Dort hatte Schindler ein Zimmer im Haus einer Freundin. Deren Sohn fand die Dokumente 25 Jahre nach Schindlers Tod. Er war am 9. Oktober 1974 gestorben. Das Bundesarchiv sicherte die Dokumente auf Mikrofilm und reichte sie weiter an die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Von dort bekam das Bundesarchiv einen Original-Durchschlag von »Schindlers Liste«, der nun in Koblenz verwahrt wird. 

USA

Was hinter dem möglichen Rückzug von Elon Musk aus dem Weißen Haus stecken könnte

»Politico« zufolge mehren sich Spekulationen über wachsenden Unmut rund um Musk

von Luzia Geier  02.04.2025

Bayern

NS-Raubkunst: Staatsminister um den Schlaf gebracht

Bayerns Kunstminister Markus Blume hat gleich mehrere Untersuchungen angekündigt. Auf seine eigene Rolle ging er kaum ein

von Michael Thaidigsmann  02.04.2025

München

Wie ein Münchner Jude mit Postkarten gegen Hitler kämpfte

Lange war er vergessen, jetzt hat sein Enkel ein Buch über ihn geschrieben: Benno Neuburger kämpfte mit anonymen Postkarten gegen die Nazis - bis er ein Detail übersah, das ihn verriet

von Christoph Renzikowski  02.04.2025

Weimar

Rede von Omri Boehm bei Buchenwald-Gedenken abgesagt

Wegen der Einladung Boehms habe sich ein Konflikt mit Vertretern der israelischen Regierung angebahnt, in den man die KZ-Überlebenden nicht hineinziehen wolle, so Gedenkstellenleiter Jens Christian Wagner

 02.04.2025

NS-Widerstand

Dietrich Bonhoeffer: Vor 80 Jahren hingerichtet - bis heute verehrt

Dietrich Bonhoeffer bezahlte seinen Widerstand gegen die Nazis mit dem Leben. Heute wird der evangelische Theologe von Christen in aller Welt verehrt. Dass er von Radikalen vereinnahmt wird, missfällt seiner Familie

 02.04.2025

Vor 45 Jahren

Der Dachauer Hungerstreik und seine Hintergründe

Die Bundesrepublik Deutschland sollte endlich anerkennen, dass auch Sinti und Roma im NS-Regime Opfer eines Völkermords geworden waren

 02.04.2025

Bildung

Historiker plädiert für mehr Antisemitismus-Prävention bei Lehrern

Es gäbe oft Probleme, Formulierungen und Codes der rechtsextremen Szene zu erkennen

 02.04.2025

Berlin

»Wunder der Geschichte«: Der Zentralrat der Juden in Deutschland wird 75

Die früheren Bundespräsidenten Gauck und Wulff würdigen den jüdischen Dachverband

von Imanuel Marcus  02.04.2025

Interview

»Die UNRWA ist komplett von der Hamas durchseucht«

Dirk Niebel über die Kritik am Hilfswerk für Palästinenser, Verwicklungen in den Terror und andere Wege der Unterstützung

 02.04.2025