Gesellschaft

Die Not mit der Tugend

Was tun, wenn einer sich nicht mehr wehren kann? Der Gewalt entgegentreten, Hilfe holen oder sicherheitshalber wegschauen? Foto: dpa

Es war ein einfacher Satz. Aber er hatte es in sich. Beim Prozess gegen die Münchner S-Bahn-Schläger wurde der Lokführer in den Zeugenstand gerufen. Er sollte über Dominik Brunner sprechen: »Für mich war er der Angreifer.« Der 50-jährige Manager, ein Haudrauf? Das würde das Bild des »Helden von Solln« grundlegend verändern. Wie das von Pater Johannes Pausch, der in Brunner einen »menschlichen Engel« sieht. Für den Pfarrer und TV-Moderator Jürgen Fliege hat »dieser Mord« zudem das Potenzial, »unsere Gesellschaft zu verändern«. Starke Worte. Treffen sie auch zu?

Unabhängig vom derzeit laufenden Prozess in München ist Zivilcourage ein Dauerbrenner in der öffentlichen Diskussion. Wenn es irgendwo gebrannt oder geblutet hat, stehen die Gaffer und Weggucker am Pranger. Man spricht dann von der anonymen Gesellschaft, die sich nicht für die Mitmenschen einsetzt. Für sie hat das Strafgesetzbuch einen Paragrafen reserviert: un- terlassene Hilfeleistung. Doch wie kann man Zivilcourage, also Mut, lehren? Ist es mit der »Dominik-Brunner-Stiftung« getan, die nun pädagogische Projekte für Schulen ausarbeitet? Und wie muss man als Lehr- und Erziehungsperson auf diese Forderung reagieren?

Medien Ich setze immer ein großes Fragezeichen, wenn die Lösung gesellschaftlicher Probleme an die Schulen delegiert wird. Dabei geistert mir ein Ausspruch des Baal Schem Tov, Rabbiner Israel ben Elieser (um 1700 bis 1760), durch den Kopf: »Es ist leichter, den gesamten Talmud zu lernen, als eine einzige menschliche Eigenschaft zu verändern.« Kindern den Sammelbegriff Mut und Zivilcourage eintrich- tern zu wollen – dazu bedarf es schon viel pädagogischer Naivität. Noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts beschränkte sich die Volksschule auf ihre Kernkompetenz, nämlich den Wissenstransfer. Heutzutage wird dort jede gesellschaftliche Fehlentwicklung durchgekaut. Ich kann mich noch gut erinnern, als im Schweizer Fernsehen die erste Erotiksendung lief. Die Lehrerin hat uns Zwölfjährige am nächsten Tag gefragt, wer sich den Film angesehen hat. Danach wurde lange über die Verrohung in den Medien gesprochen. Dieselbe Lehrerin hat auch mal eine ganze Woche für das Thema Mobbing reserviert. Sie wollte damit einem betroffenen Mädchen helfen, was ihr nicht gelang.

Es ist leider so: Menschen sind nur schwer formbar. Es gibt Lehrer, die Halbwüchsigen tagaus, tagein die Gefahren des Tabakrauchens erläutern und dann am Ende doch die gleiche Raucherquote haben. Ähnlich verhält es sich mit Mobbing, gesunder Ernährung, Gewalt und Alkohol. Es muss ein in der Sache liegendes Motiv geben, damit ein junger Mensch sein Verhalten ändert. Zum Beispiel eine selbst erlebte Geschichte. Diese Negation der Veränderung menschlicher Züge ist für Pädagogen schmerzhaft, sie kann aber im Unterrichtsalltag dienlich sein. Es verhält sich ähnlich wie mit der Bewegungsentwicklung bei Kindern. Vor ein paar Jahren noch wurde ein Säugling, wenn er mit 18 Monaten nicht laufen konnte, einer Horde Therapeuten übergeben. Heute hat sich weitgehend die Erkenntnis durchgesetzt, dass je- des Baby individuell ist und unterschiedliche Stationen für das selbstständige Gehen auswählt. Und es gibt auch keine ernsthaften Untersuchungen, die beweisen, dass »intelligentes Spielzeug« bei Kleinkindern irgendetwas bewirkt. Sie entwickeln sich im Vergleich zu anderen nicht schneller, wenn ein Mobile mit Dreiecken und ovalen Formen über dem Kopf hängt.

Kleidung Sind also alle Bemühungen, Jugendlichen soziales Verhalten beizubringen, ohne Nutzen? Nein. Im Talmud steht, dass eine Lehrperson größte Schuld auf sich lädt, wenn sie ein dreckiges Hemd trägt. Übertragen bedeutet das: Sowohl die Kleidung als auch das eigene Auftreten sind entscheidend. Wir sehen dies eigentlich jeden Schabbat in der Synagoge. Die Kinder, die wild herumrennen, sind Kinder von Eltern, die auf keinen Schwatz verzichten wollen.

Über Dominik Brunner und die tödliche Schlägerei von Solln haben wir in der Schule nicht gesprochen. Es gibt gewalttägig Konfrontationen in jeder Hofpause. Interessanterweise handeln die meisten Kinder in diesen Fällen intuitiv richtig: Wenn es zu einer Prügelei kommt, eilt in der Regel ein Schüler zur Aufsichtsperson. Das hätte in München womöglich auch gereicht: ein Anruf bei der Polizei. Junge Menschen beobachten sehr genau, wie wir Erwachsene zum Beispiel Streitigkeiten mit dem Nachbarn lösen: mit der Androhung roher Gewalt oder mit einem Schlichtungsversuch durch den Hausmeister. Darin liegt die einzig Möglichkeit, Kinder zu mutigen, couragierten Heranwachsenden zu erziehen: Wir müssen diese Tugenden vorleben. Das schaffen weder Dis- kussionsrunden noch Unterrichtsblätter der »Dominik-Brunner-Stiftung«. Denn leider hat der Tod des Münchners nicht das Potenzial, die Gesellschaft zu verändern. Das müssen wir selbst in die Hand nehmen

Der Autor ist Lehrer an einer Schweizer Grundschule und Publizist.

Kommentar

Eure Masche zieht nicht mehr!

Mittlerweile hat es sich selbst im Kulturbetrieb herumgesprochen, dass die Bigotterie der sogenannten pro-palästinensischen Aktivisten allzu durchschaubar ist, wenn Menschenrechte gepredigt und im gleichen Atemzug »Genozid« und »Boykott« geschrien wird

von Sophie Albers Ben Chamo  22.02.2026

Kino

Wegen israelfeindlicher Propaganda-Rede bei Berlinale: SPD-Minister verlässt die Preisverleihung 

 21.02.2026

Berlinale

»Free Palestine« auf der Bühne

Filmemacher Abdallah Alkhatib wirft der Bundesregierung vor: »Sie machen mit beim Genozid Israels in Gaza«

von Katrin Richter  21.02.2026

Meinung

Endlich kehrt Ehrlichkeit in die Debatte über die UNRWA ein!

Der CDU-Antrag bringt auf den Punkt, was seit Jahren verdrängt wurde: Palästinensische Gewalt darf natürlich nicht als politisches Instrument akzeptiert werden

von Daniel Neumann  21.02.2026

Parteitag

»Die UNRWA ist nicht reformierbar«: CDU will Zahlungsstopp

Einmütig haben die Delegierten des CDU-Bundesparteitags in Stuttgart beschlossen, dass es künftig striktere Auflagen für deutsche Zuschüsse an die Palästinenser geben soll

von Michael Thaidigsmann  21.02.2026

Militär

Bundeswehr und IDF wollen enger zusammenarbeiten

Bei einem Besuch in Israel vereinbaren Vertreter der Bundeswehr eine engere Kooperation mit Israels Armee. Deutschland will dabei auch etwas über die Integration von Frauen ins Militär lernen

 20.02.2026

Stuttgart

Merz schließt AfD als Option kategorisch aus

In Teilen der CDU liebäugeln manche damit, ob nicht doch auch die AfD ein Partner werden könnte. Der Parteichef zieht eine deutliche rote Linie

 20.02.2026

Berlin

Auswärtiges Amt: Deutsche sollen Iran verlassen

Die Bundesregierung warnt Deutsche im Iran erneut vor einer möglichen Eskalation. Noch gebe es Ausreisemöglichkeiten zu Lande und mit Flugzeugen

 20.02.2026

Düsseldorf

Jetzt auch Wirbel um Jobs bei AfD-Abgeordneten in NRW

Minijobs für eine 85-Jährige und die Frau eines Lokalpolitikers: Jetzt geraten auch AfD-Abgeordnete in NRW in die Vetternwirtschafts-Debatte

 20.02.2026