Bundestag

Die Antisemiten sind unter uns

Juliane Wetzel, Peter Longerich und Wolfgang Thierse (v.l.) stellen den Antisemitismusbericht vor. Foto: dpa

Etwa 20 Prozent der Deutschen sind latent antisemitisch eingestellt. Diesen Befund hat eine Expertenkommission des Bundestages am Montag der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Experten, zu denen der Historiker Peter Longerich von der Universität London und Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin gehören, haben ein Jahr lang Studien zu judenfeindlichen Ansichten ausgewertet. 2008, nach dem Gedenken an den 70. Jahrestag der Reichspogromnacht, hatte der Bundestag das Gremium einberufen.

Der Bericht der Kommission wurde bereits zum zweiten Mal vorgestellt. Schon im November 2011 lag er dem Bundeskabinett und dem Bundestag vor, doch da fanden sich in der Presse »nur vereinzelte Wortmeldungen«, wie Wolfgang Thierse (SPD), Vizepräsident des Bundestags, konstatierte.

Nach dem Bekanntwerden des Thüringer Terrornetzwerkes Ende vergangenen Jahres aber habe das Thema eine »fatale Aktualität« gewonnen. Daher kamen Politiker aller Fraktionen und die Mitglieder des Expertengremiums noch einmal zusammen, um ihre Befunde vorzustellen.

rechtsextremisten Die 20 Prozent der Deutschen mit latent antisemitischen Einstellungen finden sich in allen gesellschaftlichen Schichten – »in der Mitte der Gesellschaft«, wie Peter Longerich ausführte. Und Juliane Wetzel ergänzte: »Wenn wir nur den Bereich von antisemitischer Israelkritik nehmen, dann liegt der Prozentsatz bei 40 bis 50 Prozent.« Bedeutendster Träger von Antisemitismus seien nach wie Rechtsextremisten. Etwa 90 Prozent der antisemitisch motivierten Straftaten kämen aus dieser Ecke. Doch auch andere gesellschaftliche Milieus seien zu beachten.

Neben traditionellen Mythen über das Judentum, so Peter Longerich, gebe es auch viele Vorwürfe, »die sich erst als Reaktion auf den Holocaust und die Gründung des Staates Israel herausgebildet haben«. Longerich nannte als Beispiel eine vielverbreitete Ansicht, die Juden zögen einen finanziellen oder moralischen Nutzen aus dem Holocaust.

Elke Gryglewski von der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz trug das Beispiel vor, dass recht oft Besucher ihres Hauses im Anschluss an eine Führung sagten, das sei ja schlimm, und sie verstünden nicht, warum die Juden nun mit den Palästinensern das Gleiche machten.

u-bahn Um den Begriff des »latenten Antisemitismus« zu erläutern, berichtete Peter Longerich von einem Alltagsbeispiel, das er in der Münchner U-Bahn erlebt hatte. Fußballfans hätten ein klar antisemitisches Lied gesungen, und alle Mitreisenden in der U-Bahn hätten weggehört oder es gar mit einem Lächeln kommentiert. Da sei also nur bei den singenden Fans »manifester Antisemitismus« im Spiel gewesen, bei den anderen habe er aber geschlummert oder sei akzeptiert gewesen.

Die anwesenden Vertreter der Bundestagsfraktionen begrüßten den Bericht und stellten einen Folgeauftrag in Aussicht. Hans-Peter Uhl (CDU/CSU) sagte aber, nicht jede antisemitische Straftat sei auch »inhaltlicher Antisemitismus«. So etwas geschehe zum Teil auch als »Provokation von pubertierenden Jugendlichen«.

Serkan Tören (FDP) legte Wert darauf, dass in der Prävention von Antisemitismus auch auf Migrantenkinder geachtet werden. »Sie müssen die deutsche Geschichte als die eigene begreifen«, sagte er. Das helfe dabei, ihnen die schlimme Dimension von Antisemitismus zu verdeutlichen. Und Petra Pau (Linke) verwies darauf, dass der Bericht zeige, wie stark Antisemitismus im deutschen Alltag verankert ist.

hohmann Sind, wenn es 20 Prozent Antisemiten in der deutschen Mehrheitsgesellschaft gibt, diese auch repräsentativ im Bundestag vertreten? Darauf antwortete Wolfgang Thierse, dies seien bloße Vermutungen, das müssten jeder Abgeordnete als »Gewissenserforschung« für sich betreiben. Antisemitische Vorfälle habe es – außer dem des CDU-Abgeordneten Martin Hohmann, der 2003 von den Juden als »Tätervolk« gesprochen hatte – nicht gegeben.

Auch Katrin Göring-Eckardt (Grüne) vermag im Deutschen Bundestag keinen Alltagsantisemitismus zu erkennen. »Es gibt wohl eine höhere Sensibilität und ein höheres Wissen«, vermutete sie.

Meinung

Nein, Frau Pillay hat den Friedensnobelpreis nicht verdient!

Die Südafrikanerin hat Israel vorverurteilt und Antisemitismus in den Reihen ihrer Kommission nicht ernstgenommen. Ihre Auszeichnung durch das Nobelpreiskomitee ist ein großer Fehler, meint der Direktor von UN Watch

von Hillel Neuer  09.10.2026

Sachsen-Anhalt

Zentralratspräsident Josef Schuster: Tillschneider »verhöhnt die Opfer« von Halle

Der rechtsextreme Politiker hatte am Freitag versucht, am Gedenken für die Opfer des Anschlags von Halle teilzunehmen

 09.10.2026

Oslo

Israel-Kritikerin Navanethem Pillay erhält den Friedensnobelpreis

Für ihren Einsatz gegen Menschenrechtsverletzungen und für das Völkerrecht: Mit dem Friedensnobelpreis wird in diesem Jahr die südafrikanische Juristin Navanethem Pillay geehrt

 09.10.2026

Eklat in Halle

AfD-Mann Tillschneider will an Anschlags-Gedenken teilnehmen

Aktivisten der Jüdischen Studierendenunion Deutschland verhinderten, dass der Landtags-Vizepräsident die Synagoge betrat

von André Anchuelo  09.10.2026 Aktualisiert

Magdeburg

Landtagspräsident Rausch plant außenpolitische Initiativen

Mit Tobias Rausch ist erstmals ein AfD-Politiker zum Präsidenten eines deutschen Landtags gewählt. Während noch über die Hintergründe seiner Wahl diskutiert wird, plant der 35-Jährige bereits außenpolitische Initiativen

 09.10.2026

Sondierungen

Lauterbach gegen Rot-Grün-Rot in Berlin

Karl Lauterbach hält den Antisemitismusvorwurf gegen die Linke in Neukölln für gerechtfertigt. Dennoch warnt er vor einer Gleichsetzung mit der AfD

 09.10.2026

Washington D.C.

Trump: Bis zu den Midterms keine Angriffe auf Iran

Am 3. November wird in den USA gewählt. Medien berichteten über mögliche neue Angriffe gegen den Iran noch vor dem Urnengang. Dem widerspricht der Präsident nun

 09.10.2026

Berlin

Zentralrat der Juden kritisiert Antisemitismus-Papier von Linken, Grünen und SPD

Die mutmaßliche neue Regierung will mit Gremien gegen antisemitische Ausfälle von Abgeordneten der Koalition vorgehen. Den Zentralrat der Juden, die Deutsch-Israelische Gesellschaft und die WerteInitiative überzeugt das nicht

 09.10.2026 Aktualisiert

Nahost

Huthis greifen Flughafen in Riad an

Die Huthi und die von Saudi-Arabien unterstützte Regierung bekämpfen sich im Jemen weiter. Auch Saudi-Arabien gerät immer wieder selbst in die Schusslinie. Droht eine weitere Eskalation am Golf?

 08.10.2026