Antisemitismus

»Das ist nicht harmlos«

Auch im jüngsten Fall aktiv: Marina Chernivsky Foto: Rolf Walter/architekturfoto.berlin

Frau Chernivsky, jetzt in Berlin-Zehlendorf, zuvor in Friedenau, im Wedding, in Spandau – immer häufiger gibt es antisemitische Vorfälle an Schulen, oft durch arabischstämmige Schüler. Rückt jetzt mit der Zehlendorfer John-F.-Kennedy-Schule das gutbürgerliche Milieu in den Fokus?
Es ist verlockend, bei solchen Vorfällen auf ein ultimatives »Täterprofil« zurückzugreifen. Es hilft aber nicht, denn jeder Fall ist anders. Das ist auch problematisch, denn Antisemitismen kommen buchstäblich in allen gesellschaftlichen Gruppen vor. Wir müssen diesen Vereinfachungen widerstehen. Das verletzt Menschen, spaltet uns und lenkt vom Problem ab.

Was zeigt der Vorfall an der JFK-Schule?
Der Vorfall handelt nicht nur von Antisemitismus, sondern auch von Diskriminierung entlang weiterer Differenzmerkmale. Es geht um ein lang anhaltendes Mobbing vonseiten einiger Schüler, das seitens der Erwachsenen, die darauf reagieren müssen, offenbar übersehen wurde. Im vergangenen Jahr haben wir in unserer Beratungsstelle mehr als 20 Schulfälle bundesweit beraten und begleitet – auch die Familie im aktuellen Fall. Bei den meisten dieser Vorkommnisse handelt es sich nicht um einmalige, sondern sich wiederholende Diskriminierungen, die nicht nur antisemitisch sind, sondern auch weitere Diskriminierungen mit enthalten: entlang des Geschlechts, der sexuellen Orientierung, Herkunft, Sprache oder physischen Verfassung.

Lässt sich so etwas wie ein »Kern des Problems« benennen?
Häufig trägt die Nichtanerkennung zu erneuter Viktimisierung der Betroffenen bei – und die kommt nicht selten von Seiten der Lehrkräfte oder auch von Eltern anderer Schüler. Die Betroffenen berichten oft über mangelnde Solidarität und Verkennung ihrer Erfahrungen.

Welche Rolle spielen hier die Lehrer?
Es ist unterschiedlich, aber es kommt oft zu Verunsicherung. Das Thema ist für manche zu heikel, viele hegen aber den Wunsch, dem Thema gerecht zu werden. Ich beobachte eine Art ambivalente Kompetenz: Einerseits verfügen die Kollegen über verschiedene Instrumente, andererseits wehren sie aufgrund der historischen und emotionalen Aufladung das Thema ab. Es mangelt an einem tragfähigen Verständnis zu diesem Lehrgegenstand. Strategien gegen Antisemitismus und Diskriminierung werden nur punktuell eingesetzt, nicht als eine verstetigte oder dauerhafte Aufgabe. Zudem darf nicht aus dem Blick geraten, was Diskriminierung mit Kindern und Jugendlichen macht. Das wird mir bei jedem Fall immer bewusster. Wir stehen den Themen oft abstrakt gegenüber, aber für das betroffene Kind und die ganzen Familien sind das einschneidende Erlebnisse.

Woher kommt diese Distanz?
Antisemitismus in der Gesellschaft ist kein neues Phänomen. Wir sprechen hier von Kontinuitäten und Antisemitismen, die nach 1945 Bestand hatten und haben. Wenn es in der Erwachsenenwelt normalisiert ist, bestimmte Auffassungen zu haben, zu hegen und nicht zu hinterfragen – oder vielleicht auch gar nicht zu erkennen –, dann darf es uns nicht überraschen, dass Jugendliche, egal welcher Herkunft, egal auf welchem Bildungsstand, Antisemitismen in die Klassenräume mitbringen.

... wo doch NS-Zeit und Schoa in diversen Fächern vermittelt werden.
Wir brauchen dieses Wissen. Aber ebenso brauchen wir eine Beziehung zum Lerngegenstand. Wenn Antisemitismus emotional fern bleibt, werden auch keine Lehren daraus gezogen. Wenn diese Auseinandersetzung mit historischen Inhalten nicht reflexiv genug passiert, die Bezüge zu heute und der eigenen Lebenswirklichkeit nicht hergestellt und Jugendliche mit ihren Fragen nicht ernstgenommen werden, verfehlt sie ihr Ziel. Wir haben zum Beispiel einen Fall in der Beratungsstelle, bei dem es nach dem Unterricht zu einem NS-bezogenen judenfeindlichen Vorfall kam: Kinder nahmen das neue Wissen zum Anlass, um es gegen eine jüdische Mitschülerin zu wenden.

Müssten nicht Pädagogen hier eingreifen?
Wir stehen in der Verantwortung, das Bewusstsein für Vielfalt und die Kritik an jeder Form von Diskriminierung zu vermitteln. Aber das müssen wir auch vorleben. Für die Schulen ist es nicht einfach, plötzlich ohne eine dezidierte Auseinandersetzung mit dem aktuellen Antisemitismus antisemitismuskritisch zu agieren, wenn lange Zeit auch gesellschaftlich keine Weichen gestellt wurden. Leerstellen im akademischen Bereich, in der Ausbildung von Pädagogen, im methodischen Repertoire nehmen Einfluss auf die ganz konkrete Praxis an Schulen. Indem sich Antisemitismus auf die Zeit des Nationalsozialismus und die Schoa bezog, wurde impliziert, dass die Kontinuität und Weitergabe nicht stattfinden: Es galt quasi als historisch abgeschlossen.

Eine strukturelle Abwehr?
In der Tat eine Verdrängung auf allen Ebenen. Viele haben sich selbst nie in Beziehung dazu gesetzt – genau das ist aber ein Schlüssel zum Verständnis des gegenwärtigen Antisemitismus, der hier aufs Engste mit der eigenen Geschichte und Identität verflochten ist. Stattdessen wurde versucht, sich der damit verbundenen Erkenntnisse und Gefühle zu entledigen, sich davon zu distanzieren. Wir dürfen das Problem nicht länger vernachlässigen, wir müssen lernen, aktuelle antisemitische Tendenzen zu identifizieren, um diesen vorbeugend, aber auch intervenierend entgegenzutreten. Das gilt für alle Beteiligten: für die Schulverwaltung, die Schulaufsicht, die Schulen, die einzelnen Kollegen. Politisch stehen wir heute jedoch besser da als je zuvor. Die Berufung eines Antisemitismusbeauftragten zeigt die Bereitschaft zu handeln.

Was wäre denn hier hilfreich?
Es gibt relativ klare Verfahren, wie wir mit Vorfällen umgehen. Es bedarf der Parteilichkeit gegenüber den Betroffenen und der Anerkennung ihrer Perspektiven. Der Fall soll zu einer Sache des ganzen Kollegiums werden, nicht nur von einzelnen Beteiligten. Der Blick auf die Motivation, aber auch auf den Inhalt und die Wirkung eines solchen Falles ist aufschlussreich. Im nächsten Schritt sind die pädagogischen, aber auch die Ordnungsmaßnahmen an der Tagesordnung, je nach Situation fallen diese unterschiedlich aus. Dabei stehen die Kommunikation und Einbeziehung der Betroffenen ganz vorne auf der Agenda. Die Intervention in einem solchen Fall darf nicht nur auf öffentlichen Druck passieren, sondern es soll zum inhärenten Bestandteil der Schulkultur werden. Auf diese Weise kann weiteren Fällen vorgebeugt werden. Das Verstehen der Tragweite solcher Vorkommnisse und die Parteilichkeit gegenüber den Betroffenen entschärfen die Situation ungemein. Schüler sind in der Regel bereit, sich auf eine konstruktive Auseinandersetzung einzulassen – wenn sie darin unterstützt werden. Und manchmal muss man eben auch eine Grenze ziehen. Nicht jeder Fall ist aushandelbar.

Es geht also um Opferschutz, nicht um typische Konfliktfälle unter Jugendlichen?
Wie kommen wir dazu, dass wir solche gruppenbezogenen Mobbing- und Diskriminierungsfälle jovial nur als etwas »Jugendkulturelles« betrachten? Und ihnen damit so etwas wie Legitimation verschaffen? Die sind nicht harmlos. Bei der Schule sprechen wir über einen Ort, an dem Identitäten ausgehandelt und Gruppenzugehörigkeiten gesetzt werden – und wo Diskriminierung und Antisemitismus ganz selbstverständlich mitten in der Struktur, also im Unterricht, im Schulbuch, auf dem Pausenhof, im Lehrerzimmer, ihre Wirkung entfalten können.

Mit der Leiterin des ZWST-Kompetenzzentrums für Prävention und Empowerment sprach Katharina Schmidt-Hirschfelder.

Doha

Darum ist der Streit um die Straße von Hormus noch immer nicht beigelegt

Jüngste Angriffe zwischen den USA und dem Iran schüren die Sorge vor einem Neubeginn des Kriegs. Beide wollen nach US-Angaben nun wieder reden. Warum es dabei erneut um die Meerenge gehen dürfte

von Lars Nicolaysen  30.06.2026

Meinung

Georg Restle, die Jüdische Allgemeine und der berüchtigte Scheck aus Jerusalem

Für den frischgebackenen Leiter des ARD-Studios Nairobi ist die »Jüdische Allgemeine« ein Propaganda-Sprachrohr der israelischen Regierung. Eine Entgegnung

von Michael Thaidigsmann  29.06.2026

Streit

Verhandeln die USA und Iran am Dienstag?

US-Präsident Donald Trump behauptet, dass ein Treffen in Doha geplant sei. Doch die iranische Regierung äußert sich nur vage

 29.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 29.06.2026

Resümee

Felix Klein: Lebensqualität für Juden hat sich verschlechtert

Nach acht Jahren im Amt wechselt der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, im August den Job. Auf seine Amtszeit blickt der 58-Jährige mit gemischten Gefühlen zurück

von Corinna Buschow, Markus Geiler  29.06.2026

Nahost

So versuchen die USA und Iran vor dem Deal, Fakten zu schaffen

Am Dienstag sollen sich Vertreter beider Länder zu Verhandlungen treffen. Bis dahin versuchen beide Seiten, ihre Position zu stärken

 29.06.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  28.06.2026

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  28.06.2026 Aktualisiert