Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat am Mittwoch ehemalige Geiseln der Hamas und Angehörige von Verschleppten, die sich noch immer in der Gewalt der Terroristen befinden, in Schloss Bellevue empfangen. Darunter waren auch Raz Ben Ami und ihr Ehemann Ohad, der erst im Februar im Rahmen des zweiten Geiseldeals freigelassen wurde. Raz kam bereits im November 2023 im Rahmen des ersten Abkommens frei.
Das Gespräch fand in vertraulichem Rahmen statt. Wie das israelische Hostages and Missing Families Forum mitteilt, habe Steinmeier den Anwesenden versichert, dass die Freilassung der Geiseln für Deutschland noch immer höchste Priorität habe. Auch die sich gerade bildende Koalition aus Union und SPD würde sich weiter für einen Geiseldeal einsetzen.
Der Bundespräsident habe den freigelassenen Geiseln und den Angehörigen empfohlen, in Deutschland so viele Kontakte wie möglich zu knüpfen. Auf dem Programm des Besuchs stand auch ein Treffen mit neugewählten Abgeordneten des Deutschen Bundestags, aber auch Öffentlichkeitstermine.

Freigelassene Geiseln schildern unmenschliche Zustände
Am Dienstagabend etwa hatte das NAFFO – Nahost-Friedensforum mit Keren Hayesod und der Konrad-Adenauer-Stiftung zu einem Gespräch unter dem Motto »Bring them home now!« in die Berliner Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen eingeladen.
Dabei berichteten Raz und Ohad Ben Ami vom Terror des 7. Oktober, ihrer Entführung und den unmenschlichen Zuständen in der Geiselhaft. Sie erzählten von den Ereignissen, die, wie sie sagten, ihr Leben für immer verändert haben.
Raz Ben Ami schilderte in bewegenden Worten, wie sie sich mit ihrem Mann im Schutzraum ihres Hauses versteckt hatte, nachdem Terroristen in den Kibbuz eingedrungen waren. Als diese auch ihr Haus erreichten, nahmen sie zunächst Ohad mit, der zuvor an der Schulter eine Schussverletzung erlitten hatte.
Mit Gegenständen beworfen
Er wurde in Unterwäsche verschleppt, auch Raz war noch im Schlafanzug. »Und dann sagten sie mir, ich solle auf das Motorrad steigen. Sie hielten mir die Waffe an den Kopf«, erinnerte sie sich. »Also stieg ich auf das Motorrad, einer hinter mir und einer vor mir, der Fahrer. Unterwegs sah ich viele Zivilisten, Kinder und Frauen. Sie bewarfen mich mit Gegenständen und schlugen auf mich ein.«
Zunächst wurde sie in ein Versteck in Gaza gebracht, das sie nach einiger Zeit wieder verlassen musste. »Und als ich in ein anderes Haus kam, sah ich meinen Mann. Danach waren wir 54 Tage lang zusammen in Gefangenschaft.« Dabei zogen sie von Ort zu Ort, die ganze Zeit von bewaffneten Terroristen bewacht.
Nach diesen 54 Tagen kam sie durch das Abkommen zwischen Israel und der Hamas frei, ihren Mann musste sie zurücklassen. »Und seitdem habe ich versucht, ihn zu mir und meiner Familie zurückzubringen«, sagte Raz.
»Sprich für uns«
Dann berichtete Ohad, wie er nach der Trennung von seiner Frau in einen Tunnel gebracht wurde. »Es ist sehr hart da unten: sehr wenig Essen, sehr wenig Wasser, keine Dusche, keine Medikamente, kein Licht, keine Vögel, keine Blumen, nur Beton.« Und dann waren da noch die fünf weiteren Geiseln, die 24 Stunden lang auf engstem Raum miteinander leben mussten. Er war der Älteste. Deshalb glaubt er, freigelassen worden zu sein, sagte er.
Ohad Ben Ami steht unter dem Eindruck eines am Montag von der Hamas veröffentlichten Propagandavideos, in dem zwei dieser Männer, mit denen er im Tunnel eingesperrt war, zu sehen sind: die Geiseln Elkana Bohbot und Yosef Ohana.
Die beiden wurden am 7. Oktober auf dem Nova-Festival entführt. Im Video schildern sie ihre verzweifelte Lage und sprechen Ohad direkt an: »Du warst hier mit uns. Du hast hier mit uns gesessen.« Sie fordern ihn auf, allen zu erklären, was sie dort durchmachen. »Sprich für uns«, rufen sie. »Sag ihnen, wie sehr wir leiden. Ohad, sag es ihnen!«
Nachricht in Video
Das Video erreichte ihn, als er bereits in Deutschland war. In einer ersten Reaktion sagte Ben Ami, er werde nicht ruhen, bis alle Gefangenen nach Hause zurückgekehrt seien. »Ich liebe euch und vermisse euch sowie die anderen drei Geiseln, deren Namen ich vorerst nicht nennen kann«, schrieb Ohad Ben Ami in einem Facebook-Post, in dem er mitteilte, dass er das Video gesehen habe.
»Sie fürchten um ihr Leben, ihnen fehlt jede Hoffnung, und während wir sprechen, verschlechtern sich die Bedingungen ihrer Gefangenschaft und ihr Essen wird reduziert, seit wir wieder kämpfen«, schrieb er.
Diese Sorge, dass die Wiederaufnahme der Kampfhandlungen im Gazastreifen die Lage der verbliebenen Geiseln noch kritischer machen könnte, äußern auch weitere Angehörige von Entführten, die mit Raz und Ohad Ben Ami nach Berlin gekommen sind.
Abgemagert und verletzt

Mit dabei ist beispielsweise Shachar Ohel, der Onkel von Alon. Alon Ohel, ein begabter, junger Pianist, ist laut kürzlich freigelassenen Geiseln stark abgemagert und verletzt. Er soll in einem lebensbedrohlichen Zustand sein.
Shachar Ohel erinnerte am Dienstagabend daran, dass kürzlich der 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz begangen wurde. »Dies war ein entscheidender Moment in der Geschichte, als die Welt schwor, so etwas nie wieder geschehen zu lassen.« Sein Großvater wog nur noch 38 Kilogramm, als er das Vernichtungslager verlassen konnte.
Nach dem Krieg sei er nach Israel gegangen, entschlossen, eine Familie zu gründen und eine Zukunft zu schaffen, in der seine Kinder und Enkelkinder sicher wären. »Und jetzt kämpfen wir hier um Alons Leben.«
Kein Lebenszeichen
Doch trotz der Ähnlichkeiten beider Fälle gebe es für die Familie, das Volk und die Gesellschaft bedeutende Unterschiede: »Wir haben die Macht, die Situation zu ändern. Wir haben die Fähigkeit, den nötigen Druck auszuüben, um Alon zu retten. Und ich bitte Sie, ich flehe Sie an, uns beizustehen und uns zu helfen, alle nach Hause zu bringen«, so Shachar Ohel.
Auch Liran Berman, der Bruder von Ziv und Gali Berman, gehört der Delegation an. Die Zwillinge wurden aus dem Kibbuz Kfar Aza entführt. Sie sind noch in Geiselhaft, sollen aber voneinander getrennt sein. Zur Gruppe gehört ebenfalls Alon Nimrodi, der Vater von Tamir Nimrodi. Der junge Offizier wurde von seiner Militärbasis nach Gaza verschleppt, seitdem fehlt jegliches Lebenszeichen von ihm.
Unter den Angehörigen sind auch Shlomit und Cochav Levinson, die Eltern von Shay Levinson. Ihr Sohn ist von der Armee für tot erklärt worden, wahrscheinlich wurde er bereits am 7. Oktober von Hamas-Terroristen ermordet. Seine Leiche befindet sich noch in Gaza.
Es sind 59 Geiseln, die sich noch immer in den Händen der Terroristen befinden. 24 von ihnen sollen noch am Leben sein. »Wir müssen etwas tun«, forderte Raz Ben Ami. »Das sind keine Bilder. Es sind Menschen. Und wir müssen sie so schnell wie möglich da rausholen.« Ohad Ben Ami fügte abschließend hinzu: »Ich möchte, dass sie nach Hause zurückkommen und ein Leben führen können, das sie verdienen – so wie jeder Mensch.« ja