Wirtschaft

Boykott. Na und?

Israel ist exportorientiert: Wichtiger Warenumschlagplatz ist der Hafen von Haifa. Foto: Flash 90

US-Außenminister John Kerry warnt Israel, es müsse vermehrt mit Wirtschaftsembargos rechnen, wenn es mit dem vom State Department vorgelegten Entwurf für eine Rahmenvereinbarung mit den Palästinensern nicht vorangehe. Während man über die Verdienste der aktuellen diplomatischen Bemühungen Amerikas geteilter Meinung sein kann, besteht kein Zweifel daran, dass Kerrys Drohungen Israel schaden: Sie stärken die von den Feinden Israels betriebene »Boycott, Divestment and Sanctions«-Kampagne (BDS) und erzeugen den falschen Eindruck, die Kampagne stelle für Israel eine erhebliche Bedrohung dar. Bislang jedoch haben alle Anstrengungen der BDS-Organisatoren wenig Wirkung gezeitigt. Heute und in der nahen Zukunft sind sie für Israel nichts weiter als ein lästiges Ärgernis.

Dank einer intelligenten Wirtschaftspolitik, die Israel allmählich aus seiner sozialistischen Vergangenheit herausführte, hat sich der jüdische Staat der globalisierten Wirtschaft ausgezeichnet angepasst. Außer in vereinzelten Fällen werden israelische Exporterzeugnisse überall auf der Welt gut angenommen. Israel hat Wege gefunden, wichtige Märkte zu erobern, und israelische Waren werden sogar von arabischen Staaten importiert.

Eine Reihe von in Israel hergestellten Produkten sind aufgrund ihrer Eigenschaften schlicht unentbehrlich, und israelische High-Tech-Komponenten sind untrennbar in die eingebetteten Systeme vieler globaler Marken integriert. Die wenigsten israelischen Geschäftsleute stoßen auf Hürden, die mit einer feindseligen Haltung gegenüber Israel im Zusammenhang stehen.

wirkung Auch auf internationaler Ebene scheint es eher unwahrscheinlich, dass die Embargo-Bemühungen der BDS-Bewegung in den nächsten Jahren größere Wirkung haben werden. In den USA, Israels Exportland Nummer eins, sind Versuchen, israelische Produkte zu boykottieren, kaum Erfolg beschieden. Die öffentliche Unterstützung für Israel ist seit zwei Jahrzehnten mit über 60 Prozent gleich geblieben. Sogar die jetzige Administration, die sich mehr als einmal mit Israel über Nahost-Fragen in die Haare kriegte, hat sich mit Entschiedenheit gegen BDS ausgesprochen.

In einigen westeuropäischen Staaten, die für Israels Exportwirtschaft wichtig sind, gewinnt jedoch eine israelfeindliche Haltung trotz guter zwischenstaatlicher Beziehungen an Boden. Während die Erinnerungen an den Holocaust verblassen, schämen sich viele Europäer längst nicht mehr ihrer antisemitischen Einstellung. Deshalb ist auch hier ein verschärfter Boykott israelischer Produkte denkbar. Doch es ist kein Ende der Euro-Krise abzusehen, und die europäische Bevölkerung wird immer älter: Das schwächt die Kaufkraft der europäischen Länder. Außerdem gibt es selbst in Europa kleine, aber starke Enklaven proisraelischen Engagements.

antisemitismus Allmählich, wenn auch sehr langsam, werden israelische Exporte in die asiatischen Märkte umgeleitet. Die chinesischen und indischen Volkswirtschaften sind gigantisch und wachsen weiter, und diese Gesellschaften kannten in ihrer Geschichte Antisemitismus nicht. In Asien wird Israel allgemein als erfolgreiches Land und nachahmenswertes Vorbild gesehen, was selbst auf die zentralasiatischen Staaten mit überwiegend muslimischer Bevölkerung zutrifft.

Gleichzeitig sinkt der Einfluss der arabischen Länder, die wie selbstverständlich als natürliche Verbündete der Palästinenser angesehen werden. Die arabische Welt durchlebt eine tiefe politische und sozioökonomische Krise und umfasst gescheiterte Staaten wie Syrien, Irak, Jemen und Libyen. Ägypten, der wichtigste arabische Staat, ist mit enormen innenpolitischen Problemen konfrontiert. Im Kampf gegen den islamischen Radikalismus steht es an Israels Seite. Saudi-Arabien ist weniger an der palästinensischen Sache interessiert als daran, den Aufstieg Irans zu verhindern, und das Gleiche gilt für die meisten sunnitischen Länder.

kunden Man muss schon viel Fantasie aufbringen, um sich einen konzertierten internationalen Boykott des jüdischen Staates vorzustellen. Solange Israel qualitativ hochwertige und konkurrenzfähige Produkte zu wettbewerbsfähigen Preisen erzeugt, wird es stets zahlreiche Kunden geben, die sie kaufen.

Dies lässt den Schluss zu, dass die Boykottdrohung übertrieben ist. Außenminister Kerry wiederholt einfach die Argumente der israelischen Linken, die behauptet, eine Einigung mit den Palästinensern sei der einzige Weg, um aus der internationalen Isolation auszubrechen. Gott sei Dank aber ist Israel keineswegs international isoliert; dem größten Teil der Welt sind die Palästinenser nicht wichtig genug, um dafür gute zwischenstaatliche Beziehungen mit Israel zu opfern. Israel hat die Freiheit, selbst zu entscheiden, was für seine Zukunft gut ist.

Nahost

Stopp in letzter Minute

Medienberichte: US-Präsident Trump hielt Premier Netanjahu von größerem Iran-Angriff ab

 09.06.2026

Bremerhaven

Synagoge im Visier: Jahrelange Haft und Psychiatrie für Anschlagspläne

Ein perfider Plan, gefährliche Stoffe und eine Sprengstoffweste: Wie Ermittler zufällig auf brisante Chats stießen - und welche Konsequenzen die Vorbereitung eines Anschlags für die Angeklagten hat

 08.06.2026

Nahost

EU verschärft Sanktionen gegen Iran

Wegen Behinderungen des Schiffsverkehrs verschärft die EU ihre Maßnahmen gegen den Iran. Betroffen sind auch Verantwortliche, denen Drohungen vorgeworfen werden

 08.06.2026

Moringen

AfD-Kreisverband will Parteitag neben KZ-Gedenkstätte abhalten

In der Kleinstadt Moringen richteten die Nationalsozialisten drei Konzentrationslager ein. Eine Gedenkstätte erinnert an die damaligen Gräuel. In unmittelbarer Nähe davon plant ein AfD-Kreisverband seinen Parteitag. Ein Bündnis kündigt Proteste an

 08.06.2026

Interessenvertretung

Jüdische Lehrkräfte gründen eigenen Verband

Jüdische Perspektiven im Bildungswesen sichtbarer machen: Ein neuer Bundesverband vernetzt Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte und unterstützt sie im Umgang mit Antisemitismus

von Christoph Schmidt  08.06.2026

Handelsbeziehungen

Auch Großbritannien erwägt Importverbot für Siedlerwaren

140 Abgeordnete der regierenden Labour Party haben Außenministerin Yvette Cooper aufgefordert, die Einfuhr von Produkten aus israelischen Siedlungen im Westjordanland nach Großbritannien zu verbieten

von Michael Thaidigsmann  08.06.2026

Washington D.C.

Global Forum des AJC: Das Paradox der jüdischen Geschichte

2000 Juden aus 70 Ländern kamen in die US-Hauptstadt, um bei der jährlichen Tagung des American Jewish Comittee dabei zu sein

von Sebastian Engelbrecht  08.06.2026

Aue-Bad Schlema (Sachsen)

CDU-Kandidat gewinnt OB-Wahl in Aue gegen Rechtsextremen

Mit dem Wahlsieg von Marcus Hoffmann bleibt Aue-Bad Schlema in CDU-Hand. Der Kandidat der rechtsextremen »Freien Sachsen« scheitert an der Wahlurne

 08.06.2026

Daniel Jositsch, Zürcher SP-Ständerat, am letzten Donnerstag, dem Tag seines Austritts aus der Partei

Meinung

Daniel Jositsch und der Preis der Klarheit

Daniel Jositsch verlässt nach seiner Nichtnomination in den Ständerat die SP. Der Fall zeigt, wie eng der Raum für sozialliberale und proisraelische Stimmen in der Linken geworden ist, nicht nur in der Schweiz

von Zsolt Balkanyi-Guery  08.06.2026