Holocaust

»Blutiger Boden, deutscher Raum« - was die Nazis in Osteuropa planten 

Diktator Adolf Hitler am 31. Juli 1936 am Flughafen Tempelhof Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Ein riesiges Reich voller germanischer Menschen, das tief nach Russland hineinreicht und von einem sogenannten Blutwall durch Wehrbauern geschützt wird - davon träumten die Nationalsozialisten. In ihrem Gefühl der absoluten Überlegenheit wollten sie das dafür notwendige Land erobern und Menschen aus dem Weg räumen, die ihren Idealen nicht entsprachen. Wie das ablaufen sollte, das regelte vor allem der Generalplan Ost, mit dem sich auch die Dokumentation »Blutiger Boden, deutscher Raum - Die Siedlungspläne der SS« auseinandersetzt, zu sehen am Dienstag (30. April) um 22.25 auf 3sat.

Filmemacher Andreas Kurz zeichnet nach, wie der Plan entwickelt wurde und im Verbund mit der beabsichtigen Aushungerung unzähliger Menschen in der damaligen Sowjetunion und den Beschlüssen der Wannseekonferenz zur sogenannten »Endlösung der Judenfrage« die Tötungsmaschinerie der Nazis befeuerte. Zusammengenommen sei dies alles der größte Völkermord-Plan der Geschichte gewesen, sagt der Historiker Dieter Pohl von der Universität Klagenfurt im Film. Auch der aus München stammende SS-Chef Heinrich Himmler ist zu hören, wie er bei einer Rede am 4. Oktober 1943 seine Pläne darlegt: »Ich meine die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes«.  

Der Kopf hinter dem Generalplan Ost war Konrad Meyer, Berliner Agrarwissenschaftler und Universitätsprofessor. Wie von Himmler beauftragt, legte er am 15. Juli 1941 eine erste Version des Plans vor und aktualisierte ihn später. Danach sollten mehr als 50 Millionen Russen, Polen, Tschechen und Ukrainer zwangsweise umgesiedelt, vertrieben oder ermordet und die Grenze des Deutschen Reiches sollte immer weiter nach Osten verschoben werden. 

Damit wollten die Nazis Platz schaffen für Menschen im Sinne ihrer Rassenideologie. Zur Verteidigung sollten nach dem Willen des SS-Chefs Wehrbauern den Blutwall, also den östlichen Grenzstreifen, schützen. Historikerin Prof. Isabel Heinemann von der Universität Bayreuth führt diese Vorstellung auf Meyers Sympathien für das Mittelalter und eine schwülstige Agrarromantik zurück. Bewaffnete Bauern und Siedler, die mit Waffen in der einen und dem Pflug in der anderen Hand das Land für das Deutschtum zurückgewinnen und es sichern, erklärt sie im Film. Das große Ziel: ein germanisches Großeuropa unter dem Einfluss der SS, das in 500 Jahren auf bis zu 600 Millionen ideale Menschen anwächst, wie die Dokumentation darlegt.

Allerdings: Viele Deutsche hatten keine rechte Lust, sich in diesen Gebieten im Osten niederzulassen, darunter deutsche Minderheiten aus sowjetisch besetzten Gebieten. Das sei eine der Aufgaben Himmlers gewesen, nicht nur die polnische und jüdische Bevölkerung zu deportieren, sondern auch die sogenannten Volksdeutschen »heim ins Reich« zu holen, sagt Pohl. Für viele Betroffene sei das keineswegs die Realisierung ihrer Träume gewesen, weiß die Historikerin Agnieszka Jaczynska aus dem polnischen Städtchen Zamosc, in dem die Deutschen besonders arg gewütet hatten. »Sie wurden mehr oder weniger gezwungen, jene Orte zu verlassen, an denen sie für Generationen gelebt und ihr Leben aufgebaut hatten.«

In Teilen wurde der Generalplan umgesetzt, als minderwertig angesehene Menschen wurden vertrieben, zur Zwangsarbeit verschleppt oder in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert, die die Nationalsozialisten europaweit errichteten. Unter schlimmsten Umständen harrten Frauen, Männer und Kinder aus, starben an Krankheiten, Schwäche oder Hunger - oder wurden ermordet. Die Dimension lässt schaudern: Allein in der ehemaligen Sowjetunion starben dem Bundesamt für Statistik zufolge zwischen 1933 und 1945 rund sieben Millionen Zivilisten durch die Verbrechen der Nazis, in Polen waren es rund 1,8 Millionen. Dem Genozid an den Jüdinnen und Juden fielen rund sechs Millionen Menschen zum Opfer. 

Die Alliierten setzten diesen Allmachtsfantasien durch den Sieg über die Nationalsozialisten ein Ende.  Generalplan-Stratege Meyer war bei den Nürnberger Prozessen wegen genozidaler Handlungen angeklagt, wurde aber freigesprochen, wie Heinemann beklagt. Die Richter hätten seine Arbeit als reine Theorie und Grundlagenforschung gewertet. Umso wichtiger ist es der Humboldt-Universität in Berlin, sich dem Erbe zu stellen. Neben Meyer waren auch andere Angehörige der landwirtschaftlichen Fakultät an herausragender Stelle an dem Generalplan beteiligt, einem der schlimmsten Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, wie die Universität 2002 konstatierte. »Anlässlich des heutigen Datums bitten wir öffentlich um Entschuldigung bei allen toten und noch lebenden Opfern, denen der verbrecherische Generalplan-Ost und seine Folgen unendliches Leid zugefügt haben und leisten dafür tief empfundene Abbitte.«

Davos

Israels Präsident sieht iranische Führung als sehr fragil

Israels Präsident Herzog nimmt die iranische Führung nach den Massenprotesten als geschwächt wahr. Warum er trotzdem vor zu viel Optimismus warnt und internationale Unterstützung fordert

von Sara Lemel  22.01.2026

Davos

Trump gründet »Friedensrat«

US-Präsident Trump und weitere Staatenlenker unterzeichneten das Gründungsdokument des umstrittenen neuen Gremiums. Israel nahm an der Zeremonie nicht teil, will aber Mitglied des Rates werden

 22.01.2026

Diplomatie

Papst ernennt neuen Botschafter für Israel

Erst seit 1994 haben der Vatikan und Israel volle diplomatische Beziehungen. Der Botschafter des Papstes dort ist zugleich auch Delegat für Palästina. Nun hat der Papst einen Wechsel vorgenommen

 22.01.2026

Ulm/Stuttgart

Anklage nach Angriff auf israelischen Rüstungskonzern

Bekennervideos, zerstörte Labore und Proteste gegen ein Unternehmen aus Israel: Was den fünf Angeklagten vorgeworfen wird

 22.01.2026

NRW

Einladung von Terrorunterstützerin: Jüdische Gemeinde fordert Konsequenzen

In einer Presseerklärung wird eine Abberufung der Rektorin der Kunstakademie Düsseldorf, Donatella Fioretti, gefordert

von Imanuel Marcus  22.01.2026

Washington D.C.

USA wollen israelfeindlichen Aktivisten nach Algerien abschieben

Der frühere Student Mahmoud Khalil wird von den Behörden als Hamas-Unterstützer eingestuft. Seine Abschiebung sei auch eine Mahnung an Nicht-Staatsbürger im Land

 22.01.2026

Berlin

Linkes Bündnis will akademischen Boykott Israels

Ein linkes Bündnis will einen Boykott israelischer Wissenschaftler organisieren. Am Wochenende soll nun eine umstrittene Konferenz dazu stattfinden

 22.01.2026

Award

»Auch wenn es dunkel ist« ist Hörspiel des Jahres 2025

Das Hörspiel »Auch wenn es dunkel ist. Berichte vom 7. Oktober« gibt Opfern des Überfalls der Hamas auf Israel 2023 eine Stimme. Das Dokumentarstück interpretiere nicht und klage nicht an, lobte die Jury

 22.01.2026

Medien

Sophie von der Tann für Grimme-Preis nominiert

Die umstrittene ARD-Journalistin Sophie von der Tann führt die Liste der Nominierungen für den Grimme-Preis an. In allen Kategorien dominieren die Öffentlich-Rechtlichen. Zugleich gibt es Kritik an zahlreichen Leerstellen

von Jana Ballweber  22.01.2026