Schule

»Beschimpfung und Angriffe«

Frau Bernstein, Sie haben eine Studie zu Antisemitismus an Schulen erstellt. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?
Basierend auf den Erfahrungen der Betroffenen ist Antisemitismus an den deutschen Schulen sehr verbreitet und schon fast Normalität geworden. Und wenn man mit nichtjüdischen Lehrkräften und betroffenen jüdischen Jugendlichen darüber spricht, kann man den Eindruck gewinnen, dass man von unterschiedlichen Orten spricht.

Inwiefern?
Betroffene Jugendliche nehmen Antisemitismus in unterschiedlichen Formen wahr – vom Schimpfwort »Du Jude« oder »Mach doch keine Judenaktion« bis zu Mobbing und physischen Angriffen. Lehrkräfte hingegen benennen das oft nicht als Antisemitismus. Darin drücken sich Unwissenheit, Empathielosigkeit und eine generelle Abwehrhaltung aus. Egal, welches Kind antisemitische Parolen ruft, gleichgültig, ob Muslim oder nicht: Wichtig ist, wie Lehrkräfte in der Klassengemeinschaft darauf reagieren. Doch die Reaktionen sind oft nicht professionell. Und zum Teil haben Lehrer selbst antisemitische Bilder im Kopf.

Sie sagen, dass Sie das besonders überrascht hat. Warum?
Ich verstehe nicht, wie sich so viele Symbole und Schimpfwörter bei Schülern und Lehrkräften bis heute durchsetzen oder wiederholen konnten. Wir haben es mit unterschiedlichen Echos aus der nationalsozia­­listischen Vergangenheit zu tun.

Wie lauten Ihre Handlungsempfehlungen?
Lehrkräfte können sich bei präventiver Arbeit unterstützen und bei antisemitischen Vorfällen beraten lassen. Der Umgang mit Antisemitismus sollte bereits im Studium gelehrt werden. Wir empfehlen auch Fortbildungen, jedoch kann man verbeamtete Lehrer nicht zwingen, solche Angebote wahrzunehmen. Bei vielen herrscht die Meinung vor, dass sie es nicht nötig haben. An dieser Stelle muss man einwirken.

Jüdische Jugendliche werden häufig entweder als Opfer oder als Täter ausgewiesen, nur nicht als »normal«. Wie prägt sie das?
Einige versuchen, ihre eigene jüdische Identität zu verbergen. Die anderen, die sich als Juden zu erkennen geben, sagen, dass sie sich emotional überfordert fühlen. Und je nachdem, wie stark ausgeprägt und mit welchen Inhalten die eigene jüdische Identität gefüllt ist, reagieren sie unterschiedlich. Viele betroffene Jugendliche stammen aus Familien, die aus der ehemaligen Sowjetunion kommen. Die Situation erschüttert einerseits ihr Zugehörigkeitsgefühl zur Gesellschaft. Andererseits stellt sich ihnen die Frage, was es für sie bedeutet, jüdisch zu sein. Da braucht man Empowerment.

Wenn es eine Alternative gibt: Wäre dann der Besuch einer jüdischen Schule die bessere Wahl?
Ich würde auf jeden Fall zum Besuch einer jüdischen Schule raten, wenn sie gut ist.

Mit der Frankfurter Soziologin sprach Detlef David Kauschke.

Ausgerechnet am 7. Oktober

Greta Thunberg marschiert mit Terror-Unterstützern und Israelfeinden

Drei Jahre nach den Massakern der Hamas gab es in Berlin israelfeindliche Proteste. Mit dabei: die einstige Klima-Ikone Greta Thunberg

 07.10.2026

Berlin

Julia Klöckner ruft zum Kampf gegen Antisemitismus auf

Die Bundestagspräsidentin erinnert an die Opfer des 7. Oktober 2023 in Israel. Ihre Botschaft: Antisemiten müssten in die Schranken gewiesen werden

 07.10.2026

Bettina König (SPD), Kerstin Wolter (Die Linke) und Nina Stahr (Grüne, v.l.) vor dem ersten Vorsondierungsgespräch, 1. Oktober

Nach der Wahl

Linke, Grüne und SPD in Berlin beraten über Umgang mit Antisemitismus

Die Regierungsbildung ist noch nicht richtig in Gang gekommen. Nun treffen sich Linke, Grüne und SPD zu einem dritten Vorgespräch – an einem historischen Tag. Prominente warnen vor Rot-Grün-Rot

 07.10.2026

Meinung

Magdeburg: Versagen der Demokraten

Nach der Wahl eines AfD-Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt: Wie der Vormarsch der Rechtsextremen weitergeht, hängt auch von den demokratischen Parteien ab. Jetzt wären Zusammenhalt, Disziplin und Führung gefragt

von Michael Thaidigsmann  07.10.2026

Nahost

Test für den Pakt

Was bedeuten die jüngsten Huthi-Angriffe für das Verteidigungsabkommen, das Saudi-Arabien mit Pakistan und der Türkei unterzeichnet hat?

von Reinhard Schulze  07.10.2026

Islamismus

Studie: Nach Verbot des Islamischen Zentrums Hamburg verlagern sich Netzwerke nach Frankfurt

Einer neuen Untersuchung von American Jewish Committee Berlin und democ zufolge bestehen die Strukturen des vom Iran gesponserten schiitischen Islamismus in Deutschland fort

 07.10.2026

Berlin

Fischer, Thierse, Altmaier – Prominente warnen vor Rot-Grün-Rot

Frühere Spitzenpolitiker von SPD, Grünen und CDU wenden sich gegen eine Koalition mit der Linkspartei in der Hauptstadt. Sie sähen gemeinsame Grundüberzeugungen zu Rechtsstaat und Demokratie nicht gesichert, heißt es in einem Appell

 07.10.2026

Berlin

Initiative von Jüdinnen und Juden wendet sich gegen Koalition mit der Linken

Mit einem offenen Brief an Vertreter von SPD und Grünen in Berlin und auf Bundesebene sowie ihre Fraktionsmitglieder warnen die Unterzeichnenden vor einer Regierung mit der Linkspartei in der Hauptstadt

 07.10.2026

Justiz

Fast 12.500 Strafverfahren zum Nahost-Konflikt in Berlin

Seit dem Terrorangriff auf Israel hat der Antisemitismus zugenommen. Keine Woche vergeht in Berlin ohne Demonstrationen zum Gaza-Krieg. Wie aufgeheizt die Stimmung ist, zeigen auch Zahlen der Justiz

 07.10.2026