Interview

»Aus Sicht der Opfer«

Frau Kristel, nächste Woche wird in Brüssel das European Holocaust Research Infrastructure Project (EHRI) vorgestellt. Was verbirgt sich dahinter?
Es gibt unzählige Dokumente zum Holocaust innerhalb und außerhalb Europas. Vieles davon ist bereits in digitaler Form zugänglich. Aber die meisten Sammlungen sind nicht miteinander vernetzt, die jeweiligen Datenbanken sind nur vor Ort zugänglich. Die Holocaust-Archive sind sehr fragmentiert. Wir wollen all diese Sammlungen verknüpfen und in einer Internet-Datenbank zur Verfügung stellen.

Was genau steht hinter EHRI, wer macht die Arbeit?
Das Projekt wird vom Niederländischen Institut für Kriegsdokumentation (NIOD) hier in Amsterdam koordiniert. Das Konsortium besteht aus 20 Museen, Archiven und Forschungseinrichtungen, darunter das Jüdische Museum in Prag, Yad Vashem und der Internationale Suchdienst in Bad Arolsen. Die Forscher, Archivare und Web-Experten dieser Institutionen arbeiten am EHRI mit. Die Digitalisierung führen wir nicht selbst durch, wir nutzen bereits überarbeitetes Material.

Was ist Ziel des Projekts?
Durch die Verknüpfung der Archive wird eine neue Basis geschaffen, den Holocaust aus der Opferperspektive zu erforschen. Am Ende wird eine Online-Datenbank stehen, ein umfassendes Holocaust-Archiv, das nicht nur Historikern, sondern der allgemeinen Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung steht. Es ist das erklärte Ziel, dass auch Angehörige von Schoa-Opfern Zugang haben.

Wie lange wird die Arbeit dauern?
Das Ganze ist auf vier Jahre angelegt, aber wir glauben, dass wir auch danach noch genug zu tun haben und weitermachen können. Nach ungefähr zwei bis zweieinhalb Jahren hoffen wir, eine erste Fassung der Datenbank veröffentlichen zu können. Außerdem stellen wir eine »Virtuelle Forschungsumgebung« zur Verfügung, in der mehrere Wissenschaftler gemeinsam an einem Thema arbeiten können. Aber wir bringen Experten nicht nur virtuell zusammen, sondern bieten auch Workshops an zu Themen wie beispielsweise Fotos und Filmmaterial als historische Quellen. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit liegt auf Osteuropa.

Warum?
Die Forschung zum Holocaust in Westeuropa ist viel weiter fortgeschritten. Aber in Osteuropa sind viele Archive noch gar nicht erschlossen. Und es gibt weniger Lokalgeschichtsschreibung, die dem Holocaust ein Gesicht gibt. Wir hoffen, dass EHRI dazu beitragen kann, unbekanntes Material zu entdecken. Wir wollen einen Fokus auf die Aufzeichnungen der jüdischen Gemeinden in den Ländern Osteuropas legen.

Und wie finanziert sich das Projekt?
Wir erhalten sieben Millionen Euro von der Europäischen Union. Damit können wir in vier Jahren schon eine ganze Menge anfangen.

Mit der Historikerin und Direktorin von EHRI sprach Ingo Way.

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