Interview

»Alles Jüdische war in der DDRein Tabu«

Anetta Kahane Foto: Amadeu-Antonio-Stiftung

Frau Kahane, im ersten Halbjahr 2010 zählte das Bundesinnenministerium fast 8.000 rechtsextreme Straftaten. Darunter über 380 Gewalttaten wie Brandanschläge auf jüdische Einrichtungen und Angriffe auf Menschen mit Migrationshintergrund, die zumeist in Sachsen verübt wurden. Ist der Osten rechtsextremer als der Westen?
Das wird ja schon seit Jahren kontrovers diskutiert. Fakt ist: Rechtsextremismus in Ost und West unterscheiden sich voneinander. Wie übrigens auch die Gegenwehr.

Welche Unterschiede gibt es?
Im Osten ist zum Beispiel die Zahl rechtsextremer Übergriffe höher als im Westen. Und im Osten trifft man immer noch auf Landstriche, in denen ein entsprechender Lebensstil gepflegt wird, einschließlich Gewaltbereitschaft. Im Westen beginnt sich das erst herauszubilden, etwa in Form sogenannter freier Kameradschaften. Sie haben inzwischen aber gelernt, wie sie zu einem Teil der Gesellschaft werden. Und die Bürger im Westen macht vor allem die oft brutale Gewalt ratlos. Allerdings ist es in den »alten« Bundesländern leichter, Aktionen zu organisieren als in den »neuen«.

Haben die Ostdeutschen kein Interesse, den Rechten Widerstand zu leisten?
Im Vergleich zu früher ist das Interesse zwar gestiegen, aber es war ein langer und mühseliger Weg, dorthin zu gelangen und die Menschen für Initiativen gegen rechts zu gewinnen.

War das antisemitische Erbe der DDR dabei ein Hindernis?
Durchaus. Alles Jüdische, einschließlich der Judenfeindschaft, war dort ein Tabu. Während man in Bonn, Köln oder Stuttgart vielleicht über Juden und deren vermeintlich schlechte Eigenschaften getuschelt hat und wusste, dass das eigentlich nicht korrekt war, wurde in Erfurt, Leipzig oder Schwerin gar nicht erst über Juden gesprochen. Man hat das Thema quasi unsichtbar gemacht. Und damit den Bürgern die Möglichkeit genommen, sich mit Juden auseinanderzusetzen. Der Antisemitismus, den es in der DDR auf jeden Fall gab, war sehr subtil und trat vorrangig durch politische, kulturelle und israelfeindliche Stereotype zutage.

Was hat sich in den vergangenen Jahren bei rechtsextremen und antisemitischen Straftaten in Ost und West verändert?
Was die Häufigkeit auf beiden Seiten betrifft, nicht viel. Denn die geht mal rauf und mal runter – wie ein Börsenkurs. Zwischenzeitlich gab es vielleicht mal einen kleinen Einbruch, weil zum Beispiel die freien Kameradschaften sich gesagt haben: Still halten, es ist Wahlkampf. Aber die Zahlen sind nach wie vor erschreckend hoch.

Und die Art der Übergriffe?
Es gab einige Jahre, in denen waren die Angriffe sehr rabiat. Denken Sie nur an 2007, als der Chabad-Kindergarten in Berlin Ziel eines Anschlags war. Und nicht zu vergessen die antijüdische Gewalt durch Muslime.

Nach antisemitischen Anschlägen kommt es nur sehr selten auch zu Festnahmen. Wird von der Polizei zu wenig ermittelt?
Bei Sachbeschädigung oder Propagandadelikten ist es immer schwierig, herauszufinden, wer der Täter war. Das hinterlässt selten konkrete Spuren. Bei Brandanschlägen, zum Beispiel auf Dönerbuden, sieht das ermittlungstechnisch etwas besser aus. Da melden sich manchmal sogar Zeugen. Und es kommt natürlich auf die jeweilige Polizeidirektion an. Einige erledigen ihre Arbeit vorbildlich. Andere diskutieren so lange, bis aus dem Täter ein Opfer wird.

Mit Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, sprach Katrin Richter.

Chemnitz

Gestohlener Davidstern sichergestellt

Unbekannte hatten laut Polizei in der Dauerausstellung des Lern- und Gedenkortes eine Schautafel beschädigt und den Davidstern mitgenommen

 28.09.2026

Sachsen-Anhalt

Der 7. Oktober und die Folgen: Podiumsdiskussion in Halle

Vor drei Jahren überfielen islamistische Terroristen Israel und rissen damit Gaza in einen bis heute andauernden Krieg. Zeitgleich nahmen weltweit antisemitische Ausschreitungen zu. Diskutanten erörtern die Ursachen

 28.09.2026

Interview

»Die Linkspartei hat vom 7. Oktober und vom Hass auf und der Hetze gegen Israelis profitiert«

Neuköllns Integrationsbeauftragte Güner Yasemin Balci über den Wahlerfolg der Linken in Berlin, Clan-Kontakte und Islamismus in der Partei sowie die politischen Folgen für ihren Bezirk und die Stadt

von Detlef David Kauschke  28.09.2026

Paris, Frankreich mit Eiffelturm

Paris

Flüchtling aus Deutschland in Frankreich als IS-Kämpfer angeklagt

In der französischen Hauptstadt hat der Berufungsprozess gegen einen Syrer begonnen, der eine leitende Rolle in der Terrororganisation »Islamischer Staat« gehabt haben soll

 28.09.2026

Düsseldorf

Attacke auf Juden wird Thema im Landtag NRW

Nach dem antisemitischen Angriff auf einen Juden am vergangenen Dienstag sucht die Polizei weiter nach den Tätern. Nun soll Innenminister Reul (CDU) im Innenausschuss Auskunft geben

 28.09.2026

Berlin

Linksjugend: Polizei ist »krimineller Clan«

»Wenn die Presse uns erzählt, in Berlin gebe es ein Problem mit bewaffneten Clans, sind das die, die mit hellen Handschuhen und Knüppeln heute in den Schulstreik hineingerannt sind«, sagt eine Sprecherin

 28.09.2026

Offener Brief

Mehr als 6000 Unterzeichner weisen Vorwurf des Völkermords gegen Israel zurück

»Wir, die Unterzeichner, sind empört und angewidert über die jüngste Blutverleumdung gegen das jüdische Volk: die Lüge, dass Israel in Gaza einen ›Genozid‹ begangen habe«, heißt es in dem Schreiben

 28.09.2026

Berlin

Linken-Chef sieht seine Partei »ganz klar an der Seite jüdischer Menschen«

Nach ihrem Wahlsieg in Berlin strebt die Linke eine Regierungsbildung an. Der Bundesvorsitzende Luigi Pantisano widersprach nun Anschuldigungen, die Partei sei antisemitisch

 28.09.2026

Liverpool

Dutzende Festnahmen bei Solidaritätsaktion für Palestine Action

Am Rande des Labour-Parteitags im nordenglischen Liverpool haben mehr als 250 Menschen gegen das Verbot der als Terrorgruppe eingestuften Organisation demonstriert

 28.09.2026