Rückblende

1983: Herbert Weichmann gestorben

Herbert Weichmann (1896–1983) Foto: dpa

Rückblende

1983: Herbert Weichmann gestorben

Unsere Serie über die Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945: Folge 38

von Michael Brenner  22.07.2013 18:13 Uhr

Obwohl antisemitische Websites gerne von der »Verjudung« der Bundesrepublik und von »zahlreichen« jüdischen Abgeordneten und gar Ministern sprechen, muss man lange überlegen, wenn man wirklich prominente jüdische Politiker in der Bundesrepublik benennen will.

Im Bundestag gab es über Jahrzehnte nur drei jüdische Abgeordnete, alle Mitglieder der SPD: Jeannette Wolff engagierte sich nach Ende ihrer Abgeordnetenzeit (1952–61) auch als stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Jakob Altmaier (1949–63) war einer der Wegbereiter der im Luxemburger Abkommen vereinbarten Entschädigungszahlungen an NS-Opfer, und Peter Blachstein (1949–68) wurde nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag Botschafter in Jugoslawien. Seitdem waren Mitglieder jüdischer Gemeinden nicht mehr im Bundestag vertreten.

remigrant Unter den politisch aktiven jüdischen Rückkehrern aus dem Exil befanden sich auch der 1962 zum Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbunds gewählte Ludwig Rosenberg und der zwischen 1966 und 1972 als Justizminister von Nordrhein-Westfalen amtierende, aus Israel nach Deutschland zurückgekehrte Josef Neuberger. Der einzige jüdische Ministerpräsident eines Bundeslandes war Herbert Weichmann, der von 1965 bis 1971 Erster Bürgermeister von Hamburg war.

Der in Oberschlesien aufgewachsene Weichmann war in der Weimarer Republik zunächst Journalist und wurde später als engagierter Sozialdemokrat persönlicher Referent des preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun. 1933 emigrierten Weichmann und seine Frau. Nach Stationen in der Tschechoslowakei und Frankreich gelang ihnen zu Kriegsbeginn eine abenteuerliche Flucht über die Pyrenäen nach Spanien und Portugal und von dort 1940 weiter in die USA.

Das Ehepaar kehrte nach Kriegsende nach Hamburg zurück, wo Herbert Weichmann zunächst Präsident des Rechnungshofs und dann Finanzsenator wurde. Er starb am 9. Oktober 1983 in Hamburg. Die Jüdische Gemeinde Hamburg ehrt sein Andenken mit einer Herbert-Weichmann-Medaille.

In den 80er- und 90er-Jahren engagierten sich zwar einige prominente Juden parteipolitisch – so etwa Ignatz Bubis in der FDP, Michel Friedman in der CDU und Daniel Cohn-Bendit sowie Micha Brumlik bei den Grünen –, doch sollte es lange dauern, bis wieder ein jüdischer Politiker zum Oberhaupt einer deutschen Großstadt gewählt wurde. Es handelt sich dabei um Frankfurt am Main, wo Peter Feldmann 2012 die Stelle des Oberbürgermeisters antrat und wo im Übrigen auch die oben Genannten tätig waren.

Gerechtigkeit

Jüdische Verbände dringen auf Rückgabegesetz 

Jüdische Verbände dringen auf Rückgabegesetz Jahrzehnte nach Ende des NS-Regimes hoffen Erben der Opfer immer noch auf Rückgabe von damals geraubten Kunstwerken. Zum 1. Dezember starten Schiedsgerichte. Aber ein angekündigter Schritt fehlt noch

von Verena Schmitt-Roschmann  30.11.2025

Dokumentation

»Sie sind nicht alleine!«

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hielt bei der Ratsversammlung des Zentralrats der Juden die traditionelle Gastrede

von Wolfram Weimer  30.11.2025

Gemeinden

Ratsversammlung des Zentralrats der Juden tagt in Frankfurt

Das oberste Entscheidungsgremium des jüdischen Dachverbands kommt einmal im Jahr zusammen

 30.11.2025 Aktualisiert

Berlin

Späte Gerechtigkeit? Neue Schiedsgerichte zur NS-Raubkunst

Jahrzehnte nach Ende der Nazi-Zeit kämpfen Erben jüdischer Opfer immer noch um die Rückgabe geraubter Kunstwerke. Ab dem 1. Dezember soll es leichter werden, die Streitfälle zu klären. Funktioniert das?

von Cordula Dieckmann, Dorothea Hülsmeier, Verena Schmitt-Roschmann  29.11.2025

Interview

»Es ist sehr viel Zeit verloren gegangen«

Hans-Jürgen Papier, ehemaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichts, zieht eine Bilanz seiner Arbeit an der Spitze der »Beratenden Kommission NS-Raubgut«, die jetzt abgewickelt und durch Schiedsgerichte ersetzt wird

von Michael Thaidigsmann  29.11.2025

Interview

»Weder die Verwaltung noch die Politik stehen an meiner Seite«

Stefan Hensel hat seinen Rücktritt als Antisemitismusbeauftragter Hamburgs angekündigt. Ein Gespräch über die Folgen des 7. Oktober, den Kampf gegen Windmühlen und kleine Gesten der Solidarität

von Joshua Schultheis  29.11.2025

Meinung

Wenn ein Botschafter Schoa-Überlebende zu Lügnern erklärt

Tom Rose, neuer US-Botschafter in Warschau, hat in einer Rede die Komplizenschaft Tausender Polen während des Holocaust bestritten. Das ist fatal für das Ansehen der USA

von Menachem Z. Rosensaft  29.11.2025

Staatsbesuch

Kanzler Merz reist am nächsten Wochenende nach Israel

Das Datum steht: Bundeskanzler Merz reist in gut einer Woche zum Antrittsbesuch nach Israel. Der Gaza-Krieg hatte die Reise verzögert, durch die Waffenruhe wird sie jetzt möglich

 28.11.2025

Berlin

Anschlag auf israelische Botschaft geplant? Prozess beginnt

Ein mutmaßlicher IS-Unterstützer kommt vor Gericht. Der Prozess gegen den inzwischen 19-Jährigen beginnt am Montag

 28.11.2025