Meinung

Wenn lupenreiner Judenhass bei Historikern plötzlich unter die Meinungsfreiheit fällt

Teilnehmer an einer »propalästinensischen« Demonstration der Gruppe »Student Coalition Berlin« auf dem Theaterhof der Freien Universität Berlin. Foto: picture alliance/dpa

Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) stellt hohe Ansprüche an sich selbst. Auf seiner Webseite gibt er nicht nur an, »die gesellschaftliche Relevanz der Geschichtswissenschaft« zu stärken, sondern auch »geschichtspolitische Kontroversen« zu »moderieren«.

Offen ist, wie erfolgreich er dabei ist. Es ist unklar, welche Kontroversen der Verband in letzter Zeit moderiert hat, aber es wird schon welche gegeben haben. Die gesellschaftliche Relevanz der Geschichtswissenschaft versucht der VHD anscheinend dadurch zu steigern, dass er als eine Art kollektiver politischer Intellektueller zu politischen Problemen Position bezieht.

Die jüngste Stellungnahme des Verbandes ist gar keine, sondern lediglich eine Meinungsäußerung des Vorstands, der sich die Freiheit nimmt für alle Mitglieder zu sprechen. Mit dieser Erklärung stellte sich der Verband am 17. Mai »entschieden gegen die persönliche Diffamierung und pauschale Verurteilung von Wissenschaftler:innen nach der Räumung des Protestcamps an der FU-Berlin«.

An der FU wurden Schlagworte wie »From the River to the Sea« skandiert.

Wir erinnern uns: Am 7. Mai besetzten »pro-palästinensische« Demonstranten einen Innenhof auf dem Gelände der Freien Universität Berlin und skandierten Schlagworte wie »From the River to the Sea« oder »Yallah, yallah, Intifada«, mit denen eine Auslöschung des Staates Israel gefordert wurde.

Es gehört eine gehörige Portion Realitätsverweigerung oder – schlimmer – ideologische Verblendung dazu, diese Rufe nicht als Ausdruck von Antisemitismus, Antizionismus und Israelhass zu verstehen. 

Der Leitung der FU kann man diesen Vorwurf nicht machen. Sie erkannte das Problem und forderte Polizeikräfte zur Räumung des Campus an. Damit rief sie eine große Zahl von Professoren und Dozenten aus Berlin auf den Plan, die in einem »Statement von Lehrenden an Berliner Hochschulen« das Vorgehen der Aktivisten, bei dem es auch zu Sachbeschädigungen gekommen war, als Ausdruck der »Versammlungs- und Meinungsfreiheit« verteidigten. Die Universitätsleitung habe es versäumt den Dialog mit den Protestierenden zu suchen, die freilich selbst jeden Dialog ablehnten.

Die Stellungnahme, die mittlerweile fast 400 Berliner und mehr als 1000 auswärtige Lehrende unterzeichnethaben, wurde in den folgenden Tagen in verschiedenen Medien als Verharmlosung von Antisemitismus und Gewalt kritisiert, unter anderem in dieser Zeitung und in der WELT. Auch BILD griff das Thema auf und veröffentlichte eine Auswahl von Fotos von Unterzeichnern unter dem Titel die »UniversiTÄTER«.

An diesem Punkt kam der Vorstand des VHD ins Spiel, der sich vermutlich wegen der Historiker unter den Unterzeichnern des Lehrenden-Statements für zuständig hielt. Einer der unterzeichnenden Historiker, der HU-Professor Michael Wildt, schaffte es sogar in die Fotogalerie von BILD.

Antisemitismus als Meinungsfreiheit?

Zweifellos ist das Vorgehen von BILD ein Verstoß gegen die guten Sitten und verletzt das Gefühl bürgerlichen Anstands. Das ändert aber nichts am sachlichen Gehalt der Kritik, der sich auch in anderen Zeitungen findet. Dass die Wahl von BILD auf Wildt gefallen ist, lässt sich zudem leicht erklären. Sein Fall ist besonders interessant. 

Der Professor im Ruhestand ist Experte für die Geschichte des Nationalsozialismus und hat sich intensiv mit der Verfolgung der Juden im »Dritten Reich« befasst. Es wäre abwegig, ihm Antisemitismus vorzuwerfen. 

Umso dringlicher ist die Frage zu stellen, wie gerade Wildt dazu kommt, antisemitische Äußerungen als Ausdruck der Meinungsfreiheit gegen die angebliche Übergriffigkeit der FU-Leitung und der Polizei zu verteidigen?Die Frage sollte erlaubt sein. 

Wer sie, wie der VHD, als unziemlichen persönlichen Angriff hinstellt, verwechselt Ursache und Wirkung. Jeder Handwerksmeister würde der Aussage zustimmen, dass nicht derjenige der Reputation des Handwerks schadet, der auf Pfusch am Bau hinweist, sondern derjenige, der ihn verursacht hat. In den Geisteswissenschaften ist das offensichtlich anders. Der VHD sieht es so: »Wir verwahren uns dagegen, dass die politischen Auseinandersetzungen über den angemessenen Umgang mit Protest gegen den Krieg im Gazastreifen dazu genutzt werden, das Ansehen der Geschichtswissenschaften zu beschädigen.«

Die Verfasser dieses Satzes glauben sicher, dass sie mit ihm nur einige zu Unrecht an den Pranger gestellte Kollegen in Schutz nehmen, aber das ist im besten Fall eine naive Vorstellung. Weiter heißt es in der Stellungnahme, »auch Proteste, Demonstrationen und Provokationen« könnten Teil eines »kritischen Diskurses« und einer »wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung« sein, »sofern sie das Ziel der sachlichen Information, der Analyse und der Verständigung über Argumente verfolgen oder erlaubte Formen von Meinungsäußerung darstellen.«

Anzeigen wegen Volksverhetzung

Antisemitische Äußerungen in der Form, wie sie an der FU zu hören waren, sind jedoch keine »erlaubte Form der Meinungsäußerung«. Nicht ohne Grund gab es verschiedene Anzeigen wegen Volksverhetzung. Außerdem kann der Vorstand des VHD kaum glauben, dass die Protestierenden »das Ziel der sachlichen Information« verfolgten. Gleichwohl steht es so in der Stellungnahme. 

Ebenso wenig wie Wildt kann man dem Vorstand des VHD Antisemitismus unterstellen. Gerade deshalb ist aber auch in seinem Fall zu fragen, warum er in seiner Stellungnahme behauptet, gewaltbereite Aktivisten, die Sympathie für die Hamas zeigen und die Vernichtung Israels fordern, pflegten einen sachorientierten, von der Meinungsfreiheit gedeckten »kritischen Diskurs«.

Der Schritt in die Öffentlichkeit ist für Wissenschaftler nicht ohne Gefahr. Die Verfasser der VHD-Stellungnahme wollten politische Intellektuelle sein. Sie wollten sich einmischen. Haben sie sich diesen Schritt gut überlegt? Der französische Philosoph Julien Benda veröffentlichte 1927 den Essay »La Trahison des Clercs« – »Der Verrat der Intellektuellen«. Aus Bendas Sicht verraten Intellektuelle ihre Berufung, wenn sie sich mit der Politik einlassen, wenn sie sich einer Ideologie verschreiben und öffentlich zu Wort melden, statt nur für den Geist zu leben. Freilich hielt sich Benda nicht an seine eigene Lehre.

In seinen letzten Jahren wurde er zu einem Weggefährten des Kommunismus. Raymond Aron, der Bendas Essay als junger Wissenschaftler kritisch besprach, war anderer Meinung. Intellektuelle verraten ihre Bestimmung aus seiner Sicht nur dann, wenn sie sich bei ihren öffentlichen Wortmeldungen den Sinn von ideologischen Wünschen vernebeln lassen, statt die Welt nüchtern zu sehen, wie sie ist.

Selbsttäuschung als Abbild der Wirklichkeit

Zur Einschätzung des VHD kann man nur kommen, wenn man öffentlich zugängliche Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmen möchte. Jeder hat das Recht, sich selbst zu täuschen, nicht aber seine Selbsttäuschung als Abbild der Wirklichkeit zu verkaufen. Ist das nicht auch eine Art des intellektuellen Verrats? 

Wer sich gerne täuschen lässt, kann getrost Mitglied des VHD bleiben. Wer das nicht möchte, muss sich fragen, ob er es nicht seiner eigenen intellektuellen Redlichkeit schuldig ist, den Verband zu verlassen. Niemand sollte sich von einem falschen Solidaritätsgefühl abhalten lassen. Die Geschichtswissenschaft kennt keine Monopole. 

1988 sagte Bundespräsident Richard von Weizsäcker beim 37. Historikertag in Bamberg: »Die Geschichte, unsere Geschichte, gehört eben nicht nur den Historikern.«Schon gar nicht gehört sie dem Historikerverband.

Der Autor ist Historiker und Leiter der Abteilung »Zeitgeschichte« an der Konrad-Adenauer-Stiftung.

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