Israel wird oft als einzige Demokratie in Nahost bezeichnet. Gern von Israelis selbst. Während das faktisch korrekt ist, stört mich dieser Vergleich. Das Land hat es nicht nötig, sich mit Diktaturen der Region zu vergleichen, deren Anführer das Wort Menschenrechte nicht einmal in den Mund nehmen.
Das kann daran liegen, dass ich privilegiert bin und niemals irgendwo anders leben musste als in einem demokratischen Land. Trotzdem: Mir gefällt Start-up-Nation besser. Oder Vorreiter bei LGBTQ+-Rechten.
PLAKATE Das klingt so, wie es ist: bunt. Und farbenfroh mochte ich schon immer. Jetzt ist es sogar kunterbunt. Denn Tel Aviv feiert die Pride Week. Und zwar gehörig. Überall schimmern Regenbogen in der Sonne. Auf Plakaten der Supermarktkette am:pm gibt es derzeit keine Angebote aus der Tiefkühltruhe, sondern geht es heiß her: Zwei Männer küssen sich offen auf den Mund. Oder zwei Frauen. Mich hat es nie gestört, wer wen liebt. Privateres gibt es ja wohl nicht.
Ich erwarte von dem Staat, in dem ich lebe, dass dieses Recht geschützt wird und sich niemand verstecken muss.
Ich erwarte von dem Staat, in dem ich lebe, dass dieses Recht geschützt wird und sich niemand verstecken muss. Egal, wen er oder sie küsst. In der vergangenen Regierung aus rechten und religiösen Parteien gab es mit Amir Ohana einen schwulen Minister für öffentliche Sicherheit. Chef im Gesundheitsressort der neuen Einheitsregierung ist Nitzan Horowitz, auch er lebt offen homosexuell. LGBTQ+-Rechte sind in Israel weit fortgeschritten.
Heiraten dürfen Gays aber nicht. Allerdings ist das auch anderen untersagt, denn Eheschließungen werden vom ultraorthodoxen Rabbinat kontrolliert. In Tel Aviv können sich Homosexuelle, die zusammenleben, seit 2020 als »verheiratet« eintragen lassen – inklusive Steuervorteilen.
TOLERANZ Am Montag wehte zum ersten Mal die Regenbogenflagge vorm Außenministerium in Jerusalem. Außenminister Yair Lapid tweetete: »Das Außenministerium und seine Angestellten verkünden die Botschaft der Toleranz, Brüderlichkeit und Freiheit.« Mag sein, dass die Pride Week manchen zu bunt, zu laut oder zu knapp bekleidet ist. Ich aber lebe gern unterm Regenbogen – ob in Nahost oder sonstwo.
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