Essay

Die Schicksale der Juden, Sinti und Roma sind miteinander verflochten

Reinhard Schramm Foto: picture alliance/dpa

Jedes Jahr am 2. August, dem Jahrestag der Ermordung der letzten 4300 Sinti und Roma des »Zigeunerfamilienlagers« und dem Europäischen Holocaustgedenktag für Sinti und Roma, besuchen wir Auschwitz. Wir verneigen uns vor den 500 000 in der Nazizeit verfolgten und ermordeten Sinti und Roma. Wir drücken unsere Solidarität mit den lebenden Sinti und Roma aus, deren Diskriminierung bis heute anhält.

Vor zwei Jahren schrieb ich: »Ich glaube, dass Juden sowie Sinti und Roma Geschwister in einer Schicksalsgemeinschaft sind. Das Gedenken an den Genozid an den Sinti und Roma wurde bisher vernachlässigt. Auch wir Juden müssen darauf bestehen, dass dieses Gedenken endlich ernster genommen wird.« Seit 2022 haben sich die antiziganistischen Vorfälle verdoppelt.

Die Verflechtung des Schicksals der Sinti und Roma mit dem Schicksal der Juden geschah nicht nur in den Konzentrations- und Vernichtungslagern und Gaskammern der Nazis. Auch heute zeigt sich diese Verflechtung des Schicksals im gleichzeitigen Anwachsen des europäischen Antiziganismus und Antisemitismus als scheinbar unvermeidliche Begleitung des europäischen Nationalismus.

Am diesjährigen 2. August, dem 80. Jahrestag der Liquidierung des »Zigeunerfamilienlagers«, verkündete in Auschwitz der Vorsitzende von Yad Vashem, Dani Dayan, das Engagement und die Solidarität mit den Sinti und Roma zu verstärken. Bereits im Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem waren die Verbrechen an den Sinti und Roma als Teil des Holocaust verurteilt wurden.

Die Gedenkfeiern in Auschwitz vom 30. Juli bis 3. August  2024 waren beeindruckend. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma und der Verband der Roma in Polen hatten sie in Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau (Polen) organisiert. Hunderte junge Sinti und Roma, aber auch letzte Holocaust-Überlebende und mehr als 2000 Teilnehmer aus ganz Europa und darüber hinaus erlebten Geschichte, Kultur und heutiges Leben der Sinti und Roma auf großartige, zu Herzen gehende Weise.

Aber Sinti und Roma und Juden sind ohne die Solidarität der Mehrheitsgesellschaft dem wachsenden Antiziganismus und Antisemitismus nicht gewachsen. Deshalb waren die Sinti und Roma dankbar, dass mit der Bundestagspräsidentin Bärbel Bas die Vorsitzende des deutschen Parlaments bei dem Gedenken in Auschwitz anwesend war. Bodo Ramelow war 2022 als Bundesratspräsident gekommen. Ich empfand es damals als Beginn einer angemessenen, würdigen Ehrung seitens des deutschen Staates.

In der Bundesrepublik war die Anerkennung des Völkermordes an den Sinti und Roma fast vier Jahrzehnte nach 1945 verschleppt worden. Bis 1981 schien dieser Teil des Holocaust vergessen zu sein. Vor allem die Bürgerrechtsaktivisten der Sinti und Roma rissen mit ihrem Hungerstreik im ehemaligen KZ Dachau den Holocaust an den Sinti und Roma aus der Vergessenheit. Zu diesen Aktivisten gehörte der heutige Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose.

Romani Rose und seine Mitstreiter leisten bis heute mit ihrem Engagement einen beachtlichen Beitrag zur Verteidigung unserer Demokratie, indem sie sich der Rückkehr der Unmenschlichkeit entschlossen und unnachgiebig entgegenstellen. Die diesjährigen Gedenkfeiern in Auschwitz vom 30. Juli bis 3. August sind Teil ihres wichtigen Beitrags.

Der Autor ist Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen.

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