Dritte Generation

»Zu sehr behütet«

Die Probleme dreier Generationen sind vielfach miteinander verschränkt. Foto: imago

Herr Ullmann, Sie haben eine Studie an jüdischen Migranten aus der früheren Sowjetunion durchgeführt und festgestellt, dass sie vermehrt an Depressivität und psychosomatischen Beschwerden leiden. Wie sind Sie methodisch vorgegangen?
Es war eine Fragebogenstudie, und zwar eine Querschnittstudie, keine Längsschnittstudie. Also wir haben nicht den Verlauf untersucht, sondern eine Momentaufnahme gemacht. Mir war in der jüdischen Gemeinde aufgefallen, dass es da ein paar Auffälligkeiten gibt, und dem wollte ich auf den Grund gehen.

Was war Ihnen da aufgefallen?
Im Kontakt mit Angehörigen meiner Generation, also der dritten Generation, war vermehrt Traurigkeit zu sehen, oder unverarbeitete Dinge, die mit den Eltern nicht besprochen wurden. An mir selbst habe ich diese Erfahrung auch gemacht. Deswegen wollte ich wissen, ob das auch bei anderen so ist.

Wie haben Sie Ihre Probanden gefunden?
2009 habe ich begonnen, bei den jüdischen Gemeinden in Chemnitz, Leipzig und Dresden in die Gemeindeakten zu schauen. Ich habe nachgesehen, wie viele Leute überhaupt zur dritten Generation gehören. Da gab es bisher keine statistische Erhebung. Alle, deren Großeltern die Zeit der Schoa miterlebt haben und deren Eltern nach der Schoa geboren wurden, zählten wir zur dritten Generation.

Warum haben Sie sich auf Migranten aus der früheren Sowjetunion konzentriert?
Es gibt auch deutsche Juden der dritten Generation, aber es geht ja um die Anzahl. Bei einer Fragebogenstudie braucht man eine bestimmte Menge an Probanden, damit es repräsentativ ist. Über die Gemeindeakten habe ich etwa 250 Personen gefunden und ihnen meinen Fragebogen ausgehändigt. Etwa 90 davon habe ich zurückbekommen. Das sind mehr als 30 Prozent, und das ist ein wichtiges Kriterium für die Repräsentativität.

Welche Fragen haben Sie gestellt?
Wir haben Fragen gestellt zur Ängstlichkeit, zur Depressivität, zu psychosomatischen Beschwerden, etwa Bauch-, Kopf- und Rückenschmerzen, für die es keine medizinische Erklärung gibt. Wir haben Fragen zur elterlichen Erziehung gestellt. Ferner Fragen zur Bindung und zur Resilienz, also zur psychischen Widerstandsfähigkeit, sowie zur sozialen Unterstützung durch das Umfeld. Außerdem haben wir gefragt, ob und in welcher Form die Probanden Antisemitismus erlebt haben.

Was haben Sie herausgefunden?
Es zeigten sich im Vergleich zur deutschen Normalbevölkerung ohne jüdischen Hintergrund erhöhte Depressivität und vermehrt psychosomatische Beschwerden. Und bei der elterlichen Erziehung waren Kontrolle und Überbehütung auffällig. Der Fragebogen hatte drei Parameter: 1. Kontrolle und Überbehütung, 2. emotionale Wärme und 3. ablehnendes Erziehungsverhalten. Bei Kontrolle und Überbehütung waren die Befragten im Vergleich zur Normalbevölkerung nach oben hin auffällig, ebenso bei emotionaler Wärme – ablehnende Erziehung wurde als geringer erinnert.

Hatten Sie eine nichtjüdische Vergleichsgruppe?
Wir haben uns auf Daten aus der Literatur bezogen. Das ist natürlich kritisierbar, auf der anderen Seite ist es üblich in unserem Fachgebiet, anhand von normierten Daten Vergleiche zu ziehen.

Welche Beschwerden hatten die Probanden?
Diejenigen, die vermehrt Kontrolle und überbehütende Erziehung erinnert haben, hatten vermehrt Magenbeschwerden – vor allem die Männer. Diejenigen, die viel Antisemitismus in Russland erlebt haben, hatten vermehrt Magen- und Rückenbeschwerden, und heute erlebter Antisemitismus ging signifikant mit Depressivität und Ängstlichkeit einher. Das liegt wohl daran, dass Letzterer noch aktuell ist.

Welcher Zusammenhang besteht denn zwischen überbehütendem Erziehungsstil und der dritten Generation nach der Schoa?
Das Phänomen hat 1982 H.B. Levine erstmals als »child of survivors complex« bezeichnet. Er beschrieb die Überbehütung und die Behinderung der infantilen Individuation, also der Entwicklung des Kindes. Aber bisher wurde das noch nicht an einer größeren Gruppe belegt. Für diesen Zusammenhang gibt es ein eindrückliches Beispiel. Ich habe oft in russischen Familien das Sprichwort gehört: »Du kannst erst dann jemandem vertrauen, wenn du mindestens ein Pfund Salz mit ihm gegessen hast.« Manch einer fügt noch hinzu: »Und selbst dann nicht.« Das ist eine extreme Aussage. Wenn eine Mutter das zu ihrem Kind sagt, heißt das: Ich muss dich beschützen, weil die Erfahrungen, die wir in der Vergangenheit gemacht haben, zeigen, dass Vertrauen gefährlich ist. Die dritte Generation hat es schwer, sich von dieser Überkontrolle zu lösen.

Warum klagen denn vor allem Männer über diesen überbehütenden Erziehungsstil?
Eine Möglichkeit ist: Die jüdische Religion ist recht patriarchalisch organisiert, der Mann steht im Mittelpunkt. Vielleicht werden die Männer leistungsorientierter erzogen und deswegen mehr kontrolliert als Frauen.

Heißt das auch, dass sie mehr emotionale Wärme bekommen als Mädchen?
Nein, die emotionale Wärme war bei beiden Geschlechtern gleich stark.

Hat dieser Erziehungsstil wirklich mit der Schoa zu tun, oder ist er spezifisch für jüdische Erziehung schlechthin?
Das ist eine spannende Frage. Auch bei nichtjüdischen Deutschen, die eine posttraumatische Belastungsstörung haben, erfahren deren Nachkommen Kontrolle und Überbehütung in der Erziehung. Das ist also nicht typisch für Juden, sondern typisch für Traumaopfer.

Es gibt bei Männern und bei Frauen unterschiedliche Symptome, gerade auf körperlicher Ebene. Wie sind diese Geschlechtsunterschiede zu erklären?
Es war auffällig, dass die Frauen schwach signifikant mehr Herzbeschwerden hatten. Da ist der Unterschied aber zu gering, als dass man daraus etwas schlussfolgern kann. Wenn psychische Probleme auf körperlicher Ebene ausagiert werden, gibt es durchaus bekannte Geschlechtsunterschiede. Das würde zu unserer Beobachtung hinsichtlich der Herzbeschwerden passen. Aber explizit auf unsere Probanden bezogen, würde ich mich zurückhalten, weil die Werte zu schwach sind.

Lassen sich die Ergebnisse auf deutsche Juden der dritten Generation übertragen?
Wenn man davon ausgeht, dass auch sie Antisemitismus erfahren haben, würde ich davon ausgehen, dass es da ähnliche Ergebnisse gibt. Was Kontrolle und Überbehütung betrifft – wenn man annimmt, dass das traumabedingt ist und mit dem Holocaust zu tun hat, dann kann man erwarten, dass bei deutschen Juden ähnliche Ergebnisse zu finden sind.

Was fängt man mit diesen Ergebnissen an? Wie kann zum Beispiel das Gesundheitssystem darauf reagieren?
Es zeigt sich eine vermehrte Krankheitslast in der dritten Generation. Wenn sich das noch mit weiteren Daten untermauern ließe, könnte man daraus den Anspruch auf besondere Versorgung ableiten. Da sind vor allem Präventivmaßnahmen essenziell. Das Beste wäre natürlich, wenn es keinen Antisemitismus mehr gäbe. Die erste Therapie bei posttraumatischen Belastungsstörungen ist der Schutz vor Retraumatisierung. Wenn ein Kind geschlagen wird, muss man das Kind erst einmal aus der Familie herausnehmen. Leider wird man den Antisemitismus nicht abschaffen, also muss man sich etwas anderes überlegen.

Muss man also neue Therapieformen entwickeln?
Bei den gängigen Psychotherapieformen wird sich nicht mehr viel ändern. Ein neuer Ansatzpunkt wären spezielle Medikamente, die auf Grundlage von epigenetischen Kenntnissen gezielt die Anfälligkeit vermindern – eine Art hormoneller Schutzmantel.

Was kann die jüdische Gemeinschaft selbst tun?
Jugendgruppen sind ganz wichtig, weil wir gezeigt haben, dass soziale Unterstützung innerhalb der jüdischen Gruppe sehr dazu beiträgt, die Symptome zu mindern. Und natürlich ist es wichtig, die jüdische Gemeinschaft für die Themen, die in meiner Arbeit angesprochen werden, überhaupt erst einmal zu sensibilisieren. Viele wissen gar nicht, dass es Möglichkeiten gibt, Dinge auch innerfamiliär anders zu gestalten. Das macht man zum Beispiel in Israel: Bevor ein Kind zur Bar- oder Batmizwa geht, muss es mit seinen Großeltern sprechen und sich deren Lebensgeschichte anhören. Dadurch kommt psychodynamisch oder familiendynamisch ganz viel in Bewegung.

Mit dem Arzt für Pädiatrie und Kinderpsychiatrie an der Universitätsklinik Jena sprach Ingo Way.

Enrico Ullmann et al.: »Increased rate of depression and psychosomatic symptoms in Jewish migrants from the post-Soviet-Union to Germany in the 3rd generation after the Shoa«. Translational Psychiatry (2013) 3, online veröffentlicht am 12. März 2013

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