LED-Studie

Zirbeldrüse aus dem Takt

Es ist zu hell: die Skyline von Manhattan Foto: Thinkstock

Nie war das Interesse an gesunder Ernährung größer als heute – Bioläden gibt es mittlerweile schon in Kleinstädten, Fernsehshows, in denen Köche Tipps und Tricks verraten, boomen, Kochbücher erreichen riesige Auflagen. Und trotzdem steigt die Zahl der Übergewichtigen weltweit drastisch an. 1,9 Milliarden Menschen sind nach Angaben der WHO übergewichtig, 600 Millionen leiden an Adipositas, das heißt, sie sind so dick, dass sie ein erhöhtes Risiko haben, an Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes oder Arthrose zu erkranken. Fast Food und Bewegungsmangel gehören zu den Hauptursachen für Übergewicht.

Erkenntnissen israelischer Wissenschaftler zufolge könnte jedoch auch ein Gegenstand mit schuld an zu hohem Körpergewicht sein, der eigentlich aus dem Alltagsleben nicht mehr wegzudenken ist: die Glühbirne, genauer: LED-Leuchtmittel, die für besonders helle, dem Tageslicht ähnliche Beleuchtung sorgen können.

ALAN Die Auswirkungen von »Artifical Light at Night«, kurz ALAN, also künstlicher Beleuchtung in der Nacht, werden schon seit Längerem erforscht. Boris Portnov und Abraham Haim, Professoren an der Universität Haifa, hatten bereits 2013 ein Buch darüber geschrieben. Lichtverschmutzung, so lautet die Bezeichnung für die ausbleibende nächtliche Dunkelheit, ist demnach unter anderem ein Risikofaktor für die Entstehung von Brust- und Prostatakrebs. Besonders weißes LED-Licht führt dazu, dass dem Körper die antioxidativen, also zellschützenden, Wirkungen des Hormons Melatonin verloren gehen – in London erstellte Studien bestätigen dies.

Melatonin ist ein Hormon, das in der Zirbeldrüse, einem Teil des Zwischenhirns, produziert wird. Es steuert den Tag-Nacht-Rhythmus des Körpers – allerdings nur nachts. Tagsüber, also wenn es hell ist, wird die Melatoninproduktion gebremst.

In Norwegen, Finnland und Schweden, wo es in den nördlichen Landesteilen im Winter nie hell wird, sind die Auswirkungen gestörter Melatoninproduktion sattsam bekannt: Bleibt es immer dunkel, wird das Hormon rund um die Uhr hergestellt und führt zu Dauermüdigkeit, Depressionen und Schlafstörungen. Spezielle Tageslichtlampen helfen dann, zu einem geregelten Rhythmus zu finden.

Im Alter nachlassende Melatoninproduktion führt dagegen bei Senioren dazu, dass sie weniger Schlaf brauchen und unter Ein- und Durchschlafproblemen leiden. Völlig erforscht ist das Melatonin allerdings noch nicht, es fehlt bisher zum Beispiel ein sogenannter Defizitbegriff, also eine wissenschaftlich erarbeitete Norm, ab wann der Melatoninspiegel eines Menschen zu niedrig oder zu hoch ist. Bei anderen Hormonen reicht den Ärzten ein Blick auf die Laborwerte-Skala, um festzustellen, ob einem Patienten vielleicht eine Substitution, also der künstliche Ersatz eines Hormons, helfen würde.

Body-Mass-Index Die Mathematikstudentin Nataliya Rybnikova arbeitete unter der Federführung von Portnov und Haim zuletzt an einer Studie, in der die Auswirkungen von ALAN auf die Melatoninproduktion untersucht wurden. Grundlage waren frühere Forschungen, bei denen Wissenschaftler verschiedener Labore einen gestiegenen Body-Mass-Index bei Mäusen feststellten, nachdem die Tiere längere Zeit künstlichem Licht ausgesetzt worden waren. Für ihre Studie konnte Rybnikova Aufnahmen des US-Defense Meteorological Satellite Program benutzen, dessen Bilder zeigen, wie viel künstliches Licht vom Boden aus nachts abstrahlt.

Rybnikova erstellte daraus Landkarten, auf denen die ALAN-Levels für insgesamt 80 Staaten verzeichnet wurden. Diese Werte wurden dann mit landesspezifischen Daten zum Thema Übergewicht der Weltgesundheitsorganisation verglichen, wie auch der durchschnittlichen Geburtenrate, dem Prozentsatz der Stadtbevölkerung, Ernährungsgewohnheiten und landestypischen Lebensmitteln. Die Ergebnisse waren eindeutig: »Zum ersten Mal konnten so Zusammenhänge zwischen Fettleibigkeit und Lichtverschmutzung hergestellt werden«, sagte Boris Portnov der israelischen Tageszeitung Haaretz.

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