Geschichte

»Wir haben kein Recht auf das Land«

Herr Sand, die Vertreibung der Juden aus ihrer Heimat und ihre Rückkehr nach 2.000 Jahren bilden die Grundlage des Zionismus und des Staates Israel. Sie sind sogar in Israels Unabhängigkeitserklärung eingeprägt. Sie schreiben, dieses Exil sei ein Mythos. Wie kommen Sie darauf?
Im Jahr 200 wurde in Judäa – zuerst in Yavne und danach in Zipori – das wichtigste jüdische Werk nach der Bibel verfasst, die Mischna. Dieses Gesetzeswerk bildete die Grundlage für das Judentum in den nächsten 1.800 Jahren. Wie wäre das möglich, wenn das jüdische Volk damals im Exil gewesen wäre?
Im sechsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung wurde nicht das Volk Israel, sondern lediglich dessen Elite nach Babylonien vertrieben. Das große Exil durch die Römer im Jahr 70 fand aber niemals statt. Der Tempel wurde zwar zerstört und viele Juden wurden ermordet, aber es gab keine Aussiedlung. Nach dem dritten Aufstand im Jahr 135 wurde den Juden der Zutritt nach Jerusalem verboten. Das interpretierten die ersten Christen als Verbannung der Juden aus Judäa und trugen somit zur Erfindung des Exils als Strafe bei, die die Juden später übernahmen.

Wann und wie wurde das jüdische Volk »erfunden«?
Als Erster schrieb 1871 der bedeutende jüdische Historiker Heinrich Graetz, ein Deutscher, die Juden seien eine Nation in dem Sinne, wie konservative Deutsche damals die Nation verstanden. Seine elfbändige »Geschichte der Juden von den Anfängen bis auf die Gegenwart« ist das erste moderne umfassende jüdische Geschichtswerk. Graetz war aber nur vage national, weil er die Haltung, dass Juden keine Deutschen sind, nicht konsequent vertrat.

Diese Vorstellung kam aber wohl nicht aus heiterem Himmel.
Zu der Zeit begann das antisemitische Jahrhundert und entstand das deutsche Kaiserreich. Der Judenhass drang in intellektuelle Kreise ein, die die Juden aus der deutschen Nation ausschlossen. Darauf reagierte Graetz. In dem Sinne kann man sagen, dass Treitschke das jüdische Volk erfunden hat. (Der Historiker Heinrich von Treitschke formulierte den Satz »Die Juden sind unser Unglück«, der 1879 den Berliner Antisemitismusstreit auslöste, Anm. d. Red.) Schlimmer als in Deutschland war es in Osteuropa, bei den Ukrainern und Polen. Der Zionismus ist die direkte Folge des Ausschlusses der Juden aus der europäischen Nationenbildung.

Die Juden hatten weltweit die gleichen Gebete und Sehnsüchte nach Zion. Es gab eine gewisse jüdische Autonomie in Polen ab dem 16. Jahrhundert, jüdische Gemeinden kommunizierten miteinander, und es gab in schweren Zeiten, zum Beispiel nach dem Pogrom in Damaskus 1840, eine internationale jüdische Solidarität. Reicht das alles nicht, um als Nation zu gelten?
Vor der Moderne galt der Begriff »Volk« verschiedenartigen Gruppen. Im Mittelalter waren es vor allem Religionsgemeinschaften. In der Moderne verwendet man das Wort für eine Gruppe von Menschen, die gemeinsame säkulare Normen teilt, zum Beispiel Sprache, Musik und Esskultur. Die Juden hatten eine gemeinsame Sehnsucht nach Jerusalem, eine gemeinsame Identität und Solidarität, aber das allein macht noch keine Bevölkerungsgruppe zum Volk.
Wenn die Juden nicht ins Exil vertrieben wurden, woher stammten die Millionen osteuropäischer Juden, die dort vor dem Holocaust lebten?
Die meisten Juden weltweit sind Nachfahren der türkischstämmigen und slawischen Stämme des chasarischen Königreichs in Zentralasien, das im 10. Jahrhundert verschwand. Das Judentum war die erste missionarische Religion im Westen. Ohne diese massenhaften Bekehrungen würden heute noch so viele Juden existieren wie Samariter – rund eintausend. Als die Hasmonäer, eine jüdisch-hellenistische Dynastie, im 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung an die Macht kamen, konvertierten sie die besiegten Völker mit Zwang. Erst mit dem Sieg des Christentums im 4. Jahrhundert, 600 Jahre später, verboten die Christen den Juden die Missionstätigkeit, später bestraft der Islam die Konversion zum Judentum mit dem Tod. Daher bekehrten die Juden bis zum 9. Jahrhundert die Chasaren, die außerhalb der christlichen und muslimischen Einflussbereiche lebten.

Ihr Buch löste unter israelischen Historikern heftige Reaktionen aus. Ein Publizist schrieb sogar, dass Sie einen »akademischen Dschihad« mit dem Ziel betreiben, den Staat Israel als Heimat der Juden abzuschaffen. Könnte Ihre These, wonach die Juden nicht aus Judäa stammen, das Recht der Juden auf Israel infrage stellen?
Nein, denn wir haben ohnehin kein Recht auf dieses Land. Auch wenn der britische Außenminister Arthur Balfour uns das 1917 versprach, selbst wenn unsere Vorfahren hier vor 2.000 Jahren gelebt hätten und das Volk Israel tatsächlich ins Exil vertrieben worden wäre, waren sie abwesend und die Araber lebten hier seit 700 Jahren. Israel hat sehr wohl das Existenzrecht, weil es existiert, und jeder Versuch, dies zu ändern, wird eine neue Tragödie auslösen.

Sie haben mit 13 Ihre Barmizwa nicht religiös gefeiert, heirateten zivil in Paris und waren jahrelang Aktivist einer sozialistischen und antizionistischen Gruppe. Wie kommen Sie in Israel zurecht?
Als Israeli habe ich Schwierigkeiten mit der Religion, weil sie nicht vom Staat getrennt ist. Ich respektiere gläubige Juden, solange sie andere nicht einschränken. Die Religion soll eine private Angelegenheit sein. Ich habe tiefen Respekt für die jüdische Religion, weil sie feindselige Zivilisa- tionen, die sie bekämpfte, überlebte – und für meine Vorfahren, die um jeden Preis jüdisch bleiben wollten, weil sie glaubten, dass sie dem auserwählten Volk angehörten.

Sie plädieren aber dafür, dass Israel kein jüdischer Staat mehr sein soll?
Ich will, dass wir das »Rückkehrrecht« für Juden abschaffen. Israel soll nur noch Juden Schutz bieten, die wegen ihrer Religion verfolgt werden, und aufhören, der Staat aller Juden der Welt zu sein. Israel soll Staat aller Israelis sein – Juden wie Araber. Die jetzige Definition als jüdischer Staat verursacht die Entfremdung der israelischen Palästinenser, die sich ausgegrenzt fühlen – das sehe ich bei manchen Studenten. Und diese wird in zehn Jahren zu einem Aufstand in Galiläa, wo die Juden eine Minderheit sind, und später zur Zerstörung Israels führen.

Das Gespräche führte Igal Avidan

Amulette

Erfurter Ausstellung zeigt israelische Kunst

Die Galerie Waidspeicher zeigt Werke israelischer Künstlerinnen und 555 Hamsa-Amulette aus Jerusalem. Das Motiv der Hamsa in Form einer geöffneten Hand ist im Judentum, im Islam und im Christentum gebräuchlich

von Matthias Thüsing  10.03.2026

München

Ermittlungen zu Nazi-Parole gegen Fleischhauer eingestellt

Der Kolumnist bedient sich bei einem Podcast eines Slogans der Nationalsozialisten, um damit den AfD-Nachwuchs zu kritisieren. Deshalb wird gegen ihn ermittelt - jedoch nicht besonders lang

 10.03.2026

TV-Tipp

Die Puppe mit dem Hitlergruß: Das turbulente Leben der Unternehmerin Käthe Kruse

»Ich kauf‘ Euch keine Puppen - macht Euch selber welche!« Max Kruses junge Geliebte nahm diese brüske Absage wortwörtlich und wurde berühmt. Arte zeichnet die bewegte Biografie von Käthe Kruse nach

von Manfred Riepe  10.03.2026

New York

Ben Stiller: »Krieg ist kein Film«

Immer wieder nutzt die US-Regierung bekanntes Film- oder Musikmaterial für eigene Videoclips - wohl ohne zu fragen. Jetzt beschwert sich deswegen Schauspieler Ben Stiller

 10.03.2026

Comedy

Streichelzoo mit Fischen

Die Serie »JoJo & Simha: Exploring Berlin3000« erzählt auf Social Media von drei tollpatschigen jüdischen Handwerkern der Zukunft

von Pascal Beck  09.03.2026

Women’s Asian Cup

Trump fordert von Australien Asyl für iranische Fußballerinnen

Die Spielerinnen hatten sich vor dem Anstoß im Robina Stadium geweigert, die iranische Nationalhymne zu singen

 09.03.2026

Magdeburg

Auftakt für jüdische Kultur in Sachsen-Anhalt

Ministerpräsident Sven Schulze betonte als Schirmherr die Bedeutung der Kulturtage als klares Signal der Solidarität mit Jüdinnen und Juden in Sachsen-Anhalt

 09.03.2026

Sprache

»Wat willste?«

Die Autorin Lea Streisand hat ein Buch über den vielleicht schönsten Dialekt des Deutschen geschrieben, das Berlinerische. Ein Besuch zwischen »ick«, »icke« und »dufte«

von Katrin Richter  08.03.2026

Berlin/Los Angeles

Weimer lädt Chalamet in die Oper ein: »Kann mal daneben liegen«

Interessiert sich wirklich niemand mehr für Oper und Ballett? So findet es zumindest »Marty Supreme«-Star Timothée Chalamet. Wie der Kulturstaatsminister den Oscar-Anwärter umstimmen will

 08.03.2026