Wuligers Woche

Wiener Schmäh

Sehr österreichisch: das Kaffeehaus Foto: Thinkstock

Seit ich vergangenen Samstag die »Süddeutsche Zeitung« gelesen habe, bin ich etwas verwirrt. Schuld ist ein Interview mit Eva Menasse. Die in Berlin lebende österreichische Schriftstellerin erklärte in dem Gespräch unter anderem, wo sie den Unterschied zwischen österreichischen und deutschen Juden sieht: »Bevor ich nach Deutschland kam, war mir überhaupt nicht bewusst, dass es konservative Juden gibt, die CDU wählen. In Österreich sind fast alle Juden links. Jude sein und aufgeklärt sein und aufmüpfig sein und nicht konservativ sein, war immer eins.«

Kreisler Nun kenne ich mich in Österreich nicht sehr gut aus. Mit den dortigen Juden sowieso nicht. Geläufig sind mir nur drei: Georg Kreisler, Simon Wiesenthal und Friedrich Torberg, alle mittlerweile leider verstorben. Kreisler war tatsächlich lange Zeit eher links eingestellt.

In seinen späten Jahren allerdings änderte sich das, angesichts des Antizionismus und Antiamerikanismus der Linken. Wiesenthal war bekennender Anhänger der konservativen Österreichischen Volkspartei (ÖVP). Und Torberg hatte in seinen journalistischen Kolumnen für die Linke nur Hohn und Spott übrig.

Aber vielleicht waren die drei statistische Ausreißer. So wie David Lasar heute. Der vertritt die rechtspopulistische FPÖ als Abgeordneter im Bundesparlament. Noch weiter gebracht hat es vor ihm bei den Rechten Peter Sichrovsky, der Anfang der 2000er-Jahre unter Jörg Haider Generalsekretär der Partei war. Die Juden der Alpenrepublik müssen sich deshalb nicht schämen. Konservative und rechte Juden gibt es überall.

In Margaret Thatchers Regierung saßen mehr jüdische Minister als je zuvor in der Geschichte Großbritanniens. In Frankreich kandidieren Juden für die konservativen Republikaner und einige sogar für den Front National. Auch Donald Trump hat eine Reihe jüdischer Berater und Kabinettsmitglieder. Und in Deutschland haben wir Juden in der CDU und CSU, leider sogar in der AfD.

vielfältig Das ist normal. Genauso wie es normal ist, dass andere Juden sich politisch anders orientieren. Hierzulande sind Juden auch in der Linkspartei aktiv, bei den Grünen, in der SPD und FDP. Ich kenne sogar welche bei den Autonomen und in der stalinistischen DKP.

Es gibt rechte Juden und linke Juden, so wie es dicke und dünne, kluge und dumme, hetero- und homosexuelle, vegane und Fleisch essende Juden gibt. Das ist in Deutschland nicht anders als im Rest der Welt, Österreich eingeschlossen. Aber vielleicht weiß Eva Menasse von den Juden ihrer Heimat so wenig wie von denen hier. Oder sie verwechselt sie mit denen, die sie aus ihrem Wiener Stammbeisl kennt. (Ist es das »Gasthaus Unsinn« im Bezirk Favoriten?)

Das wäre wiederum sehr österreichisch. Ganz wie in dem Kaffeehausgespräch um die vorige Jahrhundertwende, von dem Friedrich Torberg in seiner Anekdotensammlung Die Tante Jolesch erzählt: »Sagen Sie, wie viele Juden gibt es auf der Welt?« – »Um die zehn Millionen.« – »Das kann nicht sein. Alleine hier im Lokal verkehren mehr!«

Reimund Leicht

»Präsenz und Sichtbarkeit verstärken«

Der Leiter des Judaistik-Instituts an der FU Berlin über Herausforderungen auf dem Campus, die vakante zweite Professur und Lehre zu jüdischer Kultur im modernen Israel

von Ayala Goldmann  09.01.2026

Berlin

Dschungelcamp-Kandidatin stichelt gegen Gil Ofarim: »Ganz übel«

Die Teilnahme des jüdischen Musikers sorgt für heftige Reaktionen. Nun wirft ihm auch Kandidatin Belstler-Boettcher Fehlverhalten in der sogenannten Davidstern-Affäre vor

 09.01.2026

Osnabrück

Christian Berkel hat zu viele Bücher

Das Problem: »Wir haben mal versucht, eine alphabetische Ordnung in den Bücherschrank zu bringen, aber mittlerweile liegen die Neuen einfach obenauf«, so der jüdische Autor und Darsteller

 09.01.2026

Berlin

Swing-Konzert nach Hüftoperation

Nur Tage nach dem Eingriff will Andrej Hermlin wieder auf der Bühne sein. Unter anderem steht ein großes Konzert in der Philharmonie an

von Imanuel Marcus  08.01.2026

Trauer

Schöpfer der Todesmarsch-Mahnmale: Hubertus von Pilgrim ist tot

Der Bildhauer Hubertus von Pilgrim ist im Alter von 94 Jahren in Pullach bei München gestorben. Internationale Bekanntheit erlangte er durch sein Mahnmal für die Opfer des Dachauer Todesmarschs vom April 1945

 08.01.2026

Debatte

Gil Ofarim reagiert auf Kritik an Dschungelcamp-Teilnahme

Gil Ofarim sorgt mit dem Einzug ins Dschungelcamp wieder für Wirbel. Nach Boykott-Aufrufen von Fans äußert er sich erstmals selbst

 08.01.2026

Kulturkolumne

Litwaks: Bin ich einer von ihnen?

Kühl, rational, berechnend und skeptisch – so sind sie laut der »YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe«

von Eugen El  08.01.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  08.01.2026

Ausstellung

Saurier, Krieg und Davidsterne

»Bad/Good Jews« von Marat Guelman und Yury Kharchenko in Berlin setzt sich auf beeindruckende Weise mit jüdischer Kunst und Identität auseinander

von Stephen Tree  08.01.2026