Studie

Wenn »Jude« zum Schimpfwort wird

Foto: dpa

Hitlergrüße, Holocaust-Witze, Vernichtungsfantasien gegen Israel: 75 Jahre nach der Schoa ist Antisemitismus an Schulen in Deutschland an der Tagesordnung – allen gesellschaftspolitischen Initiativen und Kampagnen gegen Judenhass zum Trotz.

Zu dieser erschütternden Erkenntnis kommt die Soziologin Julia Bernstein vom Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Frankfurt University of Applied Sciences in ihrem kürzlich erschienenen Band Antisemitismus an Schulen in Deutschland.

PAUSE »›Du Jude‹ ist als Schimpfwort sehr weit verbreitet, im Unterricht und in der Pause fallen Formulierungen wie ›du Judenschwein‹ oder ›du Scheißjude‹«, sagt Bernstein mit Blick auf die von ihr und ihrem Forschungsteam gemachten empirischen Befunde. »Bedrohungen, Stigmatisierung und Gewalt gehören zum Alltag jüdischer Schüler und Lehrer in Deutschland. Das Problem zieht sich dabei durch alle Schulformen, von der Hauptschule bis zum Gymnasium, und betrifft alle gesellschaftlichen Gruppen«, so die Soziologin.

Das Buch basiert im Wesentlichen auf einer im Dezember 2018 von Bernstein veröffentlichten sozialwissenschaftlichen Studie, in der die schwierigen Umstände für jüdische Schüler, Eltern und Lehrer aufgezeigt werden.

Damals hatte die Soziologin 227 Interviews an 171 Schulen im gesamten Bundesgebiet zu der Frage geführt, wie Juden im Bildungsbetrieb Antisemitismus erfahren. Für die aktuelle Untersuchung wurde die Datengrundlage auf insgesamt 251 Interviews erweitert. Damit ist Bernsteins Buch die erste empirisch basierte Untersuchung zum Thema Antisemitismus an deutschen Schulen überhaupt.

HINTERGRÜNDE Ergänzt werden die Ergebnisse aus den Befragungen in dem 616 Seiten starken Band mit wissenschaftlichen Erkenntnissen über gegenwärtige Erscheinungsformen von Antisemitismus, die in historische und theoretische Hintergründe eingebunden werden.

Für eine bessere Übersicht gliedert Bernstein den empirischen Teil mit den wissenschaftlichen Befunden in drei wesentliche Problemschwerpunkte. Hierfür unterscheidet sie die Bereiche israelbezogener Antisemitismus, Antisemitismus und Rassismus sowie Nazisymbolik und eine vom Nationalsozialismus geprägte Rhetorik unter Schülern, die sie als »Echos aus der Nazizeit« bezeichnet.

»Das Ausmaß, in dem in den von uns gemachten Interviews von Hitlergrüßen, Hakenkreuzen und Holocaust-Witzen berichtet wurde, hat mich überrascht. Da hat eine Enttabuisierung, eine Enthemmung stattgefunden.«

GRUPPEN Im Vergleich der Schülerperspektive mit der der Lehrer könne man den Eindruck bekommen, die beiden Gruppen würden in den Gesprächen von unterschiedlichen Orten berichten. »Wir haben in unserer Untersuchung festgestellt, dass viele Lehrkräfte in allen drei von uns analysierten Problemschwerpunkten gar nicht oder nur unzureichend auf antisemitische Vorfälle reagieren.« Das liege entweder an Ignoranz dem Thema gegenüber oder daran, dass die Lehrer juden- und israelfeindliche Handlungen nicht als solche erkennen könnten.

»Die Mehrheit der Lehrkräfte hat während ihrer Ausbildung nie den professionellen Umgang mit Antisemitismus gelernt, und etwaige Fortbildungen und Workshops dazu sind in aller Regel freiwillig.« Um bei mehr Lehrern ein Problembewusstsein zu schaffen, hat Bernstein ein Kapitel mit Selbsttests in Quizform und konkreten Handlungsempfehlungen für pädagogische Fachkräfte eingebaut. Die Autorin stellt in diesem Abschnitt Arbeitsmaterialen zur Verfügung und nennt positive Beispiele für den Umgang mit antisemitischen Vorfällen im Klassenzimmer.

Auch werden Organisationen und Anlaufstellen genannt, an die sich Lehrkräfte im Fall von antisemitischen Vorkommnissen wenden können. »Durch konkrete Praxisbeispiele wünsche ich mir, dass es den Lehrkräften in der Zukunft stärker gelingt, die Perspektive der jüdischen Betroffenen ein Stück weit nachzuempfinden«, sagt Bernstein. »Wenn wir das Phänomen Antisemitismus an den Schulen wirksam bekämpfen wollen, kommen wir gar nicht darum herum, die Lehrkräfte in diesem Bereich zu sensibilisieren und zum Eingreifen zu bewegen.« Es dürfe nicht sein, dass eine angehende pädagogische Fachkraft ihr Lehramtsstudium machen könne, ohne einen Kurs in diskriminierungskritischer Bildungsvermittlung absolviert zu haben.

PRAXIS Der Autorin ist dabei bewusst, wie schwer sich diese Forderung in der Praxis umsetzen lässt. Zum einen zwingt der Lehrermangel in Deutschland die Universitäten zu verkürzten und möglichst schnell absolvierten Lehramtsstudiengängen. Zum anderen bringt die hohe Zahl von Quereinsteigern in den Lehrerberuf eine neue Herausforderung mit sich, absolvieren diese in den meisten Bundesländern doch lediglich einen »Crashkurs Pädagogik«, in dem für die Sensibilisierung gegenüber Antisemitismus und anderen Formen der Diskriminierung keine Zeit ist.
Man kann sich nur wünschen, dass viele Lehrkräfte einen Blick in das Buch hineinwerfen werden. Denn was passiert, wenn das Problem nicht nachhaltig angegangen wird, zeigt das Beispiel Frankreich.

Einem Bericht der »Times of Israel« zufolge besuchte dort im Jahr 2016 nur noch ein Drittel aller jüdischen Kinder und Jugendlichen öffentliche Schulen. Für den Großraum Paris, in dem mit rund 350.000 Menschen die Mehrheit der französischen Juden lebt, ist die Lage noch gravierender: Dort besuchte praktisch kein jüdischer Schüler mehr eine öffentliche Schule aus Furcht vor antisemitischen Übergriffen.

Julia Bernstein: »Antisemitismus an Schulen in Deutschland. Befunde – Analysen – Handlungsoptionen«. Beltz Juventa, Weinheim 2020, 616 S., 49,95 €

Meinung

Ein Mutmacher in trüben Zeiten

Die Abstimmung für Noam Bettan beim Eurovision Song Contest zeigt, dass sich die Bürger nicht so einfach von israelfeindlicher Propaganda beeinflussen lassen

von Daniel Killy  17.05.2026

Eurovision Song Contest

Als die Zuschauer abstimmten, rutschte Noam Bettan deutlich nach oben

Das Zuschauervoting mit einer Abstimmung für Israels Ansehen zu verwechseln, wäre ein Fehler. Aber es sagt etwas über ESC-Fans

von Martin Krauss  17.05.2026

Aufgegabelt

Mocktail: Tel Aviv Spritz

Rezepte und Leckeres

 17.05.2026

Wien

Israel holt zweiten Platz beim Eurovision Song Contest

Bulgarien konnte den Gesangswettbewerb für sich entscheiden. Noam Bettan holte trotz des Boykotts mehrerer Länder den zweiten Platz

 17.05.2026

Stuttgart

Startschuss für die Jewrovision

Der jüdische Jugend-Musikwettbewerb hat begonnen. In der baden-württembergischen Landeshauptstadt treten heute 13 Teams aus ganz Deutschland auf

von Joshua Schultheis  15.05.2026 Aktualisiert

Jewrovision 2026

Die Nervosität steigt …

Schon bald gehen die Scheinwerfer an und 600 jüdische Jugendliche aus ganz Deutschland werden ihre Showacts zum Besten geben

von Nicole Dreyfus  15.05.2026

Kino

»Palästina 36«

In ihrer Doku geht die palästinensische Regisseurin Annemarie Jacir fahrlässig mit einem historischen Thema um

von Ralf Balke  15.05.2026

Gesangswettbewerb

ESC: Ein bisschen Aufregung in Wien

In Wien sollen Kaffeehäuser Patenschaften für die Teilnehmerländer übernehmen, doch ausgerechnet für Israel fand sich keines bereit

von Martin Krauss  15.05.2026

Wien

ESC-Finale: Noam Bettan tritt als Dritter auf

Unter ESC-Beobachtern gilt ein früher Startplatz traditionell als möglicher Nachteil im Rennen um den Sieg

 15.05.2026