Medizin

Wehen statt Wechseljahre

Statistiken belegen, dass Frauen bei der ersten Geburt heute immer älter sind als früher. Foto: Getty Images/iStockphoto

Die Rekordhalterin ist ultraorthodox, stammt aus Bnei Brak und will anonym bleiben. Im Alter von 65 Jahren brachte sie 2015 in der 35. Schwangerschaftswoche durch Kaiserschnitt ein kerngesundes Baby zur Welt. Knapp 2,7 Kilo wog der Junge, der dank künstlicher Befruchtung und Eizellspende zustande kam. »Und meines Wissens handelte es sich dabei um die älteste Frau, die jemals in Israel Mutter wurde«, erklärte Tal Biron, Leiter der Geburtsabteilung des Meir-Krankenhauses in Kfar Saba, der sie betreut hatte, der israelischen Presse.

»Zudem ist es extrem selten, dass eine Schwangerschaft in so einem Fall gut endet. Deshalb wollen wir auch gar nicht erst die Vorstellung aufkommen lassen, dass Kinderkriegen in einem derart fortgeschrittenen Alter eine gute Idee sein könnte«, betont der Gynäkologe. »Ganz im Gegenteil!«

Die Rekordhalterin ist ultraorthodox und brachte im Alter von 65 Jahren in der 35. Schwangerschaftswoche durch Kaiserschnitt ein kerngesundes Baby zur Welt.

Von Schwangerschaftsdiabetes über Bluthochdruck bis hin zu Frühgeburten – die Risiken steigen mit der Zahl der Lebensjahre. Aus diesem Grund sind in Israel künstliche Befruchtung und der Einsatz von Eizellspenden auch nur bis zum Alter von 54 gesetzlich erlaubt. Aber die Frau in Bnei Brak hatte all diese Prozeduren im Ausland über sich ergehen lassen. »In der zwölften Schwangerschaftswoche kam sie dann zu mir«, so Biron. »Es war klar, dass sie trotz ihres Alters nie den Traum aufgegeben hatte, Mutter zu werden. Und mein Job dabei war es nun, ungeachtet aller ethischen Fragen, die sich ohne Zweifel dabei ergeben, ihr und dem Baby zu helfen.«

KOMPLIKATIONEN Die Medien der Charedim feierten das Ganze als ein »Wunder«. Dabei mag es in der Tat ein Sonderfall sein, wenn eine 65-Jährige entbindet, und das auch noch ohne größere Komplikationen. Dass aber Frauen bei der Geburt immer älter werden, das belegen die Statistiken. Selbst im Alter von über 50 ist es keine Seltenheit mehr, ein Kind zu bekommen. Laut dem National Center of Health Statistics hat sich beispielsweise in den Vereinigten Staaten die Zahl der Babys von solchen Müttern in den vergangenen 20 Jahren mehr als verfünffacht: von 144 auf 786. In Deutschland gab es eine ähnliche Entwicklung. 2015 zählte das Statistische Bundesamt insgesamt 134 Geburten von Müttern in der Altersgruppe von 50 plus – im Jahr 2000 waren es nur 23.

Auch in Israel, das laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mit 3,11 Kindern pro Frau die höchste Fruchtbarkeitsrate der westlichen Welt aufweist, sind Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes deutlich älter als früher. Lag das Durchschnittsalter im Jahr 2000 noch bei 25,7 Jahren, stieg es bis 2016 auf 27,6 Jahre. Und rund 1300 Frauen waren 2017 älter als 45, als sie ein Kind auf die Welt brachten, einige davon sogar über 50. Zum Vergleich: Nur vier Jahre früher waren es insgesamt nur 950 Frauen.

Von Schwangerschaftsdiabetes über Bluthochdruck bis hin zu Frühgeburten – die Risiken steigen mit der Zahl der Lebensjahre.

Gerne werden auch Promis mit über 50 Jahren noch einmal Mutter. Während man bei der Sängerin Janet Jackson weiterhin darüber spekuliert, ob ihr Sohn durch künstliche Befruchtung zustande kam, ging das Ganze bei der Rockröhre Gianna Nannini und der TV-Moderatorin Caroline Beil wohl ohne medizinische Nachhilfe über die Bühne.

GESUNDHEIT Spätes Babyglück ist für die meisten Frauen aber zunächst einmal eine Überraschung, weil sie oft im Glauben waren, das Thema Fruchtbarkeit sei für sie Geschichte. Doch egal, ob geplant oder nicht – wer in diesem Alter Mutter werden sollte, für den hat Eyal Shiner von der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva jetzt gute Nachrichten. »Wir haben herausgefunden, dass 50 das neue 40 ist, wenn es um Geburten geht«, so der Gynäkologe und Autor einer Studie, die jetzt weltweit Schlagzeilen machte.

Er und sein Team hatten die Daten von 242.771 Schwangerschaften ausgewertet. Dabei verglichen sie die Angaben über den Gesundheitszustand von 68 Frauen, die zur Hälfte durch künstliche Befruchtung und zur Hälfte auf natürliche Weise schwanger wurden, mit denen von 558 Frauen, die im Alter zwischen 45 und 50 ein Kind bekommen hatten, sowie 7321 Frauen, die im Alter von 40 bis 45 schwanger wurden, und 240.000 Frauen, die jünger als 40 waren, als sie in den Kreißsaal geschoben wurden.

»Was Geburten betrifft, ist 50 das neue 40«, sagt ein Gynäkologe.

LEBENSSTIL Wie zu erwarten stiegen die Gesundheitsrisiken für Frauen ab dem Alter von rund 40 Jahren. »Was uns aber sehr wohl überrascht hatte, war die Tatsache, dass es in der Altersgruppe von 50 plus so gut wie keine Unterschiede gab zu der zwischen 40 und 50«, so Shiner. Natürlich ist es günstiger, seinen Kinderwunsch in jüngeren Jahren zu verwirklichen, betont der Mediziner. Auch sei der Lebensstil nicht ohne Auswirkungen auf die Gesundheit von Mutter und Kind. Dennoch würde der Trend gerade bei besser gebildeten Frauen eher dahin gehen, dass sie bei der Geburt des ersten Kindes immer älter werden. Das gilt für Israel genauso wie für die meisten anderen entwickelten Industrienationen.

Hinzu kommt noch der erhöhte gesellschaftliche Erwartungsdruck im jüdischen Staat, eine Familie zu gründen. »All das wird dazu führen, dass wir als Mediziner in Zukunft vermehrt mit dem Phänomen der sehr späten Schwangerschaft konfrontiert werden«, glaubt der Gynäkologe. Doch auch wenn der Experte betont, dass das Kinderkriegen bei über 50-jährigen Frauen nicht als Drama betrachtet werden sollte, so verliert eine Grundregel nicht an Gültigkeit: »Jede Schwangerschaft im Alter von über 40 bleibt eine Hochrisikoschwangerschaft.«

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  13.04.2026

Berlin

Auschwitz-Überlebende fordern Konzertverbote für Kanye West

Kanye Wests geplante Shows in Polen und Italien sorgen für Empörung. Holocaust-Überlebende fordern von Regierungen und Veranstaltern ein klares Signal - wie zuletzt aus Großbritannien

 11.04.2026

Essay

Zwischen Räumen

Wenn der Maler Navot Miller im Flugzeug sitzt, ist er in einer Welt, die ihn für eine kurze Zeit vor der Schwere der Realität schützt. Gedanken von unterwegs

von Navot Miller  10.04.2026

Iran-Krieg

Europa darf Israel nicht im Stich lassen

Während die USA und Israel der Bedrohung durch das Mullah-Regime militärisch begegneten, standen die Europäer an der Seitenlinie und übten Kritik. Die nun herrschende Feuerpause gibt ihnen Gelegenheit, ihre Haltung zu überdenken

von Rafael Seligmann  10.04.2026

Netflix-Dokumentation

Der Mann, der die Chili Peppers Red Hot machte

Man kann ohne weiteres behaupten, dass die Rockwelt ohne Hillel Slovak weniger bunt wäre. Eine Streaming-Doku hat dem in Israel geborenen ersten Gitarristen der Chili Peppers ein Denkmal gesetzt

von Richard Blättel  07.04.2026

Antisemitismus

London verweigert US-Skandalrapper Kanye West die Einreise

US-Skandalrapper Kanye West darf nach seinen antisemitischen und rassistischen Aussagen nicht nach Großbritannien reisen. Das hat auch gravierende Auswirkungen auf das mit ihm geplante Festival

 07.04.2026

Weltglücksbericht

Israelis und die Freude am Leben

Trotz Kriegen und Terror landet der jüdische Staat weit vorn auf Platz 8. Die Forscherin Anat Fanti erklärt, warum

von Sabine Brandes  06.04.2026

Jazz

Omer Klein: »The Poetics«

Der israelische Pianist hat ein neues Album veröffentlicht. Es ist ein analoges Klangerlebnis, das innere und äußere Räume weit öffnet

von Ayala Goldmann  06.04.2026

Iryna Fingerova

»Man darf Kulturen nicht vergleichen«

Die Schriftstellerin und Ärztin über die Folgen einer Emigration, ihr Verhältnis zur Ukraine und das Leben als Jüdin in Deutschland – allesamt auch Themen ihres Romans »Zugwind«

von Maria Ossowski  05.04.2026