Israel-Museum

Was für Typen

Elieser Ben-Jehuda, der Vater des modernen Hebräisch, ist jedem ein Begriff, der Iwrit gelernt hat. Das Gegenteil gilt für die Schriftgestalter: Wem sagen schon die Namen Moshe Spitzer, Franzisca Baruch und Henri Friedlaender etwas? Eine Ausstellung im Israel-Museum in Jerusalem holt die drei Designer jetzt aus der Anonymität heraus. Deren Leben und Werk stehen im Mittelpunkt einer Schau, die die Entwicklung der hebräischen Typografie im 20. Jahrhundert vor und nach der Gründung des jüdischen Staates am Beispiel der drei Künstler nachzeichnet. Alle drei hatten ihr Handwerk in Deutschland gelernt, bevor sie emigrierten.

Die Geschichte des Grafikdesigns in Israel muss erst noch geschrieben werden, sagt Ada Wardi, die Gastkuratorin der Ausstellung. Sie selbst macht gerade mit einer Monografie über Moshe Spitzer den Anfang. Bei den Recherchen dazu stieß sie in einem Jerusalemer Keller auf den Nachlass Spitzers, der Kostbarkeiten enthielt: Manuskripte von Martin Buber, Samuel Joseph Agnon, Stefan Zweig und Hermann Hesse. Unter den Briefen fanden sich viele des Verlegers Salman Schocken, für den Spitzer in den 30er-Jahren Bücher in Berlin gestaltet hatte. Schocken war auch das Verbindungsglied zu Baruch und Friedlaender, weshalb sich eine gemeinsame Ausstellung anbot.

»Es geht hier nicht nur um eine historische Rückschau und eine Besinnung auf unsere Wurzeln«, erklärt Wardi, die selbst Grafikerin ist. »Die drei Typografen sind auch heute noch relevant und können uns mit ihrem Werk inspirieren.«

baUHAUS Spitzer, Baruch und Friedlaender hatten Buchgestaltung, Typografie und Grafikdesign nach dem Ersten Weltkrieg in Berlin beziehungsweise Leipzig studiert. Unter dem Einfluss von Expressionismus und Bauhaus waren sie auf der Suche nach zeitgemäßen Schrifttypen für das moderne Hebräisch, dessen Drucklettern sich letztlich immer noch an den mittelalterlichen Handschriften Europas orientierten. Es war ein Riesenproblem, ähnlich aussehende Buchstaben wie Tav und Chet oder Bet und Kaf voneinander zu unterscheiden.

»Stam« und »Schocken«, entworfen von Baruch, sowie »Hadassah« von Friedlaender sind drei der bahnbrechenden Schrifttypen, die bis heute in ihrer Schlichtheit und Eleganz modern wirken. Ein Video in der Ausstellung projiziert die »Hadassah«-Typen in Endlosschleife an die Wand, wobei ein Buchstabe in den nächsten übergeblendet wird, wodurch die organische Einheit der Schrift gut zu erkennen ist. Es überrascht nicht, dass der Perfektionist Friedlaender erst nach fast 30 Jahren zufrieden mit seiner »Hadassah« war, die dann aber auch ein großer Erfolg wurde und ab 1958 breite Verwendung fand.

Die ganz unterschiedlichen Talente und Schwerpunkte ihres jeweiligen Werkes machten es sinnvoll, jedem der Künstler eine eigene Abteilung in der Ausstellung zu widmen. Franzisca Baruch ist die Vielseitigste: Sie illustrierte auch Bücher mit farbenprächtigen Aquarellen, die an den frühen Kandinsky erinnern, zeichnete in der Weimarer Republik im Auftrag des Reichskunstwarts die Schattenbilder für den Film Goethe lebt und entwarf Festdekorationen, bevor sie 1933 vor den Nationalsozialisten nach Palästina flüchtete. Ihre Type »Stam« wurde in den 40er-Jahren die Schrift für offizielle Anlässe in Israel. Von Baruch stammt auch das bis heute verwendete Logo der Zeitung »Haaretz«, und bis in die 80er-Jahre war der Einband der israelischen Reisepässe ihrem Entwurf entlehnt.

insel-verlag Moshe Spitzer, der 1939 aus Berlin nach Jerusalem floh, habe am nachhaltigsten die Buchgestaltung in Israel beeinflusst, erklärt Wardi. Der promovierte Indologe war sein Leben lang mit allen Aspekten des Buchhandwerks, der Lektorierung und Herausgabe befasst. Für seinen eigenen Verlag »Tarshish«, den er 40 Jahre lang in Israel betrieb, diente der Insel-Verlag ästhetisch und verlegerisch als Vorbild. An den über 100 Titeln, die er herausgab, lässt sich aber auch studieren, wie er sich später davon löste. Rilkes Cornett verlegte Spitzer 1952 mit Zeichnungen von Avigdor Aricha in einem überraschend großen Format, offenbar inspiriert durch den Textinhalt und die Illustrationen. Als Schrifttype verwendete er »Schocken« von Franzisca Baruch. Der Besucher kann dank eines Videos wenigstens virtuell durch die Seiten des Buches blättern.

Als »einzigartige Type« bezeichnet Wardi aber »Hadassah«. In der Entwicklungsgeschichte der hebräischen Druckschrift sei mit ihr »ein großer Sprung« gelungen. Ihr Schöpfer Henri Friedlaender, der die deutsche Besatzung Hollands nur überlebte, weil ihn seine niederländische Ehefrau versteckte, ereilte 1950 ein Ruf nach Israel, wo er eine Druckerschule in Jerusalem übernahm. Mit dem Namen für seine Type bedankte er sich bei der gleichnamigen zionistischen Frauenorganisation aus den USA dafür, dass sie ihm die Schulleitung übertragen hatte.

Die Ausstellung wird unterstützt vom Goethe-Institut und dem Literaturarchiv Marbach, das dabei mitwirkt, die Nachlässe von Friedlaender und Baruch im Israel-Museum zu erfassen und zu katalogisieren. Die Zusammenarbeit bot sich an, weil viele der von den Künstlern gestalteten Bücher in Marbach lagern. Unter ihnen befindet sich Else Lasker-Schülers Gedichtband Mein blaues Klavier, den Spitzer 1943 auf Deutsch in Jerusalem verlegte. »Das mitten im Krieg zu tun, war schon sehr mutig«, sagt Wardi.

»New Types. Three Pioneers of Hebrew Graphic Design«. Palevsky Design Pavilion, Israel Museum, Jerusalem. Bis 16. März 2016

Ehrung

Rabbiner Andreas Nachama erhält Berliner Moses-Mendelssohn-Preis         

Er gilt als eine zentrale Figur des jüdischen Lebens in Deutschland: der Rabbiner und Publizist Andreas Nachama. Nun erhält er eine besondere Auszeichnung

von Daniel Zander  31.08.2026

Aufgegabelt

»Back to school«-Müsliriegel mit Tahini

Rezepte und Leckeres

 31.08.2026

Tournee

Graham Gouldmans Band 10cc kommt nach Deutschland

In diesem Monat erobert die legendäre britische Gruppe fünf Bühnen in der Bundesrepublik. In welchen Städten sind Auftritte vorgesehen?

 31.08.2026

Debatte

Börsenverein des Deutschen Buchhandels hält an Israel-Hasserin El Hissy fest

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels weist Vorwürfe gegen die Jurorin Maha El Hissy zurück. Hintergrund ist eine Essayserie der Autorin, wegen der ihr die Verbreitung israelfeindlicher Stereotype vorgeworfen wurde

 31.08.2026

Interview

»Meine Musik soll Herzen öffnen«

Motty Steinmetz ist in der orthodoxen Welt ein Superstar. Sein Großvater überlebte Auschwitz, nun tritt er zum ersten Mal in Deutschland auf. Wir haben mit dem chassidischen Sänger gesprochen

von Jan Feldmann, Mascha Malburg  31.08.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Es war der Sommer 1987, und fast immer sah ich »Dirty Dancing«

von Margalit Edelstein  30.08.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  30.08.2026

Hessen

Antisemitismusbeauftragter kritisiert Berufung von Maha El Hissy in Jury des Deutschen Buchpreises

Uwe Becker charakterisiert die Literaturkritikerin als »Multiplikatorin israelfeindlicher Stereotype« und hofft auf ihre Abberufung

 30.08.2026

70 Jahre »Bravo«

Dr. Sommers Vermächtnis

Von 1969 bis 1984 war der Arzt Martin Goldstein »Dr. Sommer«, einer der wohl berühmtesten Ratgeber, den der deutsche Journalismus je hatte

von Hanna Persson  28.08.2026