Geburtstag

Überlebt dank Chopin

Masal Tow, Alice Herz-Sommer! Foto: dpa

Ihre Gäste empfängt Alice Herz-Sommer schon auf der Straße, viele Meter vor der Tür ihres Londoner Apartments, damit sie auch den Weg finden. In Trippelschritten, den Oberkörper gerade, marschiert die 1,52 Meter kleine Frau in blauer Strickjacke und weißen Nike-Turnschuhen neben den Besuchern her und breitet die Arme zu einem Halbkreis aus: »So hat uns damals Franz Kafka bei der Hand genommen, meine Schwester links, mich rechts, und ist mit uns spazieren gegangen«, erzählt sie fröhlich auf Deutsch, ihrer Muttersprache. In Prag war das, vor mehr als 90 Jahren.

Als Alice Herz-Sommer am Dienstag, den 26. November, ihren 110. Geburtstag feierte, riefen sicherlich wieder viele Journalisten an und fragten nach Kafka. Geduldig hat sie dann von diesem so speziellen wie schüchternen Freund ihrer Familie erzählt, von Freibadbesuchen mit dem berühmten Prager Autor, der alles stets genau beobachtete, »mit seinen großen Rehaugen«.

wunderkind Als Alice Herz 1903 geboren wird, gehört ihre Heimatstadt Prag zum Habsburgerreich. Als der Erste Weltkrieg 1918 zu Ende geht, spielt sie bereits seit zehn Jahren Klavier. Die Eltern sind Industrielle, sie gehören zum gebildeten deutschsprachigen jüdischen Bürgertum Prags. Die Wiener und Prager Kulturszene ist häufig bei Familie Herz zu Gast: Gustav Mahler, Franz Werfel, Max Brod, Franz Kafka.

1930 ist Alice Herz eine international gefeierte Pianistin. 1931 heiratet sie Leopold Sommer, 1937 kommt ihr Sohn Raphael zur Welt. Zwei Jahre später marschieren die Deutschen ein. Sie entziehen den Herz-Sommers, wie allen Juden, nach und nach sämtliche Rechte: zu leben, wie sie wollen, zu leben, wo sie wollen, und schließlich überhaupt zu leben. Im Juli 1942 wird die 72-jährige Mutter zur Deportation abgeholt, eine alte, kranke Frau. Wer kann jetzt noch helfen? Alice gibt selbst die Antwort: »Nicht der Mann, nicht das Kind. Nur du selbst. Und im selben Moment: die 24 Etüden von Chopin.« Fortan übt sie daheim, stundenlang. Sie lernt die Stücke alle auswendig, etwas, was zu dieser Zeit nicht einmal Artur Rubinstein konnte, wie die Pianistin stolz vermerkt.

theresienstadt 1943 werden die Herz-Sommers mit ihrem Sohn nach Theresienstadt deportiert. Theresienstadt ist ein Vorzeigelager der Nazis, um die internationale Öffentlichkeit über das tatsächliche Schicksal der Juden zu täuschen. Zur Mimikry gehört auch ein aufwendiges Kulturprogramm. Europaweit bekannte jüdische Musiker zählen zu den Gefangenen, geben Abend für Abend Konzerte. Für Alice Herz-Sommer ist das die Überlebenschance. Mehr als 100 Konzerte gibt sie, die meisten spielt sie auswendig. Ihr gefeiertstes Programm sind die Chopin-Etüden, die sie insgesamt zehnmal aufführt, bis zur Befreiung von Theresienstadt im Mai 1945.

1947 emigriert Alice Herz-Sommer nach Israel, wo sie 37 Jahre lebt. Ihr Sohn Raphael tritt in ihre Fußstapfen, wird wie sie Musiker, ein berühmter Cellist. Er geht nach London, sie folgt ihm. Als sie 90 ist, beschließt sie, endlich sesshaft zu werden. Seither lebt sie in ihrem kleinen Londoner Apartment, geht dreimal am Tag spazieren, spielt täglich Klavier.

optimismus Was ist das Geheimnis ihrer Langlebigkeit? »Die Gene«, sagt Herz-Sommer zuerst, korrigiert sich dann, »der Optimismus. Meine Zwillingsschwester Mizzi war absolut das Gegenteil von mir, sehr ängstlich und so pessimistisch, dass ich dankbar war, als sie mit 70 gestorben ist. Sie konnte nicht genießen.«

Alice Herz-Sommer kann das, auch mit demnächst 110 Jahren. Sie setzt sich an ihr altes Klavier, spielt Schubert mit acht Fingern – die Zeigefinger wollen nicht mehr so recht. Von einem Gemälde neben dem Klavier schaut ihr Sohn Raphael ihr zu. Er ist 2001 gestorben, im Alter von 64 Jahren. »Wenn eine Mutter das überlebt, brauche ich von meiner inneren Stärke nicht mehr viel zu erzählen«, sagt Alice Herz-Sommer und fügt hinzu. »Ich habe ein wunderbares Leben.«

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