Wissenschaft

Streit der Gelehrten

Erhält den »Sonderpreis für herausragende Kommunikation der Wissenschaft in der Covid-19-Pandemie«: Virologe Christian Drosten Foto: imago images/IPON

Das Coronavirus wirft nach wie vor viele Fragen auf: Was nützen Gesichtsmasken, wie gefährlich sind Aerosole, was sagt uns der R-Wert, wie steht es um die Infektionen bei Kindern? Dass diese Fragen fundiert besprochen und teils auch beantwortet werden, ist hoch qualifizierten Wissenschaftlern zu verdanken, Virologen und Epidemiologen, um die uns viele in der Welt beneiden.

Doch irritiert verfolgt die Öffentlichkeit, wie namhafte Experten ih­re gelegentlich höchst unterschiedlichen Meinungen in Zeitungen und TV-Talkshows präsentieren, sich dabei auch innerhalb von Tagen und Wochen selbst revidieren und gelegentlich anderen Experten heftig widersprechen. Da fallen dann auch mal Sätze wie: »Was der Kollege geäußert hat, halte ich zum Teil für gefährlich.« Google führt über 100.000 Suchergebnisse unter dem Stichwort »Epidemiologenstreit« auf.

intensität Wann hat es so etwas schon einmal gegeben? Und dann gleich in dieser Intensität? Wir sind es gewohnt, dass zum Beispiel auch in ökonomischen Fragen hart gerungen wird. Die selbstbewussten Wirtschaftsweisen vertreten andere Standpunkte als zum Beispiel das Kieler Institut für Weltwirtschaft. Der Tonfall? Gemäßigt. Auch aus anderen Fakultäten hört man kein lautes Türenknallen.

Wir sind es gewohnt, dass zum Beispiel auch in ökonomischen Fragen hart gerungen wird.

Ein Grund mag im plötzlichen Anstieg der Popularität der Wissenschaftler liegen. »Epidemiologie« ist zwar immer noch ein Wort, bei dem man jeden Buchstaben überprüfen muss, ob er an der richtigen Stelle steht. Doch beraten diese Experten nun die Regierungsspitzen; alles hört auf ihren Rat. Da ist es verständlich, wenn dieser Bedeutungszuwachs zu Nebenwirkungen führt, die nur allzu menschlich sind.

Die »Zeit« berichtete kürzlich über die »Expertise-Falle« und zitierte dabei einen schwedischen Wissenschaftler, der die Selbstüberschätzung von Fachleuten erforscht. Und in der gleichen Ausgabe der Wochenzeitung erschien »ein Warnruf« von Thea Dorn: »Nicht predigen sollt ihr, sondern forschen!« Sie meint, Wissenschaftler hätten durch Zweifel zu glänzen, nicht durch Rechthaberei. Bereits in der Klimadebatte hätten sich einige von ihnen zu Ideologen gewandelt, dieses Unheil drohe jetzt auch der Epidemiologie.

»glaubenskrieg« Der »Spiegel« meint bereits, einen »Glaubenskrieg« zu erkennen, und widmete dem Virologen Christian Drosten unter der Überschrift »Verehrt und verhasst« die Titelseite. Das mit dem Glaubenskrieg scheint etwas übertrieben zu sein. Aber auf jeden Fall lohnt ein Blick auf unseren Glauben, unsere Religion, die den Gelehrtenstreit nicht nur kennt, sondern ausdrücklich anstrebt. Nur wird er anders formuliert: »Kinat Sofrim«, die Eifersucht der Gelehrten.

Talmudischer Streit ist auf den Inhalt, nicht auf die Person fokussiert.

Von jeder Art der Eifersucht soll man sich fernhalten, heißt es in jüdischen Erbauungsbüchern. Aber »Kinat Sofrim« wirke sich positiv aus, vergleichbar mit dem gegenseitigen Schärfen zweier Messer: Am Ende schneiden beide besser.

Gleiches galt zum Beispiel auch für die Talmudgelehrten, die sich nichts schenkten. Das gegenseitige Ereifern um die besseren Argumente mündete schließlich im grandiosen Werk des Talmud. Was wird hier gestritten! Jedes Wort wird auf die Waage gelegt. Doch von Animositäten liest man herzlich wenig.

gemeinschaftswerke Man stelle sich nun vor, die jüdischen Gelehrten wären übereinander hergefallen wie dessen Gegner über Christian Drosten. Aus den jüdischen Gemeinschaftswerken, wie dem Schulchan Aruch, wäre nichts geworden.

Für die jüdische Streitkultur stehen Raba und Abbaje, zwei babylonische Amoräer. Die beiden finden sich im Talmud auf fast jeder Seite wieder. Sie sind stets unterschiedlicher Meinung. Der Streit ist aber immer auf den Inhalt, nicht auf die Person fokussiert. Oder ein paar Generationen früher: Hillel und Schammai. Hier ist es die Mischna, die von den enormen Streitigkeiten zwischen den beiden Lehrhäusern lebt. Die Halacha schließlich wird rein objektiv nach dem Mehrheitsprinzip festgelegt.

Immer wieder taucht die Frage auf, wie das Judentum im Laufe der Jahrhunderte die gegensätzlichen Meinungen aushielt.

Immer wieder taucht die Frage auf, wie das Judentum im Laufe der Jahrhunderte die gegensätzlichen Meinungen aushielt. Wie war es möglich, dass die Klammer stets breit genug war für die Dispute zwischen Aschkenasim und Sefardim, Chassidim und Mitnagdim, Charedim und Nationalreligiösen? Warum gab es im Judentum nie eine Trennung wie zwischen Katholiken und Protestanten, Schiiten und Sunniten?

aphorismus Die Antwort liegt in einem Aphorismus begründet, der natürlich mehr ist als nur ein Sinnspruch. »Se wese Diwre Elokim Chaim«: Diese und diese Meinung entsprechen beide dem göttlichen Wort. Gott verhält sich zu divergierenden Meinungen wahrscheinlich toleranter, als wir uns das vorstellen.

Das Judentum mahnt seine führenden Schriftgelehrten nicht nur zur Toleranz gegenüber anderen Meinungen, auch in der Spiritualität, im Gebet, wird Einigkeit verlangt. So darf der Vorbeter in einer Gemeinde nicht mit den anderen Betenden zerstritten sein.

Übertragen auf den Gelehrtenstreit der Epidemiologen: Streitet euch, aber benehmt euch anständig in der Öffentlichkeit. Keilt nicht aus, sucht gemeinsam nach Lösungen und übt euch in Demut. Und für die Zuschauer gilt: Richtet euch nach der Mehrheit der Wissenschaftler. Nicht nach Quer- oder Schaumschlägern. Auch wenn die am lautesten sind.

Der Autor ist Journalist in der Schweiz.

Programm

100 Synagogen, zwei Chemnitzer und ein Eis am Stiel: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 16. Juli bis zum 23. Juli

 15.07.2026

David Baddiel

»Inzwischen kann man Messi in den Griff bekommen«

Der britische Autor über das Halbfinale England vs Argentinien, seinen legendären Fußball-Song »Three Lions« und warum er immer noch glaubt, dass England gegen Argentinien gewinnen wird

von Katrin Richter  15.07.2026

Interview

»Musik ist meine Heimat«

Die Sängerin Anna Margolina über Jazz, jiddische Lyrik und ihr Judentum

von Alicia Rust  14.07.2026

Medien

Wechsel im ARD-Studio Tel Aviv: Sophie von der Tann wird abgelöst

Während der BR seine Korrespondentin in höchsten Tönen lobt, wurde extern immer wieder heftige Kritik geübt. Von der Tanns Nachfolgerin in Israel ist Pia-Marie Steckelbach

 14.07.2026

Kommentar

Wenn Studenten wieder anfangen, Juden auszugrenzen

Es sind Beschlüsse wie der Boykott-Beschluss des Studierendenparlaments der Humboldt-Uni, bei denen man sich unwillkürlich fragt, ob die zukünftige sogenannte deutsche Bildungselite noch zu retten ist

von Leeor Engländer  14.07.2026

München

Bayerns 180-Grad-Restitutionswende

Der Freistaat hat sich entschieden, eine Bronze von Picasso zurückzugeben und dabei gleich seinen Umgang mit NS-Raubkunst zu reformieren

von Michael Thaidigsmann  14.07.2026

London

Sacha Baron Cohen als »Ali G« in Wimbledon

Der britische Komiker und Schauspieler hat viele Gesichter. Eine Kunstfigur erscheint plötzlich beim Tennis

 14.07.2026

Sehen!

»In the Hand of Dante«

Die Handlung springt zwischen den Jahrhunderten hin und her. Trotzdem ist der Film mit Gal Gadot und Oscar Isaac ein gelungenes Werk

von Katrin Richter  13.07.2026 Aktualisiert

Paris

»Die Isolation Israels ist ein historisches moralisches Versagen«

»Es ist ein dunkler Moment für Juden auf der ganzen Welt«, sagt der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy. »Wir müssen stolz, stark und weise sein.«

 13.07.2026