Kommunikation

Sensibilität für Wort und Bild

Kommunikation

Sensibilität für Wort und Bild

Ein Essay von Julia Bernstein bespricht alt-neue Gefahren in der Sprache aus jüdischer Sicht

von Olaf Glöckner  28.06.2023 07:47 Uhr

Sprache dient uns nicht nur zur (Alltags-)Kommunikation, sie kann ebenso emotionalisieren, mobilisieren – und diskriminieren. Was geschieht, wenn ein und dieselben Formulierungen unterschiedlichste Assoziationen wecken, den einen banal-unterhaltsam erscheinen, den anderen aber Ausgrenzung oder Anfeindung signalisieren?

Dieser schizoiden, letztlich aber gefährlichen Konstellation geht die Soziologin und Antisemitismusforscherin Julia Bernstein in ihrem neuesten Buch Zerspiegelte Welten. Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus und Sprache in Bezug auf Deutschland nach.
Der Fachwelt vor allem bekannt als Expertin für Antisemitismus an Schulen, legt Bernstein nun einen recht persönlich gehaltenen Essay vor, als Anregung zum Nachdenken für Juden und Nichtjuden. Doch berührt ihre Analyse auch das unerforschte Feld des latenten Antisemitismus, der bisher noch tief unter dem Radar bisheriger Definitionen und Erkennungsmuster segelt.

Unsicherheit Anknüpfend an Monika Schwarz-Friesels Essay Toxische Sprache und geistige Gewalt (2022), skizziert Bernstein heutige Mechanismen antisemitischer Dämonisierung und Abwertung, erweitert den Blick zugleich auf im Alltag fortwirkende Lexeme aus der NS-Zeit und auf sprachliche Verbiegungen, die sich aus einer grundsätzlichen Unsicherheit gegenüber jüdischen Themen und Personen ergeben.
»Zerspiegelung« bedeutet insofern nicht nur unterschiedliche Sichten auf die Welt und das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden in Deutschland, sondern auch eine fortwährende Distanz und Störung in der Kommunikation.

Die Autorin verweist auf eine Vielzahl vermeintlich harmloser Äußerungen im Alltag, die absurde Vorstellungen davon spiegeln, wer Juden »eigentlich« seien, was sie angeblich ausmache und wie man sich möglicherweise zu ihnen positionieren solle.

Dies beginne etwa dort, wo an deutschen Schulen Interesse entwickelt wird, doch mal einen »richtigen« Juden kennenzulernen, oder der (christliche) Religionslehrer freundlich, aber bestimmt darauf beharre, die Schreibweise von »Schabbat« auf »Sabbat« zu korrigieren. Einen kritischen Blick wirft Bernstein auch auf verbale »Echos aus der Vergangenheit«, die sich hierzulande einer merkwürdigen Beliebtheit erfreuen und Gefühlszustände beschreiben sollen – etwa euphorische sportliche Begeisterung als ein »innerer Reichsparteitag« oder »Stress bis zum Vergasen«. Hier und an anderen Stellen wirft Bernstein zwei dringliche Fragen auf: Wie gehen Jüdinnen und Juden aktuell damit um, und wie lässt sich semantische Sensibilisierung noch bewerkstelligen?

stellvertreter Noch komplizierter und »zerspiegelter« wird es, wenn Nichtjuden und Juden in Deutschland einander unerwartet begegnen. Manche Menschen, so Julia Bernstein, würden »sagen, sie hätten noch nie einen Juden gesehen, sie würden Juden lieben, manche entschuldigen sich stellvertretend für alle Deutschen bei jemandem als vermeintlichen Stellvertreter der Juden dafür, ›was ihnen alles passiert‹« sei.

Bernstein ist sich der Grenzen linguistischer Dekonstruktion und Aufklärung wohl bewusst. Ihr neues Buch ist gleichwohl ein engagierter, weiterer Versuch, sensibel zu machen für Worte und Bilder, die Juden und Nichtjuden am Ende gleichermaßen schaden.

Julia Bernstein: »Zerspiegelte Welten: Antisemitismus und Sprache aus jüdischer Perspektive«. Beltz Juventa, Weinheim 2023, 135 S., 20 €

Köln

Andrea Büttner schafft christlich-jüdisches Kunstwerk im Kölner Dom

Das geplante Kunstwerk solle die Geschichte des jüdischen Quartiers mit dem Dom verbinden, erklärte die Vorsitzende der Wettbewerbsjury

 03.04.2025

Restitution

Bremer Kunsthalle darf bedeutendes Pissarro-Gemälde behalten

Der niederländische Textilunternehmer Jaap van den Bergh hatte das Werk 1942 über Zwischenhändler an den Bremer Kaufmann Hugo Oelze verkaufen müssen, um sein Leben als von den Nazis verfolgter Jude im Untergrund finanzieren zu können

 03.04.2025

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 3. April bis zum 10. April

 03.04.2025

Todestag

Meister des himmlischen Blaus

Der Maler Marc Chagall starb vor 40 Jahren

von Jens Bayer-Gimm  03.04.2025 Aktualisiert

Streaming

Die Hollywood-Satire

In der neuen Serie »The Studio« hält der Kanadier Seth Rogen der Filmbranche den Spiegel vor

von Jens Balkenborg  03.04.2025

Bayern

Nazi-Raubkunst: Staatsminister um den Schlaf gebracht

Bayerns Kunstminister Markus Blume hat gleich mehrere Untersuchungen angekündigt. Auf seine eigene Rolle ging er kaum ein

von Michael Thaidigsmann  02.04.2025

München

Raubkunst-Debatte: Sammlungschef Maaz muss gehen

Auslöser für die Raubkunst-Debatte waren Berichte, wonach die Nachfahren von enteigneten jüdischen Kunstbesitzern nicht über NS-Raubkunst im Besitz der Staatsgemäldesammlungen informiert wurden

 02.04.2025

Todestag

Wenn Worte überleben - Vor 80 Jahren starb Anne Frank

Gesicht der Schoa, berühmteste Tagebuch-Schreiberin der Welt und zugleich eine Teenagerin mit alterstypischen Sorgen: Die Geschichte der Anne Frank geht noch heute Menschen weltweit unter die Haut

von Michael Grau, Michaela Hütig  02.04.2025 Aktualisiert

Wolfenbüttel

Buch von jüdischem Sammler an Erben übergeben

Vom Raubgut zur Schenkung: Ein Buch aus der Sammlung des Juden Benny Mielziner wurde an dessen Erben zurückgegeben. Und bleibt nun trotzdem öffentlich in der Herzog-August-Bibliothek

von Raphael Schlimbach  02.04.2025