EILMELDUNG! Likud-Bündnis mit 54 Sitzen vorn. Eisenkots Bündnis kommt auf 49 Sitze

Sprachgeschichte(n)

Rochus und broches

Beziehungsknatsch: Sie ist ihm eindeutig brojges. Foto: Thinkstock

Die früher verbreitete Wendung »einen Rochus (auf etwas oder auf jemanden) haben« wird noch heute regional im westmitteldeutschen Raum gebraucht und bedeutet: sich über etwas ärgern, eine Wut auf jemanden haben. Im Ruhrgebiet gilt der Spruch: »Beim Zocken krisse keinen Rochus wenn allet toffte läuft.«

Ins Hochdeutsche gelangte »Rochus« über das Rotwelsche, in dem es seit Ende des 19. Jahrhunderts vorkam. Im Münsterschen Unterschichtsdialekt, der Masematte, hieß es: »Er hat hamel rochus auf seine alsche« (er hat eine große Wut auf seine Frau), das Manische, ein Randgruppendialekt in Mittelhessen, formulierte: »Hui, was had er ’n rogus!« (Hui, was ist er zornig!)

Beide Wörter basieren auf dem Jiddischen. Dort findet man auch die Varianten »roches«, »rauches«, »rauges« oder »roges« für Ärger oder Zorn.

tanach Die hebräischen Quellen (im Tanach bei Hiob 37:2 und Habakuk 3:2) sind »rogez« (Groll, Hader), »ragaz« (erzürnen) und »hitragez« (sich ärgern). Das Jiddische griff sie als Nomina und Verb auf. So ist der Jähzornige ein »balrágsen«, und unter den Komposita mit »ponem«, bei denen Letzteres als pars pro toto für den Menschen steht, heißt der Wüterich »rigseponem«. Das entsprechende Verb wird transitiv wie reflexiv benutzt: »Das raugest ihn« (macht ihn wütend) oder »er raugest sich« (ärgert sich).

Das hebräische »b’rogez« (im Zorn = zerstritten sein) führte zum prädikativ verwendeten jiddischen Adjektiv »brójges« (zornig/beleidigt). »Bistu mit mir brójges, veys ich nicht for vos«, sang 1981 der rumänische Musiker Dorel Livianu im Radiosender Kol Israel. Bei Karl Kraus sagt der kaiserliche Rat im Drama Die letzten Tage der Menschheit (1919): »Sie spielen darauf an, dass Lloyd George broiges wird mit Clémenceau.« Noch heute äußert der Pfälzer, wenn Personen miteinander verkracht sind: »Die sein broches merrenanner.« Und Leo Rosten witzelt in seinem deutsch 2002 erschienen Kompendium Jiddisch – Eine kleine Enzyklopädie, dass, wenn man nicht ganz so wütend ist, »man freilich immer noch berójgeslech (ein wenig verstimmt) sein« kann.

Auch »brójges« kam in etlichen Formen vor, als »brauges«, »brauches«, »broges« oder »broches«. »Er ist brauges mit dem lieben Gott«, hörte man, wie Weinberg (Die Reste des Jüdischdeutschen, 1969) verrät, »scherzhaft von jemandem, der die Synagoge nicht besuchte, weil er den Rabbiner oder Vorbeter nicht leiden konnte oder sonst mit der Gemeinde entzweit war«.

Philologie

Mehr als Dolmetscher

Jüdische Übersetzer haben nicht nur zwischen den Sprachen vermittelt, sondern dabei auch eigene Denkformen geprägt

von Katharina Hillmann  27.10.2026

Bucerius Kunst Forum

Verstreute Meisterwerke

Eine Ausstellung in Hamburg vereint rund 100 Gemälde, Grafiken und Skulpturen aus 15 jüdischen Sammlungen und erinnert an den Kunstraub der Nationalsozialisten

von Edgar S. Hasse  27.10.2026

Kino

Wiener Blut

Ulrike Ottinger lädt in der Horrorkomödie »Die Blutgräfin« zum morbiden Vampirvergnügen und schwelgt in opulenten Bildern. Isabelle Huppert geht perfekt gestylt auf Beutezug

von Anna Maria Pahlke und Sophie Albers Ben Chamo  27.10.2026

Jerusalem

Cohen interpretiert Cohen

Der israelische Jazz-Musiker Avishai Cohen hat sich für sein neues Album ein Buch des legendären Singer-Songwriters Leonard Cohen vorgenommen

von Imanuel Marcus  27.10.2026

Nachruf

»Star Trek«-Star Walter Koenig ist tot

Seine Rolle als Pavel Chekov hatte eine humoristische Funktion. Der Charakter sollte jüngere Zuschauer ansprechen

 27.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Rote Bänke, erschöpfte Katzen – ein Nachmittag in Amsterdam

von Margalit Edelstein  26.10.2026

Düsseldorf

50 Jahre Kiss in Deutschland: Doro Pesch feiert ihre Helden

Wegen Kiss fing Doro Pesch mit der Musik an. Später wurde der jüdische Bassist, Sänger und Bandleader Gene Simmons ihr Mentor. Seither ist ein halbes Jahrhundert vergangen

von Philip Dethlefs  26.10.2026

Entgleisung

Kein Skandal ist der Skandal

Milo Rau macht aus Wagners »Fliegendem Holländer« an der Deutschen Oper Berlin eine groteske Abrechnung mit Israel – und erntet dafür kaum einen Buh­ruf

von Maria Ossowski  26.10.2026

Brüssel/Gütersloh

Lucky Luke wird in Jubiläums-Comic zum Heiligen

Ein Cowboy kann nach acht Jahrzehnten noch viel erleben. Zwischen Saloon und Prärie warten in dem lange von einem jüdischen Texter dominierten Comic häufig Gegenwartsthemen

von Shireen Broszies  26.10.2026