Zeitgeschichte

Rebell in Anzug und Krawatte

Das Wohl Israels im Blick: Menachem Begin Foto: dpa

Kein israelischer Ministerpräsident polarisierte so sehr wie der vor 100 Jahren im russischen Brest-Litowsk geborene Menachem Begin. Der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt sah in ihm eine »Gefahr für den Frieden«, für seine Anhänger war er der »König Israels«. Begins Handeln war stets auf ein Ziel ausgerichtet: das Überleben des jüdischen Volks zu sichern.

Diese Maxime entsprang seiner Lebenserfahrung. Begin wuchs in einem zionistischen Elternhaus auf und begeisterte sich früh für den Revisionismus von Zeev Jabotinsky. Politisch eher liberal, trat Begin für einen jüdischen Staat im gesamten Mandatsgebiet Palästina ein. Mit gerade einmal 24 Jahren wurde er zum Vorsitzenden der revisionistischen Jugendorganisation Beitar in Polen und der Tschechoslowakei.

Doch Nationalsozialismus und Kommunismus hatten Europa bereits fest im Griff. Begin konnte nach dem deutschen Überfall auf Polen rechtzeitig nach Litauen fliehen; sein Vater, sein Bruder und seine Mutter wurden von den Deutschen brutal ermordet. Aber auch Begin war nicht sicher. In Wilna verhafteten ihn die Sowjets als »Agent des Imperialismus« und verurteilten ihn zu acht Jahren Lagerhaft. Als polnischer Staatsbürger kam er jedoch bereits nach einem Jahr frei und gelangte mit der polnischen Armee 1942 nach Palästina.

Wehrhaft Die bitteren Erfahrungen in Europa hatten Begin die Notwendigkeit eines wehrhaften jüdischen Staates deutlich gemacht. In Palästina wurde er Kommandant der jüdischen Selbstverteidigungsorganisation Irgun Zvei Leumi und leitete ab 1944 den Aufstand gegen die britische Mandatsmacht. Anschläge sollten die Briten mürbe machen. Das Attentat auf das britische Hauptquartier im King-David-Hotel in Jerusalem mit 91 Toten und der Angriff auf das arabische Dorf Deir Yassin, bei dem 107 arabische Einwohner starben, prägten das Bild von Begin als gnadenlosem Terroristen. Am Ende obsiegte Begin: Die kriegsmüden Briten verließen Palästina.

Als Politiker im neu gegründeten Staat Israel tat sich Begin zunächst schwer. Dies lag vor allem an der israelischen Linken, die Begin dämonisierte und auch vor Vergleichen mit Hitler nicht zurückschreckte. So musste sich Begin fast drei Jahrzehnte lang mit der Rolle des Oppositionsführers abfinden. Erst 1977 und unterstützt von den gesellschaftlich benachteiligten sefardischen Einwanderern wurde Begins Likud-Partei zur stärksten Kraft in Israel. Sein Wahlerfolg ging als mahapach (Umwälzung) in die Geschichte ein – zum ersten Mal war der israelische Ministerpräsident kein Sozialist.

Siedlungen Mit Begin hielt ein neuer Stil Einzug in die israelische Politik. Statt der offenen weißen Hemden der Sozialisten bestimmten nun Anzug und Krawatte das Bild. Insbesondere die Siedlerbewegung wurde von Begins Sieg gestärkt, und so galt sein erster Besuch der Siedlung Elon Moreh. Kritischen Nachfragen von ausländischen Reportern zum Status der Gebiete entgegnete er: »Welche besetzten Gebiete? Judäa und Samaria sind befreite Gebiete.«

Gerade wegen dieser Haltung überraschte Begin politische Wegbegleiter und Gegner gleichermaßen, als er bereits im ersten Jahr seiner Amtszeit einen Friedensvertrag mit Ägypten unterzeichnete. Der ägyptische Präsident Anwar al-Sadat schien ihm ein vertrauenswürdiger Partner zu sein, und der Sinai war für Begin nicht Teil des historischen Landes Israel. Für diesen Schritt wurde Begin, der ehemalige Terrorist und Falke, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Die Bilanz seiner sechs Amtsjahre fällt dennoch durchwachsen aus. Er setzte zwar eine notwendige Liberalisierung der israelischen Ökonomie durch, diese führte aber zunächst zu einer schweren Wirtschaftskrise. Die Bombardierung des irakischen Atomreaktors Osirak 1981 war eine militärische Meisterleistung und sicherheitspolitisch wichtig. Sie hatte gleichzeitig diplomatische Verstimmungen mit den USA zur Folge.

Sündenbock Innenpolitisch war das Land ab 1982 durch den Einmarsch in den Libanon in Gegner und Befürworter gespalten. Die geplante kurze Kampagne gegen palästinensische Terrorcamps im Südlibanon wurde von Verteidigungsminister Ariel Scharon bis nach Beirut ausgeweitet. Der Tiefpunkt war die Vorladung vor die israelische Kahan-Kommission, die das Versagen der israelischen Armee während des Massakers christlich-libanesischer Milizen an Hunderten Palästinensern in Sabra und Schatila untersuchte. Zwar wurde Begin von jeglicher Schuld freigesprochen, doch für die israelische Linke stand er als Sündenbock fest.

Diese Anfeindungen waren für Begin, der das Wohl Israels über alles gestellt hatte, ein schwerer Schlag. Der Tod seiner Frau Aliza nach 44 Jahren Ehe setzte ihm ebenfalls zu. Er zog sich vollkommen zurück und reichte 1983 seinen Rücktritt mit den Worten ein: »Ich kann nicht mehr.« Bis zu seinem Tod neun Jahre später mied Begin jegliche Öffentlichkeit.

Dennoch zählt er heute zusammen mit Ben Gurion zu den wichtigsten Politikern der israelischen Geschichte. Das liegt nicht zuletzt an seinem politischen Erbe, das bis heute fortwirkt: Begins ökonomische Reformen haben Israel langfristig zu einer dynamischen Volkswirtschaft gemacht, der Frieden mit Ägypten hält, und seine Doktrin, dass Feinde Israels mit allen Mitteln vom Erwerb von Massenvernichtungswaffen abgehalten werden müssen, ist so aktuell wie nie.

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